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Spiel mit Klischees

Magdalena Sadlon rekrutiert das Personal ihres neuen Buches "Solange es schön ist" aus den Bewohnern eines Wiener Mietshauses.

Magdalena Sadlon ("Die wunderbaren Wege") ist eine Expertin für peinliche Situationen, für das mit Vorurteilen fundierte alltägliche Missverständnis, für die bunte Vignette: Ihre Figuren sind mit wenigen Strichen markant gezeichnet, ein bisschen gleichen sie den aufgespießten Exemplaren einer Schmetterlingssammlung, ihre Autorin betrachtet sie mit distanziertem Interesse, und den Lesern geht es genauso. Dass das Personal ihres neuen Buches sich aus den Bewohnern eines Wiener Mietshauses rekrutiert, kommt Sadlons Neigung zur Präsentation mehr oder minder dezenter Verschiedenheiten also entgegen.

Ohne Begabung zum Glück

Johanna Bütt, die Hauptfigur von "Solange es schön ist", ist Anwaltssekretärin, eine nicht mehr junge Frau, der die "Begabung zum Glück" fehlt, die zuviel und zu verworren nachdenkt, sich von Begriffen umzingelt fühlt. Auf der Suche nach "Intensität" erfindet sie Geschichten, in denen sie ihre Rolle täuschend echt spielt - eine Vergewaltigung, eine lesbische Liebesaffaire - letztlich eine Form der Beziehungspflege, die ihr Freund Robert nicht goutiert. Als dieser die Flucht ergriffen hat, stürzt Johanna sich in ein wenig aussichtsreiches Pantscherl mit dem traurig versoffenen Casanova Gregor, auf dessen Photographenmasche auch Roberts Schwester Tina hereinfällt, die von ihrer Ehe mit dem stumpfsinnigen Buschauffeur Franzi weidlich frustriert ist. Diese erotischen Umtriebe ziehen ein boulevardeskes Stiegenhaustreiben nach sich, das wiederum von der rüstigen Pensionistin Frau Kralik und dem schleimigen Hausmeister Fuchs mit Argusaugen registriert wird.

Schon aus der Inhaltsangabe wird ersichtlich, dass Sadlons "Roman" (der wohl eher Erzählung heißen müsste) mit Klischees und Kolportageelementen spielt; hie und da rutscht die Autorin bei ihrer ästhetischen Gratwanderung auch ab, dank einer guten Portion Ironie fängt sie sich aber immer wieder.

Die Vorliebe für den grellen Effekt spiegelt sich auch in der Sprache. Da stehen Sätze wie "Was war schlecht daran, daß ihr Körper pochte und schrie". Da entgleist so manches überkandidelte Bild: "Die Augen karrten die Themen heran." Oder: "Johannas Gedanken zogen die Notbremse, und als Airbag vergrub sie schnell den Kopf in ihrer Tasche."

Auf der Habenseite dieses Stils lassen sich hingegen die präzis zugespitzten Dialoge und Szenen verbuchen, in denen Leute versuchen, einander näher zu kommen, die sich eigentlich recht wenig zu sagen haben. Frau Kralik zum Beispiel spricht beim Äußerln ihres Zwergpudels die ihr bisher nur vom Sehen bekannte Supermarktkassiererin an, die ebenfalls einen Hund hat. Man kommt ins Gespräch, Frau Kralik echauffiert sich über die Jugend und die vielen Ausländer, worauf sich herausstellt, dass die Kassiererin selbst Ausländerin ist. Na ja, in Österreich sei eh jeder "irgendwie ein Gemisch", schwächt die Alte ab. - "So ging es weiter, freundlich und peinlich Schritt um Schritt." In solchen Sätzen zeigt sich Magdalena Sadlons Fähigkeit, mit wenigen Worten viel zu sagen. Ganz ähnlich endet der Annäherungsversuch zwischen Frau Kralik und dem Hausmeister am Christkindlmarkt: "Sie gingen nach Hause. Gemeinsam zwar, aber in unterschiedliche Richtungen schweigend."

Sehr schön beschreibt Sadlon auch das merkwürdige Erlebnis, das ein Jagdausflug dem Zyniker Gregor beschert: Der eingefleischte Städter kehrt nicht nur mit einem blutigen Fasan heim, mit dem er nichts anzufangen weiß - er findet sich auch seltsam berührt vom archaischen Ritual, von der Lust an der Jagd und dem Töten, das ihm als ein sehr ernstes Geschäft erscheint.

Schräg und bizarr

"Solange es schön ist" bietet keinen Fortschritt, keine Entwicklung der Figuren an, sieht man davon ab, dass Johanna einen Psychologen aufsucht, auf den sie allein wegen seines Namens verfallen ist: Doktor Munter bekommt die Geschichte ihrer Kindheit zu hören, sie erzählt von ihrem Vater, einem Rauchfangkehrer, der sich just an einem Schornstein erhängte, und ihrer dominanten Mutter, die sich überall erfolgreich als feine Dame gibt.

Gerade das Schräge und Bizarre macht den Reiz dieses kleinen Buches aus - es hätte des Knalleffekts am Schluss nicht bedurft, der die Geschichte als ein Echo der "Brücke von San Luis Rey" erscheinen lässt. Gregor, der gerne mit Bonmots beeindruckt, hat das Ende einmal vorweggenommen: "Wir sollten dem Zufall dankbar sein, er verbindet Dinge, die nicht zusammengehören {...}. Er ist wissenschaftlich gesehen eine Anomalie."

Solange es schön ist

Roman von Magdalena Sadlon

Zsolnay Verlag, Wien 2006

110 Seiten, geb., e 15,40

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