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Stumme Zeugen werden verhört

MORDALARM, EINBRUCH, Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, Raubüberfall, Attentat, immer ist ein blauer VW-Bus auf dem Tatort zu finden, und mit ihm die Wissenschaftler der Kriminalistik, die Universalspezialisten des Erkennungsamtes. Ihnen „ver- ' dankt" so mancher Gauner seinen ' Aufenthalt hinter schwedischen Gar- ! dinen. Aber nicht nur Verbrecher - haben die Bekanntschaft dieser Man- ; ner gemacht, nein, auch harmlose ' Personen, die sich, um jemanden zu : agnoszieren, in die Berggasse — denn ' dort ist das Erkennungsamt der Wiener Polizeidirektion — begeben mußten. Und schließlich die unzähligen Kriminalroman- und Schundbücheileser, die glauben, die Arbeit der Kriminaltechniker genau zu kennen. Viele glauben, der Detektiv brauche nur den Knopf, den er auf dem Tatort findet, anzuschauen und kenne sich schon aus. In Wirklichkeit gehört aber viel mehr dazu, um einen solchen Knopf zum Plaudern zu bringen.

..Erkennungsamt." Schlicht und harmlos steht das Wort am Eingang zu den Räumen, wo die Verbrecherfahndung vom Mikroskop ausgeht. Manchmal ist es nur ein Haar, das auf

dem Tatort zurückbleibt, aber gerade dieses eine Haar erzählt.

IN EINEM POSTAMT wurde ein Einbruch verübt. Die Polizei fand lediglich zwei Zeugen — eine alte Dame und ein blondes Barthaar. Die betagte Frau glaubte in dem bärtigen Einbrecher einen ehemaligen Untermieter erkannt zu haben, konnte sich aber seines Namens nur noch dunkel erinnern: Silcher oder so. Für die Kri- minalbearnten stand fest, daß die Tat nur von einem Anfänger begangen sein worden konnte. Trotzdem ließ man nichts unversucht. Man zeigte der Frau das „Bilderbuch" der Posträuber und der einschlägigen Amateure — vergeblich, sie erkannte in keinem der Bilder den Mann. Die Polizei schien auf dem berühmten „toten Geleise“ angelangt zu sein, als sich die Frau des Namens erinnerte. „Ich weiß genau, Silier heißt er.“ Sofort wurde im Zentralmeldeamt nachgefragt, doch, o Schreck, da waren zwölf Silier vermerkt. Die Beamten konnten elf Mann zur Gegenüberstellung bringen. Von einem aber fehlte jede Spur, und man nahm an, daß dies der Täter sein müsse. Nur seine letzte Unterkunft ließ sich ermitteln. Man untersuchte das nicht sehr saubere Zimmer, in dem der Flüchtige zuletzt gewohnt hatte, und fand neben Fingerabdrücken von verschiedenen Personen in einer flüchtig ausgespülten Waschschüssel einige Bartstoppel. Die allerdings erzählten Bände: sie stimmten mit dem auf dem Tatort gefundenen Barthaar überein.

Kurze Zeit später wurde ein Mann namens Silier wegen Fahrerflucht festgenommen. Wohl bestritt er, mit dem gesuchten Posträuber identisch zu sein, und erbrachte auch für die kritische Nacht ein hieb- und stichfestes Alibi. Das aber erwies sich als nutzlos, als man ihm im Gefängnis einige Bartstoppel „stahl" und im Erkennungsamt untersuchte. Angesichts des

erdrückenden Beweismaterials bequemte sich der Verhaftete zu einem Geständnis.

IMMER WIEDER TAUCHT DIE FRAGE AUF: Wie sichert man Spuren? Jeder Polizist und Gendarm hat den strikten Befehl, im Falle eines Verbrechens den Tatort unberührt zu lassen. Selbst der mit der Aufklärung beauftragte höhere Kriminalbeamte informiert sich nur kurz mit einem Blick und räumt dann den Männern des Erkennungsamtes das Feld. Da wird dann photographiert, und Fingerabdrücke werden, sofern sie auf einer staubfreien Fläche gefunden werden, mit Aluminiumstaub fixiert und dann mittels einer Klebefolie abgenommen. Ist eine Tür bei einem Einbruch mit einem Brecheisen geöffnet worden, so wird von der Stelle ein Moulägeab- druck gemacht. Einem Tresor, der „gerissen", das heißt wie eine Sardinenbüchse geöffnet wurde, wird ebenfalls eine Moulagebehandlung zuteil. Außerdem werden noch Nahaufnahmen gemacht.

Während eifrig gearbeitet wird, fertigt der Zeichner eine Skizze von

dem Raum an, trägt die genauen Maße ein und bezeichnet die mit der Tat unmittelbar im Zusammenhang stehenden Gegenstände.

Seit etwa zweieinhalb Jahren steht dem Erkennungsamt ein besonderes Hilfsmittel zur Verfügung: die Farbphotographie. Ein sehr kostspieliges Verfahren, das nur bei großen Fällen angewendet wird.

Ein Gruselkabinett kann auf die Nerven keine stärkere Wirkung haben als das Photoalbum des Erkennungsamtes.

WEIT WENIGER AUFREGEND geht es da in der Daktyloskopie zu. Da sitzen die Fachmänner mit Lupen und unterhalten sich mit den Fingerabdrücken in einer Geheimsprache, die eben nur Fachleute verstehen. Ein Wirbel, eine Schlangenlinie, eine Schnecke, überschneidende Linien, das alles registriert der Experte mit einem Buchstaben oder einer Ziffer. Wird nun ein schwerer Bursche erwischt und eingeliefert, so wird er ins Erkennungsamt gebracht. Ein sonderbarer Sessel wartet auf ihn, drehbar, hölzern, mit schmaler Kopfstütze. Dreimal klickt der Verschluß der Plattenkamera, und das „Modell" ist auf dem Negativ verewigt, erst von vorn — mit einer Nummerntafel an der Brust —, dann seitlich und schließlich halbseitlich. Kaum zwei Minuten dauert diese Prozedur. Die Photos werden katalogisiert und nach einem bestimmten Schema in eine riesige Kartei eingeordnet. Alphabetisch, nach Geschlecht und Delikt geordnet, finden hier die Kriminalbeamten ihre Pappenheimer: Auslageneinbrecher,

Autodiebe, Badeanstaltskabinendiebe, Banknotenfälscher, Bahnhofsdiebe, Betrüger, Brandleger, Chilfener und so weiter.

Glaubt nun ein Tatzeuge, er werde den Täter erkennen, so wird er in die Berggasse gebeten, Und dort werden ihm die Bilderbogen vorgelegt. Die

Beamten haben ihre Mühe: „Der könnt's sein, aber so höhnisch glächelt hat er net.“ — „Na, i weiß net recht, er war so ein netter Mensch, und des da ist ja a Verbrecher.“ Durch mühsame Fragen versuchen dann die Beamten doch zweckdienliche Angaben zu erhalten. Mißtrauisch sind diese geübten Fachleute gegenüber Agno- szierern, die mit einer Detailbeschreibung aufwarten. Da ist meistens etwas faul. Dagegen sind Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren die besten Agnoszierer. Sie können in 85 von 100 Fällen mit Bestimmtheit sagen Der war's oder der war's nicht.

Werden auf dem Tatort Fingerabdrücke gefunden, die mit Sicherheit dem Täter zugehören, in der Kartei aber nicht vorkommen, so kommt der Print in die sogenannte Einzelfingerkartei, in der gegenwärtig rund 60.000 Patschfingerchen aufgehoben sind und auf ihren Besitzer warten.

AUCH VON „KEIN WORT DEUTSCH SPRECHENDEN AUSLÄNDERN“ weiß man im Erkennungsamt zu erzählen. In ihrer „Muttersprache“ protestieren sie energisch — und erinnern sich dann wieder plötzlich eines Wiener Dialekts, der nicht von schlechten Eltern ist, wenn man ihnen vorhält: „Reden S' kan Schmäh, Sie sind ja der und der, vorbestraft im Jahre 1949 wegen Betruges.“

Alphonso Bertillon, Frankreichs Meisterdetektiv des vorigen Jahrhunderts, hat als erster einen Verbrecher durch Fingerabdrücke identifiziert und überführt, war jedoch — wie es manchmal angenommen wird — nicht der Erfinder des Fingerabdrucksystems zur methodischen Aufklärung von Verbrechen. Er sprach sich sogar einige Zeit gegen dieses System aus, denn ihm schienen seine, etwas komplizierten Körpervermessungen, die Ber- tillonage, die sich teilweise bis heute erhalten hat, sicherer.

Die Finger sind ein medizinisches Wunder. Sie sondern Schweiß ab und hinterlassen beim Berühren einer glatten Oberfläche zwangsläufig eine verräterische Spur. Die Linienbilder verändern sich nie; sie existieren schon vom vierten Monat an beim Kind im Mutterleib. Sie sind auch noch an 5000 Jahre alten Mumien aufzufinden. Die Chinesen verwendeten den Fingerabdruck schon vor 1500 Jahren als Unterschrift. Schneidet man die Haut an der Fingerkuppe ab, so nimmt die nachwachsende Haut wieder das gleiche Muster an. Und vor allem — so behaupten die Sachverständigen — ist die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Menschen dieselben Fingerabdrücke haben, eine Million zu eins.

Die Aufgabe des Erkennungsamtes besteht nicht nur im Überführen der Täter, wie manche annehmen. Im

Gegenteil! Die Männer in der Berggasse konnten schon manchen Unschuldige« vor der ūnėtblttllehgfi Zange des Gerichtes retten. Es ging da einmal uni eine Unterschrift, Graphologen behaupteten, die Schrift sei falsch, doch war ein Revierinspektor gegen den Sachverständigen aufgetreten und hatte behauptet, die Unterschrift sei echt — was dann nach einigen Untersuchungen auch bestätigt wurde.

Schwieriger ist es, wenn es darum geht, die Echtheit eines Testaments zu beweisen. Der Schriftsachverständige muß feststellen, ob die Hand des Unterschreibenden gestützt oder geführt wurde. Wurde sie nur gestützt, so ist das Testament echt, wurden die Finger aber geführt, ist es ungültig.

DAS KRIMINALTECHNISCHE LABORATORIUM sei zuletzt genannt. Als vor ein paar Jahren ein Altwarenhändler in der Porzellangasse nieder

geschlagen und beraubt wurde, blieben nur einige Zinkblechstücke am Tatort zurück. Vorti Täter keine Spüt; Der berühmte tote Punkt war wieder einmal erreicht Worden. Einerti Abteilungsinspektor vom Erkennungsamt ließ der Blechhaufen keine Ruhe. Es stand für ihn fest, daß das Blech mit einer Metallschere zertrennt wurde. Aber was war das ursprünglich für ein Stück? Der Inspektor bastelte und probierte — und siehe da, eine Gießkanne entstand. Wohl fehlte hie und da ein Stück, aber das spielte keine Rolle. Bald war die Kanne so weit, daß sie photographiert und der Presse zur Veröffentlichung übergeben werden konnte. Einige Tage später meldete sich eine Frau: „Das ist ja meine Kanne. Die haben S' mir vor drei Wochen, wie bei uns gearbeitet wurde, gestohlen.“ Die Kriminalbeamten stellten auf Grund dieser Aussage sofort die Handwerker fest, die damals an den Reparaturarbeiten beteiligt waren, und fanden die beiden, die sich die Kanne angeeignet hatten. Sie hatten sie zerschnitten und dann bei dem Überfall auf den Altwarenhändler als „Visitenkarte“ benützt.

An einer Sammlung von Pistolen und Revolvern aller Kaliber und Modelle hätte selbst ein Chikagoer Gangsterboß seine hellste Freude. Alles, was in der Unterwelt „gebräuchlich“ ist, befindet sich fein säuberlich aufgesteckt in einem abgesperrten Glaskasten. Doch diese 120 Waffen dienen nicht als Schauobjekte. Der Schießsachverständige braucht sie zu Vergleichszwecken.

Fälschungen, mögen sie plump oder geschickt gemacht worden sein — die Quarzlampe und das Ultraviolettlicht sind Meister des „Verhörs“. Zeugnisse, Reisepässe, Taufscheine, Sterbeurkunden, kurzum alles, was „geändert“ einen Wert haben könnte, läßt im Licht dieser Lampe das, was mit „Tintentod“ weggeputzt wurde, wieder erscheinen.

Eine Zange, der gefälschte Heimatschein, der Gipsabdruck einer Fußspur, das Brecheisen — sie alle sind stumme Zeugen im Erkennungsamt. Der Verbrecher hat nicht mit ihnen gerechnet, denn: der Mensch kann schweigen oder leugnen, aber das Material, das hier untersucht wird, plaudert und erzählt den Kriminalbeamten alles, was sie wissen wollen, und beweist: Verbrechen lohnt sich nicht!

Souveränität über die parmesanischen Herzogtümer und Napoleon die über die Insel Elba zugesprochen waren. Tief enttäuscht war sie durch die seit August 1813 eingenommene Haltung Österreichs, da ihr Vater ihr feierlich versprochen, sich stets für sie einzusetzen.

Durch den Aufenthalt Metternichs in London hatte die Ende Mai nach Wien zurückgekehrte Marie-Louise leichtes Spiel, bei Kaiser Franz — zum Mißbehagen des Wiener Kabinetts — einen Kuraufenthalt in Aix durchzusetzen. Niemand bezweifelte wegen ihrer allgemein kolportierten Äußerungen, daß sie entschlossen ist, ihren Gatten in Elba aufzusuchen. Kaiser Franz, genötigt, sich von seiner so grausam enttäuschten Tochter einiges verzeihen zu lassen, kann sich daher ihren gerechtfertigten Wünschen nicht widersetzen. So willigt er notgedrungen ein, verlangt immerhin vom Generalissimus Schwarzenberg, daß er einen General namhaft mache, der die entthronte, wenn auch nur vorübergehend nach Frankreich zuriickkehrende Kaiserin überall hin begleiten soll. Schwarzenberg, und nicht Metternich, empfiehlt den Divisionär Grafen Neipperg. In Aix beginnt sie, ihre Umgebung zu täuschen, und steht in Korrespondenz mit Elba, wagt aber nicht, ihren ungeduldigen Gatten aufzusuchen, der zahlreiche Boten nach Aix sendet, darunter einen Gardeoffizier JaiLSippm, Brief, j” dem er droht, sie nach (jenua, entführen zu lassen, wo eine Brigg zur Fahrt nach Elba sie erwarte. Doch derlei heftige Vorwürfe, ' anderseits die dringenden Empfehlungen Metternichs in Anbetracht der bourbonischen Intrigen wegen Parma, damals noch für ehren Sohn bestimmt, verwirren gänzlich die unselbständige junge Frau. Neben all diesen Sorgen erlebt sie bittere Enttäuschungen durch ihren Gatten: Gräfin Walewska, seine Geliebte, mit seinem illegitimen

Sohn haben ihn in Elba aufgesucht; in Südfrankreich und Norditalien ist allgemein die Rede von einer Krankheit des Kaisers, die einen Beweis seiner Untreue darstellt. Einigermaßen ernüchtert, faßt sie endlich den Entschluß, den Empfehlungen Metternichs Folge zu leisten und die Heimreise durch die Schweiz anzutreten. Acht Monate waren seit dem Abschied in Paris verstrichen: die Enkelin Marie-Karolines von Neapel ist die Geliebte Neippergs geworden.

Gleichzeitig mit Marie-Louise langten in Wien die Kongreßteilnehmer ein, unter ihnen Kardinal Consalvi, der die Exkaiserin alsbald aufsuchte. Da Kaiserin Josephine Ende Mai gestorben war, legte er Marie-Louise nahe, ihre mehr als anfechtbare Ehe mit Napoleon konvalidieren zu lassen. Da dies wegen seines Aufenthaltes auf Elba abermals nur per procurationem durchzuführen war, wurde von keiner Seite auf die Vorstellungen Consalvis reagiert. Infolge der chaotischen Zustände in Marie-Louise zugesprochenen Herzogtümern verzögerte sich ihre Übersiedlung ein volles Jahr. Juli 1821 erreichte die Nachricht vom Hinscheiden Napoleons Parma; Anfang August heiratete sie ihren ersten Minister, den Grafen Adam-Adalbert Neipperg. Trotzdem die Existenz zweier illegitimer Kinder allgemein bekannt gewesen, war die Herzogin, wie auch heute noch, „la buona duchessa", da sie unter der Leitung Neippergs geordnete Verhältnisse wie in keinem anderen Staat Italiens geschaffen hat.

Welchen Anhang die durch so viel Undank verletzte Souverän» tatsächlich besaß, mußte sogar der gehässige österreichische Gesandte Mareschall Metternich eingestehen: „Ihre Anwesenheit übt einen günstigen Einfluß aus. Sie erweist sich in jeder Beziehung als eine Wohltat.“ Wegen der letzten Ereignisse und der drohenden Choleraepidemie „treffe ich alle Anstalten für Land und Haus damit ich bereit bin, falls Gott mit mir disponieren sollte“. Als Marie-Louise dies nach Wien schrieb, ahnte sie nicht, welch erschreckende Fortschritte das Leiden ihres Sohnes gemacht. Die Vermutung, der Wiener Hof habe ihr die Wahrheit vorenthalten, damit sie Parma nicht verlasse, ist schwerlich abzuleugnen. Aus Wien kamen aber bald derart günstige Nachrichten, daß, als es hieß, seine „Lunge sei frei“, Marie-Louise sich voll-

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