Das flüssige Land_Edelbauer.jpg - <strong>Sprach-Künstlerin</strong><br />
Nominiert für den Deutschen und Österreichischen Buchpreis: Raphaela ­Edelbauer, geboren 1990 in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. - © picturedesk.com / dpa / Frank Rumpenhorst
Literatur

Tiefenbohrung in die Vergangenheit

1945 1960 1980 2000 2020

Raphaela Edelbauer entwirft in „Das flüssige Land“ den Albtraum eines versinkenden Ortes, der von seiner Geschichte eingeholt wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Raphaela Edelbauer entwirft in „Das flüssige Land“ den Albtraum eines versinkenden Ortes, der von seiner Geschichte eingeholt wird.

Die Nachricht, dass ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, verändert das Leben der Physikerin Ruth Schwarz radikal. Sie arbeitet an ihrer Habilitationsschrift über die „Blockuniversumstheorie“, eine ­Theorie der Zeit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als gleichzeitig und real auffasst. Die Ich-Erzählerin weiß, dass sie die Beerdigung organisieren muss, erfährt allerdings von ihrer Tante, dass es der ­Wille ihrer Eltern war, in ihrer ­Heimatgemeinde Groß-Einland beerdigt zu werden. Sie packt Kleidung, Bücher, Laptop, Toiletteartikel und Psychopharmaka (von Beruhigungs- und Schlafmitteln bis zu Aufputschmitteln) zusammen und fährt los, um den Ort zu suchen, den sie nicht kennt und den es auf der österreichischen Landkarte gar nicht gibt. Aufgrund einiger Erinnerungen an Erzählungen der Eltern vermutet sie die Kleinstadt im niederösterreichischen Wechselgebiet und ihr wird klar, wie wenig sie über Groß-Einland weiß: „Die Vergangenheit schien uns einfach ohne jede Relevanz zu sein.“

Protokoll des Irrsinns

Diese Relevanz wird die Vergangenheit aber im weiteren Handlungsverlauf von Raphaela Edelbauers Debütroman „Das ­flüssige Land“ bekommen, denn die Vergangenheit ist eben nicht wirklich vergangen, sondern reicht bis in die Gegenwart, und ohne Vergangenheit gibt es auch keine Zukunft. Das gilt für die Protagonistin Ruth Schwarz und ihre Familiengeschichte ebenso wie für die Geschichte der fiktiven Stadt, die aus der Zeit gefallen ist. Ob Ruth Schwarz drei oder sechs Jahre in Groß-Einland verbringt, ist nicht zu klären, weil die Zeiten innerhalb und außerhalb der Stadt durcheinandergeraten. Ruth landet auf ihrer Zeitreise nach einer abenteuerlichen Fahrt durch einen Wald im pittoresk wirkenden Groß-Einland, das „sauber und heil“ aussieht und über dem ein Schloss aufragt. Doch das ist nur der Schein. Denn nach jahrhundertelangem Kalkabbau gefährdet ein riesiges wachsendes Loch die Statik der gesamten Innenstadt, die zu versinken droht. Risse entstehen in den Häusern, der Marktplatz sinkt täglich und ist nicht mehr begehbar, obwohl man wöchentlich Tonnen von Beton in die Schächte kippt. 1939 wurden die Schächte von der Wehrmacht übernommen und für die Munitionsproduktion und als Außenstelle des KZ Mauthausen geführt. Nach der Bombardierung 1945 beschloss man, die Trümmer mit Beton und Steinen zu überschütten und die Stadt nach alten Fotografien wieder neu aufzubauen, allerdings um einige Zentimeter verrückt.

Die Nachricht, dass ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, verändert das Leben der Physikerin Ruth Schwarz radikal. Sie arbeitet an ihrer Habilitationsschrift über die „Blockuniversumstheorie“, eine ­Theorie der Zeit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als gleichzeitig und real auffasst. Die Ich-Erzählerin weiß, dass sie die Beerdigung organisieren muss, erfährt allerdings von ihrer Tante, dass es der ­Wille ihrer Eltern war, in ihrer ­Heimatgemeinde Groß-Einland beerdigt zu werden. Sie packt Kleidung, Bücher, Laptop, Toiletteartikel und Psychopharmaka (von Beruhigungs- und Schlafmitteln bis zu Aufputschmitteln) zusammen und fährt los, um den Ort zu suchen, den sie nicht kennt und den es auf der österreichischen Landkarte gar nicht gibt. Aufgrund einiger Erinnerungen an Erzählungen der Eltern vermutet sie die Kleinstadt im niederösterreichischen Wechselgebiet und ihr wird klar, wie wenig sie über Groß-Einland weiß: „Die Vergangenheit schien uns einfach ohne jede Relevanz zu sein.“

Protokoll des Irrsinns

Diese Relevanz wird die Vergangenheit aber im weiteren Handlungsverlauf von Raphaela Edelbauers Debütroman „Das ­flüssige Land“ bekommen, denn die Vergangenheit ist eben nicht wirklich vergangen, sondern reicht bis in die Gegenwart, und ohne Vergangenheit gibt es auch keine Zukunft. Das gilt für die Protagonistin Ruth Schwarz und ihre Familiengeschichte ebenso wie für die Geschichte der fiktiven Stadt, die aus der Zeit gefallen ist. Ob Ruth Schwarz drei oder sechs Jahre in Groß-Einland verbringt, ist nicht zu klären, weil die Zeiten innerhalb und außerhalb der Stadt durcheinandergeraten. Ruth landet auf ihrer Zeitreise nach einer abenteuerlichen Fahrt durch einen Wald im pittoresk wirkenden Groß-Einland, das „sauber und heil“ aussieht und über dem ein Schloss aufragt. Doch das ist nur der Schein. Denn nach jahrhundertelangem Kalkabbau gefährdet ein riesiges wachsendes Loch die Statik der gesamten Innenstadt, die zu versinken droht. Risse entstehen in den Häusern, der Marktplatz sinkt täglich und ist nicht mehr begehbar, obwohl man wöchentlich Tonnen von Beton in die Schächte kippt. 1939 wurden die Schächte von der Wehrmacht übernommen und für die Munitionsproduktion und als Außenstelle des KZ Mauthausen geführt. Nach der Bombardierung 1945 beschloss man, die Trümmer mit Beton und Steinen zu überschütten und die Stadt nach alten Fotografien wieder neu aufzubauen, allerdings um einige Zentimeter verrückt.

Raphaela Edelbauer reiht sich ein in ­eine Tradition österreichischer Literatur, die sich mit der Verdrängung der Täterschaft im ­Nationalsozialismus auseinandersetzt.

Die feudale Gesellschaftsstruktur funktioniert in sich geschlossen und hierarchisch, gespenstisch und unheimlich erscheinen die Regeln des Zusammenlebens. Regiert wird die Stadt von einer Gräfin, die gar keine ist, sondern zur Familie der früheren Bergbaubesitzer gehört. Sie ist Besitzerin und Herrscherin. Ruth Schwarz gliedert sich ein in diese skurrile Gesellschaft und arbeitet für die Gräfin, allerdings sind es zumeist unlösbare oder sinnlose Aufgaben, die sie bekommt. Sie bekennt, dass sie eine Heimat gefunden hat und kauft der Gräfin ein Haus ab, das – wie sich herausstellt – das Haus ihrer Eltern war. Darüber hinaus lernt sie auch noch ihre Großmutter kennen. Schwarz soll als Physikerin ein Füllmittel für das Loch finden und entwickelt ein Konzept für das größte Kunstfest, an dem die Verfüllung dann durchgeführt werden soll, eine wahre ­Parallelaktion kakanischen Ausmaßes wie in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ mit einer Prozession, einer vierhundertköpfigen Blasmusikkapelle, geologischer Aktionskunst, Senkungsinstallationen und anderen Tollheiten. Ruth Schwarz bekennt, dass sie das „Protokoll des Irrsinns“, das im Salon der Gräfin verfasst wurde, nur mit Scham unterschreiben kann.

Ruth Schwarz ist eine unzuverlässige Erzählerin, sie hat eine ambivalente Zwischenposition inne in dieser Geisterstadt. Sie ist Mittäterin im System von Groß-Einland und bleibt gleichzeitig die fremde Beobachterin und Aufdeckerin von Gewalttaten, die sie aber nicht öffentlich macht, sondern darüber schweigt. Bei ihrer Spurensuche will sie nicht nur das Rätsel ihrer Familie lösen, sondern auch das fiktive his­torische Ereignis des Verschwindens von 750 Zwangsarbeitern zu Kriegsende, zu denen auch ihr Großvater zählte. Sie wurden unter Mitwirkung der Bewohner getötet, aber es gibt keine Leichen und keine Gräber. Und Ruth Schwarz erfährt, dass ihre Eltern Groß-Einland wöchentlich besuchten und ebenfalls historisch ermittelten. Konkreter historischer Bezugspunkt ist die sogenannte „Seegrotte“ in Hinterbrühl, wo Raphaela Edelbauer aufgewachsen ist.

Doch es gibt noch mehr Ungereimtheiten, „je tiefer man bohrte, desto flüssiger wurde das, woran man sich noch festhalten konnte“. Die Groß-Einländer schauen weiterhin weg und versuchen sich zu arrangieren mit dem langsamen Versinken ihrer Häuser, ja selbst der Einsturz des Kirchturms und der Tod von Kindern führt zu keinem Widerstand. Und schließlich versuchen die Bewohner noch vor dem großen Fest, in den Nächten ihre Häuser zu entrümpeln, ihre Leichen im Keller zu entsorgen und in das Loch zu werfen.

Metaphorische Bedrohungsszenarien

Raphaela Edelbauer reiht sich mit ­ihrem Roman „Das flüssige Land“ ein in eine Tradition österreichischer Literatur, die sich mit der Verdrängung der Täterschaft im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Die Gewalttaten sind in die Landschaft eingeschrieben und brechen aus dem Untergrund hervor. Man denke nur an Hans Leberts „Die Wolfshaut“, Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“, in dem am Ende die Pension „Alpenrose“ in einer Schlamm-Mure versinkt, oder ihr Theaterstück „Rechnitz (Der Würgeengel)“. Weitere Referenzen sind Franz Kafka, Alfred Kubins „Die andere Seite“ und andere fantastische, romantische und surreale Stadtbeschreibungen. Auch Marie Gamillscheg hat in ihrem starken Debütroman „Alles was glänzt“ das bildhafte Bedrohungsszenario eines ausgehöhlten Berges, der eine Kleinstadt am Fuße des Erzberges zu zerstören droht, für eine exemplarische Beschreibung der österreichischen Provinz genützt.

Es besteht kein Zweifel, Raphaela Edelbauer kann spannend und vielstimmig erzählen, auch wenn die Metaphorik des Lochs bisweilen überstrapaziert wird. Das Ende des Romans „Das flüssige Land“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises steht, überzeugt mich nicht. ­Schade. Aber vielleicht ist ja der ­letzte Satz ironisch gemeint: „Nichts, was im ­Unklaren verblieben wäre.“

19_2_Das flüssige Land.jpg - © Klett-Cotta
© Klett-Cotta
Literatur

Das flüssige Land

Roman von Raphaela Edelbauer
Klett-Cotta 2019
350 S., geb.,
€ 22,70