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Literatur

Tribut an eine unerkannte Heldin

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Journalistin und Übersetzerin Ljuba Arnautovic´ zeichnet in ihrem ersten Roman "Im Verborgenen" die reale Lebensgeschichte ihrer Großmutter väterlicherseits nach und fängt damit ein zentrales Stück österreichischer Zeitgeschichte ein.

Die alte Frau, die der kleinen Ljuba am ersten Schultag die Show stiehlt, weil sie mit über 60 Jahren, also etwa im gleichen Alter wie die Autorin heute, die Matura nachgeholt hat und nun als älteste Studentin Österreichs an der juridischen Fakultät inskribiert, erscheint dem Kind von damals als fremde, "sehr strenge" und eher kalte Person. Es ist das Drama der Sprachlosigkeit, das Täter und Opfer nach 1945 unheilvoll einte und ein Schweigen über die Familien breitete, durch das die Kriegstraumata nur subkutan und gerade dadurch besonders verhängnisvoll in das Leben der Kinder und Enkelkinder hineinwirkten.

Auch Ljuba Arnautovic´ hat von der tragischen wie heroischen Lebensgeschichte ihrer Großmutter Genoveva/Eva Benes lange Zeit nichts gewusst. Als politisch aktive und mit einem Kommunisten verheiratete junge Frau landete sie nach der Niederschlagung der Februarkämpfe in den Folterkellern des austrofaschistischen Regimes. Anders als ihre Zellennachbarin überlebt Eva die Tortur, freilich mit schweren gesundheitlichen Langzeitfolgen. Ihre beiden Söhne schickt sie -mit zahlreichen Kindern der Februarkämpfer -zur Erholung in die Sowjetunion. Selbst im unsicheren Exil in der Tschechoslowakei lebend, scheint ihr das als der einzig mögliche Ausweg.

Der Krieg und seine Folgen

Den älteren Sohn wird Eva nie wiedersehen -er kommt in einem sowjetischen Gefängnis ums Leben -, den jüngeren erst nach dreißig Jahren. Auch mit dem Vater ihrer Kinder, der im Exil in Australien landet, wird es zu keiner Wiederbegegnung mehr kommen. Eva Benes selbst gelingt mit Hilfe jenes evangelischen Pastors, den sie in der Haft als Gefängnisgeistlichen kennengelernt hatte, das Überleben der NS-Zeit als Sekretärin der evangelischen Kirchenleitung in Wien. Eines Tages bittet sie der Pastor um Mithilfe, bedrohte Juden zu verstecken, und Eva sagt spontan zu. Jahrelang verbirgt sie wechselnde Flüchtlinge unter Lebensgefahr und ohne Wissen der Vorgesetzten in ihrer kleinen Kammer am Ende des Korridors der Büroräumlichkeiten. In Walter, den letzten bei ihr untergebrachten Schützling, verliebt sie sich -doch auch diese Geschichte endet tragisch, allerdings erst nach der Befreiung. Der durch traumatisierende U-Boot-Einsätze psychisch zerrüttete Mann ist der Enttäuschung über einen gescheiterten Versuch, sein Leben neu zu ordnen, nicht mehr gewachsen und begeht Selbstmord.

Ljuba Arnautovic´ erzählt die Geschichte dieser Schicksale mit aufgebrochener Chronologie und oft rasch wechselnden Schauplätzen. Das erzeugt eine temporeiche Dramaturgie, die aufgefangen und ausgeglichen wird von einer sehr klaren, unaufgeregten und unsentimentalen Sprache. Dieser dokumentarische Gestus verdankt sich wohl der Arbeitsweise, mit der die Autorin Briefe, Dokumente und späte Erzählungen von Familienmitgliedern zusammengetragen hat, um das Leben jener Frau posthum zu rekonstruieren und damit zu würdigen, die ihr als Großmutter fremd geblieben ist und wohl auch fremd bleiben musste.

Die Journalistin und Übersetzerin Ljuba Arnautovic´ zeichnet in ihrem ersten Roman "Im Verborgenen" die reale Lebensgeschichte ihrer Großmutter väterlicherseits nach und fängt damit ein zentrales Stück österreichischer Zeitgeschichte ein.

Die alte Frau, die der kleinen Ljuba am ersten Schultag die Show stiehlt, weil sie mit über 60 Jahren, also etwa im gleichen Alter wie die Autorin heute, die Matura nachgeholt hat und nun als älteste Studentin Österreichs an der juridischen Fakultät inskribiert, erscheint dem Kind von damals als fremde, "sehr strenge" und eher kalte Person. Es ist das Drama der Sprachlosigkeit, das Täter und Opfer nach 1945 unheilvoll einte und ein Schweigen über die Familien breitete, durch das die Kriegstraumata nur subkutan und gerade dadurch besonders verhängnisvoll in das Leben der Kinder und Enkelkinder hineinwirkten.

Auch Ljuba Arnautovic´ hat von der tragischen wie heroischen Lebensgeschichte ihrer Großmutter Genoveva/Eva Benes lange Zeit nichts gewusst. Als politisch aktive und mit einem Kommunisten verheiratete junge Frau landete sie nach der Niederschlagung der Februarkämpfe in den Folterkellern des austrofaschistischen Regimes. Anders als ihre Zellennachbarin überlebt Eva die Tortur, freilich mit schweren gesundheitlichen Langzeitfolgen. Ihre beiden Söhne schickt sie -mit zahlreichen Kindern der Februarkämpfer -zur Erholung in die Sowjetunion. Selbst im unsicheren Exil in der Tschechoslowakei lebend, scheint ihr das als der einzig mögliche Ausweg.

Der Krieg und seine Folgen

Den älteren Sohn wird Eva nie wiedersehen -er kommt in einem sowjetischen Gefängnis ums Leben -, den jüngeren erst nach dreißig Jahren. Auch mit dem Vater ihrer Kinder, der im Exil in Australien landet, wird es zu keiner Wiederbegegnung mehr kommen. Eva Benes selbst gelingt mit Hilfe jenes evangelischen Pastors, den sie in der Haft als Gefängnisgeistlichen kennengelernt hatte, das Überleben der NS-Zeit als Sekretärin der evangelischen Kirchenleitung in Wien. Eines Tages bittet sie der Pastor um Mithilfe, bedrohte Juden zu verstecken, und Eva sagt spontan zu. Jahrelang verbirgt sie wechselnde Flüchtlinge unter Lebensgefahr und ohne Wissen der Vorgesetzten in ihrer kleinen Kammer am Ende des Korridors der Büroräumlichkeiten. In Walter, den letzten bei ihr untergebrachten Schützling, verliebt sie sich -doch auch diese Geschichte endet tragisch, allerdings erst nach der Befreiung. Der durch traumatisierende U-Boot-Einsätze psychisch zerrüttete Mann ist der Enttäuschung über einen gescheiterten Versuch, sein Leben neu zu ordnen, nicht mehr gewachsen und begeht Selbstmord.

Ljuba Arnautovic´ erzählt die Geschichte dieser Schicksale mit aufgebrochener Chronologie und oft rasch wechselnden Schauplätzen. Das erzeugt eine temporeiche Dramaturgie, die aufgefangen und ausgeglichen wird von einer sehr klaren, unaufgeregten und unsentimentalen Sprache. Dieser dokumentarische Gestus verdankt sich wohl der Arbeitsweise, mit der die Autorin Briefe, Dokumente und späte Erzählungen von Familienmitgliedern zusammengetragen hat, um das Leben jener Frau posthum zu rekonstruieren und damit zu würdigen, die ihr als Großmutter fremd geblieben ist und wohl auch fremd bleiben musste.