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Spitzenfrommigkeit

Wir meinen hier nicht eine besonders tiefe Gottesverehrung; sondern die weibliche Unart, an kirchlichen Gewändern überall Spitzen anzunähen. Es ist zunächst unpraktisch. Auf die Spitzen an der Alba steigt man gerne drauf, und dann schleppt man die abgetretene Spitze hinter sich her. Mit den Spitzen an den Aermeln bleibt man an Kanontafeln, Tabernakelschlüsseln, Speisekelchdeckeln und gotischen Kelchen hängen. Manche Speisegitter sind spitzenfeindlich eingestellt, sie stecken boshaft allerlei Verzierungen hervor, die Spitzen verhaken sich und dann gibt’s beim Weitergehen ein häßliches Ge- räusch, die Andacht wird gestört und der Mesner jammert.

Man wird sagen: So ungeschickt ist eben nur ein Mann. Zugegeben. Aber da ja nur Männer diese Art von Kleidern tragen, darf man sie ihnen eben nicht geben. Wir wollen aber versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen, warum ernste Seelsorger gewöhnlich Spitzen nicht leiden können. Sie spüren nämlich, glaube ich, daß dieses ganze Spitzenzeug gar nicht zum Meßopfer paßt. Angenommen, eine ..Seherin“ schaut in Verzückung die Kreuzigung und erzählt nachher: Und ich sah, wie Maria Magdalena ein Spitzendeckerl um das Kreuz herumlegte (bitte, es möge sich niemand aufregen, ich hab’ schon weit albernere „Beschauungen" gedruckt gesehen, und sie waren sogar ernst gemeint). Wir würden doch sofort sagen:

' ‘'IWese angebliche Beschauung ist ein Unsinn, es 1 ist einfach unwürdig, mit solchem Kram auch nur in die Nähe des Kreuzes zu kommen. — Gut: ist das Meßopfer nicht die Wiederholung des Kreuzesopfers? Dadurch, daß es unblutig gefeiert wird, verliert es doch nichts an Würde und Ernst!

Aber noch mehr. In diesem Spitzenzeug drückt sich vielleicht die Sucht aus, das Große und Heilige sich ein wenig mundgerecht zu machen. Man erniedrigt es zu einem Ding, das man aufputzen kann, es wird herzig gemacht, man gibt . ihm eine süße Note. In keiner Weise soll einer protestantischen Nüchternheit das Wort geredet werden, aber müssen wir uns nicht bemühen, mehr und mehr zur Ehrfurcht vor dem Heiligen fcu kommen? Und dazu gehört nun einmal ein gewisser Abstand. Es ist verständlich, wenn eine liebende Hand die Heiligtümer mit einem kostbaren Rahmen umgeben will. Aber es ist Gefahr, daß mit der Zeit der Rahmen zur Hauptsache wird. Er rückt zu sehr in den Mittelpunkt, das Eigentliche tritt zurück. Man könnte auch sagen: der Mensch tritt hervor, Gott wird zurückgedrängt. Der Mensch und seine Ansprüche gelten mehr als Gott. Wir wollen etwas sehen, etwas hören, unsere Sinne sollen auf ihre Rechnung kommen. Beten und Opfern ist aber eine Erhebung des Geistes zu Gott. Ich weiß, daß beim Folgenden sich ein Geschrei erheben wird, aber ich sage es trotzdem: nach meinem Empfinden paßt auch ein Großteil der Kirchenmusik nicht zum heiligen Geschehen am Altar. Wiederholung des Kreuzesopfers und dazu ein munteres Ge- wirbel tanzender Noten vom Chor herunter? Muß es uns nicht nachdenklich machen, daß die \ Messen der Wiener Klassiker gerade einer Zeit entstammen, da von kirchlicher Gesinnung in Oesterreich recht wenig vorhanden war, ein mehr diesseitiges Christentum herrschte, das Staatskirchentum sich breitmachte und eine platte Vernünftelei jegliches Mysterium austilgen wollte? Kein Wort gegen die Wiener Klassiker als Tondichter, das ist selbstverständlich. Aber als Kirchenmusiker sind sie recht anfechtbar. Und was gewisse Messenfabrikanten in der Zeit nachher zusammengeschrieben haben, das trägt nicht einmal das Siegel des großen Künstlers und hat daher nicht einmal diese Entschuldigung. Es gibt da Weihnachtsm ,ssen, in denen vor lauter Hirtengedudel das Erscheinen des Welt- erjösers ganz in den Hintergrund tritt. Es sind die „lieben“ Messen, und sie sind auch sehr beliebt. Und falls jemand die bisherigen Auslassungen zu puritanisch finden sollte, dann könnte ich ihm erzählen, daß heuer ein heidni scher Japaner im Frühjahr nach Wien kam und nach einem Rundgang durch die Stadt sagte: „Oh, wir in Japan, wir haben ein Fest der Kirschenblüte; ich sehe, daß sie hier haben ein Hühnerfest, aber das ist nicht so poetisch.” Es war nämlich gerade Osterzeit, und die Auslagen waren mit Küchlein übersät. Das Weihnachtsfest droht zu einem Totengedenktag zu werden; mehr und mehr bürgert sich an diesem Tag ein Friedhofsgang mit Lichtern auf den Gräbern ein; der Sonntag ist bloß der Schluß des Festes des Wochenendes, und von Pfingsten und Firmung , reden wir erst gar nicht. Dafür haben wir den Muttertag, und der Valentinstag beginnt modern zu werden. Nun, es hat niemand etwas dagegen, wenn durch Einführung neuer weltlicher Feste das Wirtschaftsleben etwas angekurbelt werden soll. Aber wir Christen sollten viel dagegen haben, daß die Hochfeste der Menschheit so lange ausgehöhlt werden, bis nichts mehr da ist. Und das kommt nur zum Teil vom geringen Glauben. Viel Schuld trägt der Rahmen um diese Feste. Er erstickt und erwürgt das Eigentliche. das Heilige verschwindet mehr und mehr, bis eines Tages nur noch der Rahmen übrig bleibt. Und den kann man ja dann sehr gut auch für ein rein weltliches Fest verwenden. Wir sehen: die Spitzen an der Alba sind gar nicht so unschuldig, wie sie tun. Wollte Gott, daß im kirchlichen Raum edle Einfachheit durchdringe. Angefangen wurde ja schon damit, aber man hört dann immer wieder: Das ist so, nüchtern! Nun, es kommt darauf an. Wir reden hier von edler Einfachheit. Schauen wir uns die alten Basiliken an. Die sind nicht nüchtern, aber einfach. Und man geht in ihnen ganz von selbst leise umher; man spürt, daß man in einem Bezirk ist, der zunächst Gott gehört und in dem wir Menschen sein dürfen. Gott ist einfach, und so soll auch alles, was zum Gottesdienst gehört, einfach sein. Wir müssen nur wissen, daß ein großer Unterschied ist zwischen Einfachheit und Aermlichkeit. Manche Choralmelodie ist sehr einfach, aber sie übertrifft an Wert ein feines Orchesterwerk, in dem kein Instrument unbeschäftigt bleibt. Ist eine griechische Säule nicht schön, gerade weil sie einfach ist? Drücken die knappen Worte der Liturgie nicht mehr aus, als in dicken Erbauungsbüchern steht?

Der Krimskrams in den Kirchen ist ein Ausdruck unserer Frömmigkeit. In ihr ist nämlich auch viel Krimskrams. Ich gehe jede Wette ein, daß die Mehrzahl der Kirchenbesucher nicht weiß, wozu sie überhaupt katholisch ist. Und wenn man sie über die Grundwahrheiten unseres Glaubens fragte, blieben viele die Antwort schuldig oder brächten reichlich ungereimtes Zeug hervor. Dafür wüßten sie aber eine Menge anderer Dinge, die mehr den Randbezirken des Glaubens angehören. Lieber Leser, falls du noch nicht wütend bist, frage dich einmal selbst: Was ist eigentlich mein Ziel auf dieser Erde, was ist heiligmachende Gnade, was das Kreuz, was das Meßopfer, was ein Sakrament, was die Kirche? Kannst du ohne Nachdenken Antwort geben? Aber das müßtest du doch, es sind doch die Grundlagen unseres Glaubens! Aus ihnen und nach ihnen lebst du doch. Sie müßten dir so geläufig sein wie die Grunderfordernisse deines Berufes.

Ich glaube, das Ziel der Seelsorge müßte sein, die klaren, einfachen Linien unseres Glaubens aufzuzeigen. Das ist auch der Weg, zu klaren, einfachen Linien in den Aeußerungen unseres Glaubens zu kommen. Ein falscher Weg wäre daher, von den Kirchengewändern die Spitzen herunterzutrennen und zu meinen, jetzt wäre etwas geschehen. Sie mögen so lange dranbleiben, uns zum Aergernis, bis die Glaubenslehre in ihren großen Zügen bekannt ist. Aber auch die Glaubenslehre wird nicht dadurch „gereinigt“, daß man überheblich alles „ablehnt" — wie ich dieses Wort hasse! —, was einem nicht paßt. Das wäre eine Verarmung, und es könnte leicht sein, daß bei den abgelehnten Dingen auch ''eroflichtende Glaubenssätze liegen. Der richtige Weg wird wohl sein: Wir suchen immer tiefer in unsern Glauben einzudringen, suchen die Grundwahrheiten immer klarer zu erfassen und nach ihnen zu leben. Wir werden da auf Werte stoßen, die uns so viel Freude geben, daß wir das Beiwerk gar nicht mehr mögen. Und wenn das in weitere Kreise gedrungen sein wird, was in dreihundert Jahren leicht erreicht werden kann, dann wird ganz von selbst der Unfug aufhören, heilige Kleidung mit neckischem Spitzengetriller einzusäumen.

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