Sonderbare Leichtigkeit

Birgit Vanderbekes Roman über den unaufhaltsamen Aufstieg einer geheimnisvollen Koreanerin.

Im Mittelpunkt eines beschaulichen Dorflebens steht plötzlich eine geheimnisvolle Frau. Die neue Romanheldin Birgit Vanderbekes, Frau Choi, taucht eines Tages in einem südfranzösischen Nest mit dem Namen M** auf und will hier, von wo es alle wegzieht, leben. Noch dazu in einem Haus, das bisher als unverkäuflich galt. Und es kommt, wie es kommen muss.

Die verwitwete Frau Choi aus Gwangju passt gut in dieses merkwürdige Dorf mit seinen wenigen Bewohnern. Sie schafft es nicht nur, das Haus "bewohnbar zu machen", sondern sie verschafft sich binnen kurzer Zeit den Respekt und die Achtung sämtlicher Dorfleute. Bald entschließt sie sich, "etwas anzufangen", wie sie sagt. Damit meint sie die Eröffnung eines Lokals, das sie bald berühmt macht und dem Ort zu Wohlstand verhilft. Die Bewirtschaftung eines Feldes nach allen Regeln koreanischer Weisheit gehört dazu. Gepflanzt werden Bambus oder Hinoki-Zypressen, und schließlich wird es schier märchenhaft: Rote und Lilagold-Feuerfalter tummeln sich in der Gegend. Touristen kommen, fotografieren vom Aussterben bedrohte Tiere und speisen im Bapguagup, das architektonisch und kulinarisch zum Highlight der Region wird. Und über allem schwebt sanft die geheimnisvolle, zauberhafte Frau Choi, deren ins Haar gesteckter Schmetterling bei jeder Bewegung flattert.

Schmetterling im Haar

Mit dem Dorf M** geht es stetig aufwärts. Dank Frau Choi und eines Mordes. Der Tod des Bürgermeisters, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und die Belange des Dorfes nie im Auge hat, kommt plötzlich und ist mysteriös. Weitere kriminalistische Zwischenfälle folgen, aber es trifft immer Widersacher und Bösewichte, Gewaltanwendung von außen kann nie nachgewiesen werden.

Es gibt Bücher, die vom Geheimnis und dessen magischer Schattierung leben, ihre Erdung aber trotzdem in der Wirklichkeit haben. Und es ist interessant, dass es oft nur kleinster Verschiebungen im Erzählen bedarf, um diese Realitätsverrückung zu erreichen. Subtile Details als Mittel zum Zweck, als Katalysator, um den Imaginationsraum zu vergrößern. Birgit Vanderbekes jüngstes Buch "Die sonderbare Karriere der Frau Choi" scheint in dieselbe Kerbe zu schlagen. Zumindest wird man bis zum Schluss der Lektüre das Gefühl nicht mehr los, dass irgendetwas in dieser Geschichte nicht stimmt. Oder bestätigt gerade dieser sonderbare Verlauf der Ereignisse die Regel über die Mechanismen der Realität?

Vanderbekes Roman liest sich flott angesichts des locker gestrickten Konzepts mit vielen Seitenarmen. Ein auktorialer Erzähler führt durch den Text, deutet voraus, führt und kommentiert die Handlung. Auf diese Weise ist man als Leser immer informiert und weiß - anders als bei herkömmlichen Kriminalgeschichten - mehr als die Figuren, auch alles über die Wirkung des Schöngelben Klumpfußes und über das Fadenmuster hinter den einzelnen Verbrechen, was manchmal schade ist und mitunter den Effekt der Spannung nimmt.

Muster des Verbrechens

Die Leute im Dorf, die Touristen rennen einem neuen Lebensstil nach, der Asia-Touch erhält Kultcharakter, und dazu entfaltet die schlichte Architektur des koreanischen Architekten Itami Jun, der die Landschaft behutsam nach Feng Shui-Prinzipien in seine Konzepte miteinbezieht, ihre Wirkung. Außerdem ist die Leichtigkeit der beharrlichen Frau Choi bei der Lektüre ständig präsent.

Was dennoch stutzig macht, ist die Leichtigkeit, mit der diese Morde passieren, unaufgeklärt bleiben und zur Normalität werden, ohne dass sie verstören oder weh tun. Sie scheinen zum Konzept der steilen Karriere zu gehören inmitten der bunten Schmetterlinge und biologischen "Algen aus dem Forellenbecken von Hervé".

Die sonderbare Karriere der Frau Choi

Roman von Birgit Vanderbeke

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007

124 Seiten, geb. € 17,40

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