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Sehnsüchte und ein überzogenes Konto

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Weil viele Menschen überzogene Erwartungen an den Heiligen Abend haben, gerät das Weihnachtsfest oft zu einer unfriedlichen Familienzusammenkunft.

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Weil viele Menschen überzogene Erwartungen an den Heiligen Abend haben, gerät das Weihnachtsfest oft zu einer unfriedlichen Familienzusammenkunft.

Die Medienwelt gaukelt das schönste Fest auf Erden vor. Auch in den Briefkästen finden sich vor allem zur Weihnachtezeit Bilder, die Harmonie und Zufriedenheit versprechen. Diese Erwartungen werden jedes Jahr vermittelt und nur allzu gern halten wir daran fest.

So wurde das Geburtetagsfest von Jesus Christus auf das Familienfest des Jahres zugeschnitten. Aus dem Bild der Heiligen Familie entwickelte sich das Ideal der heilen Familie, Doch wo gibt es die wirklich? „Ich freu' mich über jede Familie, in der es sie gibt, aber wir müssen mit der Bea-lität leben”, meint beispielsweise Diplomsozialarbeiterin und Psychotherapeutin Anneliese Hasenöhrl. Es werden in dieser Zeit besonders viele Depressionen ausgelöst, weil es bei der Mehrheit der Familien eben nicht so klappt.

„Wenn man genau hinschaut, war die Heilige Familie aus der Bibel gar nicht die vollkommene Familie, von der wir heute träumen. Maria und Josef waren nicht verheiratet, und Maria war schwanger. Das heißt also, daß es die heile Familie ja gar nicht gegeben hat.” rückt Sozialarbeiterin Maria Benda-Fürtinger das Idealbild ins rechte Licht. „Sie haben gefroren und damals im Grunde dieselben Probleme gehabt wie unsere Klienten heute.” Das wird in unserer Gesellschaft am Heiligen Abend oft ausgeblendet, und so setzen sich die Familien selbst zu große Ziele, projezieren all ihre Wünsche und Sehnsüchte in den Heiligen Abend.

Das oft unerfüllbare Bild vom Weihnachtefest führt zur Verfremdung des Ursprungs. Wenn heutzutage ein Vater seine Familie am Heiligen Abend zum Beten eines „Vater unser” auffordert, wird die Situation nicht selten ins Lächerliche gezogen. Der Betroffene war es jedoch als Kind in seiner Familie so gewohnt und erinnert sich gerne daran. Für ihn sind die Reaktionen der anderen dann frustrierend.

Der Grund liegt darin, daß in vielen Familien der religiöse Bezug zum Weihnachtefest fehlt. So verlagern sich die Schwerpunkte am Weihnachteabend auf das Essen, die Geschenke und den Fernseher. Die Feier wird für viele Beteiligten zur Enttäuschung. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit und nach dem miteinander reden und manchesmal ein überzogenes Konto.

Die Weihnachtezeit, wie auch die Urlaubszeit, geraten in vielen Familien deshalb zum Desaster, weil auf einmal etwas da ist, was ungewohnt ist: Zeit. So kommt während der Weihnachtefeiertage oft alles das zur Sprache, was man sich schon lange hätte sagen müssen. Das ganze Jahr über ist es aber möglich, dem anderen auszu- weichen. Durch Arbeit, Einkauf und andere Verpflichtungen ist der Alltag streng strukturiert. Man spricht in Floskeln miteinander, oder - öfter noch - aneinander vorbei. In dem Moment, wo Zeit da ist, können wir nicht mehr mit ihr umgehen.

Plötzlich erleben die Menschen | eine enorme Sprachlosigkeit, in der sie den anderen nicht mehr so richtig wahrnehmen können. „Man sitzt wie vor einem Fremden und hat die unbewußte Erwartung, der andere müsse eigentlich Gedanken lesen können”, deutet Brigitte Nowak, Diplomsozialarbeiterin und Psychotherapeutin, die Situation. „Dadurch entstehen Mißverständnisse, die sehr leicht zum Ausbruch führen.” Aus ihrer Berufserfahrung weiß sie, daß manche Kinder nicht einmal einen ganzen Satz sagen können, weil sie es nicht gewohnt sind. Und viele leben ein Leben lang zusammen, ohne sich je nahe gekommen zu sein.

Doch die Weihnachtekrise hat ihre Wurzeln auch noch in anderen Bereichen. So wird rund um die Weihnachtezeit die finanzielle Not für viele Familien zur Qual. Bei Alleinerziehern fällt dieses Problem besonders ins Gewicht, da der nicht erziehende Elternteil oft mit übergroßen Geschenken kommt. Damit erzeugt er Minderwertigkeitegefühle bei demjenigen, der das ganze Jahr über für die Kinder sorgt und finanziell nicht mithalten kann.

Gleichzeitig erleben die Kinder eine idealisierte Vorstellung vom anderen Elternteil. Bei Besuchen kann man viel versprechen, muß keine Grenzen ziehen und spielt die Betroffenen so gegeneinander aus.

Das Weihnachtefest wird dadurch oft zum Fest emotionaler Erpressungen. Man schenkt mit Geld, das mannicht hat, einem

Menschen den man nicht mag, etwas, das der gar nicht will.

Der Advent könnte hier wieder an Bedeutung gewinnen. Von Grund her ist er als Vorbereitung auf die Ankunft Jesu gedacht. Wenn es also schon seit Jahren zum großen Krach am Weihnachteabend kommt, kann man sich innerhalb der Familie ja einmal fragen, wie es der andere gerne hätte. Die unterschiedlichen Bedürfnisse sollten schon vorher besprochen werden.

Eine wichtige Bolle übernehmen dabei Bituale. „Bitualesind keine Starrheit, sondern ein Stützgerüst. Sie geben den Menschen Halt und Orientierung. Ohne sie geht etwas verloren”, meint Sozialarbeiterin Benda-Fürtinger. Bituale sollten nicht unveränderbar sein, aber eben eine gewisse Struktur bieten. Viele religiöse Traditionen sind verlorengegangen, weil man der nächsten Generation deren Sinn nicht mitgegeben hat.

Ohne Hintergrund werden sie als Korsett erlebt, und man versucht sie abzuschütteln. So verliert man aber auch die Sicherheit, die Bituale bieten können (siehe dazu auch furche 50/1996, Seite 9).

„Die Gestaltung von Festen ist heute nicht mehr in ”, meint Psy chotherapeu ti n Hasenöhrl. Die wichtigste Frage sei, was Gutes auf den Tisch kommt. Außerdem streite man noch, ob die Geschenke vor oder nach dem Essen geöffnet werden sollen. Abgerundet werde der Abend mit dem Bild vom idealen Weihnachtefest aus dem Fernsehen.

Viele glauben, diesem ganzen Trubel ausweichen zu können, indem sie ins Ausland fliehe An Weihnachten fortzufahren hat aber oft auch andere Gründe: Der Hotelbesitzer bietet jeden Abend eine Show zur Unterhaltung, und man ist nicht nur mit seiner Familie konfrontiert. Das „all-inclu-siv”-Paket enthält mit seinem umfangreichen Angebot eben auch Ablenkung vom persönlichen Gespräch. Verdrängt wird dabei jedoch, daß einem der ungelöste Konflikt auch unter dem Weihnachtebaum im Disneyland einholen kann.

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