"Seither war ich besessen"

Mit zweieinhalb begann er, an der Geige herumzuspielen. War er also ein "Wunderkind"? Nein, beteuert Julian Rachlin.

Die Furche: Herr Rachlin, Sie haben 1988 als 14-jähriges "Wunderkind" beim Eurovisionswettbewerb im Concertgebouw Amsterdam den Durchbruch geschafft. Haben Sie sich je abseits der Norm gefühlt?

Julian Rachlin: Nein, ich habe mich auch nie als "Wunderkind" betrachtet. Mit diesem Wort geht man zu leichtfertig um. Wunderkinder gibt es in der klassischen Musik sehr wenige. Vielleicht Mozart: Wenn man im Alter von vier, fünf Jahren die ersten, wunderbaren Kompositionen schreibt, dann kann man das als Wunder bezeichnen. Oder Yehudi Menuhin, der im Alter von acht Jahren unglaubliche Interpretationen eines Beethoven-Violinkonzertes mit Bruno Walter als Dirigent geliefert hat. Ich war sicher kein Wunderkind, sondern nur ein Kind, das in sehr jungen Jahren vielleicht ein bisschen besser Geige gespielt hat als die anderen.

Die Furche: Das klingt verdächtig nach Untertreibung ...

Rachlin: Nein, es war so. Ich musste auch sehr viel üben und hart arbeiten. Ich habe nur ein gewisses Talent in die Wiege bekommen, das man nicht erklären kann. Aber dafür kann ich ja nichts.

Die Furche: Ihre Eltern sind auch Musiker?

Rachlin: Ja. Mein Vater ist Cellist beim niederösterreichischen Tonkünstler-Orchester, und die Mutter unterrichtet Klavier am Konservatorium und ist ausgebildete Chor-Dirigentin.

Die Furche: Wie sind Sie zu Ihrer ersten Geige gekommen?

Rachlin: Über Umwege, weil ich eigentlich Cellist werden wollte. Das ist auch bis heute mein Lieblingsinstrument. Aber eines Tages, als wir noch in Litauen waren (im Alter von vier Jahren ist Rachlin mit seinen Eltern nach Österreich ausgewandert, Anm. d. Red.), sind meine Großeltern mütterlicherseits mit einer billigen Fabriksgeige gekommen und haben mir die als Cello verkauft. Aber weil mich mein Vater schon in Litauen oft zu Proben mitgenommen hat, habe ich bald gesehen, dass das kein Cello ist. Trotzdem habe ich angefangen, die Geige ohne Pädagogen zu bearbeiten. Und seither bin ich nie mehr losgekommen.

Die Furche: Dass ein Zweieinhalbjähriger Vergnügen daran findet, an einer Geige herumzuspielen, verwundert doch ein wenig ...

Rachlin: Für mich war die Geige das natürlichste Spielzeug. Eigentlich hat mich aber immer noch das Cello fasziniert, vor allem eine Aufnahme des DvoÇrák-Cellokonzerts mit Mstislav Rostopovic und den Berliner Philharmonikern unter Karajan. Diese Aufnahme war als Zweijähriger die erste Berührung mit Musik - und seither bin ich besessen.

Die Furche: Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Rachlin: Die haben mich nicht wirklich ernst genommen. Vielleicht war das auch das Tolle - darum liebe ich Musik auch heute noch, mit 31. Es war überhaupt kein Druck da. Ich musste sie fast anbetteln, bevor ich im Alter von sechs Jahren und neun Monaten meinen ersten Lehrer bekommen habe. Das war schon ziemlich spät.

Die Furche: Häufiger ist wohl der Fall, dass ehrgeizige Eltern versuchen, ihre eigenen Jugend-Träume bei ihren Kindern wahr zu machen ...

Rachlin: Das ist sicher oft der Fall - und auch eine große Gefahr. Viele so genannte "Wunderkinder" haben deshalb auch ein schnelles Ablaufdatum - spätestens in der Pubertät. Die sehr jungen Karrieren sind die gefährlichsten. Ein talentiertes Kind soll darum besonders behutsam und so "normal" wie möglich behandelt werden. Aber natürlich sollte man es auch bestmöglich unterstützen.

Die Furche: Neben Unterstützung und Talent braucht es auch Fleiß. Wie viel haben Sie als Kind geübt?

Rachlin: Ungefähr drei Stunden am Tag. Den Rest der Zeit bin ich ganz normal mit den Freunden auf den Fußballplatz oder ins Kino gegangen. Ich habe eine wundervolle Kindheit gehabt und auch nicht das Gefühl, irgend etwas versäumt zu haben. Im Gegenteil: Zusätzlich zu den Sachen, die alle anderen Kinder gemacht haben, habe ich noch das getan, was mir am liebsten war - Geige spielen!

Die Furche: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie mit 14 Jahren im Concertgebouw auf die Bühne gegangen sind?

Rachlin: In dem Moment, als ich die Bühne betreten habe, war das für mich etwas Magisches, fast Heiliges: dieser Moment, wo das Publikum nach dem Auftrittsapplaus fast still ist, aber trotzdem fühlt man das Knistern. Diese Interaktion zwischen dem Publikum und der Bühne spüre ich immer ziemlich intensiv.

Die Furche: Viele Leute würden solche Momente nur schwer überstehen. Wie kommen Sie mit dem Erwartungsdruck zurecht?

Rachlin: Das dauert seine Zeit. Am Anfang fällt es einem oft noch sehr leicht, weil das unbewusst geschieht. Dann kommt die Phase, wo man mit dem Druck nicht mehr umgehen kann. Und dann muss man wieder zurückkommen in die Phase, wo man fast schwebend auf die Bühne geht. Das ist ein schmaler Grat zwischen Demut vor der Musik und enormem Selbstbewusstsein. Wenn man hier nicht an sich selber glaubt, wird man das Publikum nie überzeugen können. Aber es darf auch nicht in Überheblichkeit ausarten, denn dann leidet sofort die Musik darunter.

Die Furche: Wie schwer gelingt es Ihnen, mit sich zufrieden zu sein?

Rachlin: Sehr schwer. Aber nur die kritische Auseinandersetzung erlaubt es einem ja, sich weiterzuentwickeln. Man muss die eigenen Schwächen erkennen und auch die eigenen Vorlieben immer wieder kritisch hinterfragen. Mir hat Rostopovic einmal erzählt, dass ihm Prokofjew gesagt hat, dass man seinen eigenen Geschmack genauso putzen muss wie die eigenen Zähne.

Die Furche: Hat es Momente gegeben, wo Sie Ihre Profession verflucht haben, weil so viel verlangt wird?

Rachlin: Schon. Aber auch in diesen Phasen, wo ich frustriert war, hat das Gefühl überwogen, dass ich mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen kann. Und dass ich der Violine hilflos ausgeliefert bin.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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Über begabte Kinder wird gern gesprochen. Im Fotoband "Hochbegabte. Eine glückliche Kindheit", dem vier Bilder dieses Dossiers entnommen sind, kommen sie selbst zu Wort. In kurzen Interviews beschreiben sie ihre Interessen, Träume - und warum Erwachsene oft so mühsam sind.

HOCHBEGABTE. Eine glückliche

Kindheit. Von Wilhelm W. Reinke.

Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2003. 48 Seiten, geb., e 16,50.

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