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Süchtig nach immer neuen Bildern

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„Wissen für alle.” Was soll die Gesellschaft mit dieser berauschenden Aussicht auf ein globales Informationsangebot wirklich anfangen?

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„Wissen für alle.” Was soll die Gesellschaft mit dieser berauschenden Aussicht auf ein globales Informationsangebot wirklich anfangen?

Der Mensch wehrt sich immer gegen den Wandel. Das ist eine Binsenweisheit. Jede Umstellung auf Neues bringt Ängste und Unsicherheit, mobilisiert Kräfte der Beharrung und der Trägheit. So war das bei der Erfindung der Eisenbahn. So war es, als die Computer unsere Büros revolutionierten. Und so ist das auch heute, am Vorabend des Aufbruchs in das „goldene Zeitalter” der totalen Informationsgesellschaft. Die Computerindustrie und Medienbranche werden zusammenwachsen mit der Elektronik-und Unterhaltungsindustrie und uns eine noch nie dagewesene Daten-und Informationsflut bescheren. Das wird den Wohlstand vermehren und Millionen neuer Arbeitsplätze hervorzaubern. Natürlich geht es auch um Wettbewerbs- und Standortvorteile der Wirtschaft. Das alles versichern uns zumindest derzeit Industriebosse und Politiker.

Stimmt das auch? Sind das nicht bloß Versprechungen und weniger realistische Vorhersagen künftiger Entwicklungen? Die einen sind voll der Euphorie, weil sie mit dem vermeintlichen Milliardengeschäft das große Geld machen wollen. Den anderen bleibt unter dem Druck dieses ansteckenden Fortschrittsglaubens der Telekommunikationsbranche ohnehin nichts anderes übrig, als zu assistieren und auf den Zug in die „schöne neue Welt” aufzuspringen.

Die Unsicherheit ist jedenfalls groß, eine Einschätzung schwierig. Vieles des technisch Machbaren ist noch Vision („kostengünstige Verfügbarkeit aller Daten und Informationen für alle”), einiges schon Realität (Videokonferenzen über die Kontinente hinweg), und manches wird derzeit in Pilot-Projekten getestet und erprobt (Errichtung von sogenannten Tele-Dörfern für Bildschirmarbeit). Es geht die Auslotung dessen, was die potentiellen Konsumenten überhaupt wollen sollen und wie man jene „kritische Masse” zusammenbekommt, damit sich die Sache auch kommerziell lohnt. Derzeit ist den meisten Beobachtern nur eines klar: Es sollen immer mehr Informationen immer schneller greif- und abrufbar, verarbeitbar und produzierbar sein.

Natürlich fasziniert die Vorstellung von einem bequemeren Leben: Papa holt sich die internationalen Morgenzeitungen per Knopfdruck auf den Bildschirm bevor er seine elektronische Post mit der zu Hause fertiggestellten Auftragsarbeit in den elektronischen Briefkasten seiner Firma am anderen Ende der Stadt plumpsen läßt. Mama holt sich inzwischen ein Meisterwerk aus der neuesten Gemälde-Austeilung einer europäischen Kulturmetropole auf ihren Schirm, vergrößert es mit der elektronischen Lupe um das Zigfache und liest daneben auf einem elektronischen Lexikon alles über den großen Meister. Junior bekommt inzwischen eine Unterrichtseinheit über Konferenzschaltung von der Hunderte Kilometer entfernten Eliteschule verpaßt, bevor er sich das neueste Videospiel reinziehen darf (natürlich über „home-shopping” bezogen und „tele-ban-king' bezahlt). Sie alle waren bis zum Abend auf der Datenautobahn unterwegs (siehe Seite 9), haben -zig Daten abgerufen, gespeichert, verarbeitet. Sie haben ihr Bewußtsein erweitert, ihre Bildung erhöht, vielleicht sogar Spaß gehabt.

Lohnt sich dafür der gigantische Aufwand an technischen und finanziellen Ressourcen?

Seien wir nicht kleinlich, der Fortschritt hat bekanntlich seinen Preis. Und es geht ja auch um viel, viel mehr. Der US-Milliardär und Gründer des Imperius „Microsoft”, Bill Gates, meinte kürzlich in einem Interview: Über die Datenautobahnen werde es möglich sein, nach dem gesamten menschlichen Wissen zu greifen, Verbindung mit anderen Menschen überall in der Welt aufzunehmen, Menschen mit gleichen Interessen zu finden, schnell und bequem einzukaufen und medizinisch besser betreut zu werden. Das alles revolutioniere unsere Art des Lernens, das Freizeitverhalten, das gesellschaftliche Miteinander. Eine neue Qualität der Kommunikation erlaubt es, gemeinsam und friedlich Probleme zu lösen.

Der Software-Fabrikant als Daten-Messias. War die Lösung von Problemen bisher denn nur ein Datenproblem??

Sozialforscher haben da ganz andere Vorstellungen. Sie sprechen bereits von einer unausweichlichen Polarisierung der Gesellschaft. So auch der Grazer Kultursoziologe Manfred Prisching, der ebenfalls pessimistisch ist (siehe Seite 11): Die Gesellschaft ist vom Zerfall bedroht. Hier eine kleine Informationselite, die sich diese revolutionären technischen Errungenschaften nicht nur leisten kann, sondern sie auch sinnvoll nutzt für ihr privates und berufliches Fortkommen. Dort die Masse der Mensehen, die völlig überfordert zurückbleibt, oder von Haus aus von den „Segnungen” der Technisierung ausgeschlossen bleibt. Sie wird hauptsächlich massenmedial berieselt und lebt in ihrer abgeschlossenen Welt. Erfüllt sich, wovor Jürgen Habermas schon 1963 in einer sozialphilosophischen Studie gewarnt hat: „Einer ausschließlich technischen Zivilisation droht die Spaltung der Menschen in zwei Klassen — die Sozialingenieure und die Insassen geschlossener Anstalten.”

Ertrunken in der Datentlut

Neue Probleme tauchen auf: Wer weiß, wie sich die Datenflut auf die menschliche Entwicklung auswirken wird? Es geht ja nicht mehr um die Gewichtung oder Interpretation der Datenfülle. Was zählt, ist die Menge und die schnelle Verfügbarkeit. Prisching meint, die Überflutung mit medialen Reizen wird die Phantasie des Menschen, seine Sozialkontakte und besonders seine Gefühle für die Wirklichkeit entscheidend beeinflussen. Der Mehrheit der Gesellschaft drohe eine Gefühlsverkümmerung durch eine medial gesteuerte Pseudo-Lebenserfahrung. Wer nicht mehr mit seinen fünf Sinnen die Welt kennenlernen will, sondern sie per Knopfdruck ins Haus geliefert bekommt, weiß vielleicht viel. Aber hat er auch sinnlich viel erfahren?

Immer wieder ist zu hören, daß die Anwendung der Datenautobahn hauptsächlich über das Fernsehen kommt. Man muß nicht gleich das Schreckgespenst von möglichen 500 Fernsehkanälen beschwören, um sich vorzustellen, welche Auswirkung noch mehr Information aus dem Fernseher haben wird.

Was es bedeutet, wenn die Entwicklung eines Kindes medial gesteuert wird, wenn es die Welt nicht mehr Schritt für Schritt erfahren kann, wurde bei einer Festrede kürzlich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film erschreckend deutlich gemacht. Da hieß es: „Bereits ein Zehnjähriger hat heute in beliebig vielen Variationen alles erfahren, was ein einzelnes Leben zu bieten hat. Er hat die Kriege der Völker gesehen und die Kämpfe der Geschlechter, er hat Leidenschaften erlebt, Intrigen und Haß, er hat Kopulationen beigewohnt und tausendfachen Tötungen...'. Seine Seele ist voller Bilder und dennoch süchtig nach immer neuen. Wenn er zwanzig ist, wird er so viele Leben gelebt haben, wie alle seine Väter und Großväter in vielen Jahrhunderten zusammengenommen nicht. Wird er dann noch wissen, wer er selbst ist?”

„Hitler in uns selbst”

Diese Skepsis ist keine Modeerscheinung: Wo alle Informationen bunt und zusammenhanglos nebeneinanderstehen, wird irgendwann nicht mehr gefragt, was auf einen zukommt, sondern man ist froh, daß etwas kommt. Wo die Zusammenhänge fehlen, ist man nicht gewohnt, Vergleiche zu machen. Die Welt wird aufgelöst, jeder kann sich da einschleichen in dieses zusammenhanglose Innere und Äußere der Menschen. Das konnte auch Adolf Hitler, der die Maschinerie des laufenden Bandes der Ereignisse und Dinge besser als jeder andere seiner Zeit beherrschte. Diese Deutung des Hitlerismus stammt aus 1946 und ist vom Schweizer Kulturphilosophen und Physiognomiker Max Picard, der damals allerdings die Boulevard-Presse und nicht das heutige Fernsehen vor Augen hatte.

Die Gesellschaft muß sich damit auseinandersetzen. Sie darf sich nicht die Vision des technisch Machbaren aufzwingen lassen. Sie muß auch nach dem Wünschbaren fragen. Letztendlich ist es wohl jedem selbst überlassen, wie er die neuen Möglichkeiten nutzt. Amüsement, Bildung, Horizonterweiterung? Die Frage ist nur, haben wir dann noch die Wahl, wenn eine entfesselte Datenflut schon über uns hinwegrollt? Eine frühe Auseinadersetzung könnte manches noch steuern. Es genügt nicht,' zu hoffen, daß sich negative Auswirkungen später noch korrigieren lassen.

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