Digital In Arbeit
Literatur

Spurensuche in Italiens Gärten asdasd

1945 1960 1980 2000 2020

Eine englische Autorin im Dialog mit der 1937 verstorbenen "Grande Dame der amerikanischen Literatur" Edith Wharton.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine englische Autorin im Dialog mit der 1937 verstorbenen "Grande Dame der amerikanischen Literatur" Edith Wharton.

Jeden Stein, den John Ruskin, der prätentiöse Hohepriester der Ästhetik, in seinen Reiseführern über Venedig und Florenz erwähnte, hat Edith Wharton später gesucht, jeden Weg, den er beschrieben hatte, beging auch sie auf seinen Spuren, seine Empfindungen nachempfindend. 100 Jahre später wandelt die englische Schriftstellerin und Fotografin Vivian Russell auf Edith Whartons Spuren durch Italien: Suche nach den Spuren einer Spurensuche, Nachempfindung einer Nachempfindung. Und doch etwas mehr.

Wharton war hingerissen von Ruskin, dem Trendsetter des großbürgerlichen Designs im späten 19. Jahrhundert. Aber sie konnte auch mit ihren eigenen Augen sehen. Vivian Russell überlagert das Italienbild der berühmten Amerikanerin mit ihrem eigenen, drückt sich aber selbst hauptsächlich mit der Kamera aus. Das Resultat: "Literarische Reise durch die Gärten Italiens - Auf den Spuren Edith Whartons" und könnte auf den ersten Blick leicht für das hundertunderste Buch über die italienischen Gärten gehalten werden. Das Thema reizt bekanntlich immer wieder Schriftsteller und Fotografen. Doch Vivian Russells Methode, diese Gärten nicht unmittelbar auf sich wirken zu lassen, sondern ihr heutiges Bild und das vor einem Jahrhundert gezeichnete zu vergleichen, bewahrt den Band vor einer solchen Einordnung. Der Kunstgriff erleichtert es der Autorin, uns nicht mit Beschreibungen zu langweilen. Er enthebt das Buch sozusagen dem Parterre der Fotobände und transportiert es in die Bel Etage der kulturgeschichtlichen literarischen Reflexion.

Dabei lernen wir eine komplexe, interessante Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts kennen. Die 1862 geborene Edith Wharton beschrieb in ihren Romanen und Erzählungen Amerikas reiche Oberschicht. In diese Gesellschaft war sie als Edith Jones hineingeboren worden, in den kulturbeflissenen Geldadel der USA, der es nicht mehr nötig hatte, Geld zu machen, sondern sein Leben dem Geldausgeben widmen konnte, im konkreten Fall den verfeinerten, kultivierten Methoden. Zum ererbten Geld gesellte sich das angeheiratete: Mit 23 Jahren hatte Edith Jones den Bostoner Bankier Edward Wharton geheiratet und brauchte nun auch ihre literarischen Ambitionen nicht mehr zu verstecken.

Typisch für Amerikas Geldadel (und wohl auch für den europäischen) jener Zeit: "Obwohl ihre Eltern die Literatur sehr schätzten, hatten sie eine nervöse Angst vor denen, die sie schufen. Malen und Schreiben galten immer noch als beunruhigend ..." Der Papa hatte eine große Bibliothek, doch Edith durfte nichts lesen, was sentimental, "outriert" oder gar modern war und landete daher "in den ungefährlichen und reinen Armen der klassischen Dichtung". Außerdem mieden die Eltern offene, Gefühle und Meinungen preisgebende Menschen: Nicht nur Adel, sondern auch Geld verpflichtet eben, vor allem, wenn es den Adel nachahmt. Ergebnis: Edith schrieb schon früh, aber heimlich. Die Welt der Dichter und Künstler als geheimnisvolle, leicht verruchte Welt. Edith Wharton erlag gleich der Anziehungskraft zweier geheimnisvoller Welten, die in der Tiefe des Unbewußten miteinander korrespondieren: Nicht nur der Welt der Dichter und Künstler - noch viel früher, schon als Kind, erlag sie der Anziehungskraft geheimnisvoller, kunstvoll gestalteter Gärten.

Die italienischen Gärten lernte sie schon als Kleinkind kennen. Vier Jahre alt war sie, als die Eltern wegen der Tuberkulose des Vaters nach Italien übersiedelten. Als sie mit der Zehnjährigen heimfuhren, hatten sie in Italien, Frankreich und Deutschland gelebt. Edith sprach außer Englisch Italienisch, Französisch und Deutsch. 1881 kehrten die Jones nach Europa zurück und lebten nun im Mekka der Mondänen und der Tbc-Kranken, in Nizza. Und wieder wurde viel nach Italien gereist. Dabei wuchs Edith zu einer der kultiviertesten Frauen Amerikas heran und hatte gelernt, Kulturen auf sich einwirken zu lassen, dabei aber immer zu vergleichen: "Ich wurde mit einer Kritikerbrille auf der Nase geboren". Wenn sie nicht ihre Romane schrieb, schrieb sie am liebsten über die Gärten Italiens. Vivian Russell registriert, was sich verändert hat: "Im Garten des Adrea Doria, früher der Stolz Genuas, hausen heute Dutzende von streunenden Katzen auf der Terrasse unter dem Palazzo und putzen sich auf den Sitzen eines verlassenen Freilichtkinos geduldig das Fell. Die untere Terrasse wird jetzt von einer Autobahn überquert." Sie entdeckt, was sich Edith Wharton beispielsweise in Mailands Villa Carlotta entgehen ließ: Sie "warf einen Blick auf den Garten und würdigte ihn nur mit zwei kurzen Sätzen. Wieder einmal beklagte sie die alten Gärten, die der Furie des modernen Gartenbaus geopfert worden waren ... Wäre sie durch eine große, einladende Öffnung am Azaleenpfad geschlüpft, hätte sie sich im abgeschiedenen, halbdunklen bosco aus Rhododendron arboreum befunden, wo einzelne Sonnenstrahlen auf die knorrigen Wurzeln ... und die moosigen Winkel eines Waldbodens fallen, der mit rosa Blütenblättern bedeckt ist." Doch ihr Mann war krank "und sie mußte ihr Schiff erreichen - vielleicht hatte sie nur Zeit, die Villa von der Straße aus zu betrachten."

Das Konzept, die Suche nach den Spuren einer Spurensuche, angereichert mit Historischem, vor allem aber als prachtvoller Bildband, geht auf. Man läßt sich von Vivian Russell gerne in die versunkenen Zeiten entführen.

LITERARISCHE REISE DURCH DIE GÄRTEN ITALIENS Auf den Spuren Edith Whartons Von Vivian Russell Verlag Knesebeck, München 1999 192 Seiten, Ln., öS 496,- / e 36,04