Warum Richard Wagners Banater Familienchronik abgestürzt ist.

Schwaben aus dem rumänischen Banat: im Kommunismus marginalisiert, in der neuen "Heimat" Deutschland fremd, Jahrhunderte intensiv erlebter Geschichte auf dem Buckel, die zu nichts zerronnen ist - wahrlich Stoff für einen großen Roman. Franz Hodjak oder Hertha Müller haben gezeigt, wie daraus große Literatur wird, bei deren Lektüre man den Atem anhält, weil einem Worte und Sprachbilder in die Knochen fahren. Und Richard Wagner hat das ganze in einen Familienroman verpackt, der sich streckenweise liest wie die Vorlage zu einem trivialen Unterhaltungsfilm.

Der Tod des Vaters ist der nicht eben originelle Anlass, der Werner Zillich, wieder einmal ein Alter Ego seines Autors, zurück in den Banat führt und erkennen lässt: "Wohin man auch blickt, es ist aus und vorbei. Eine Welt ist untergegangen, sage ich mir ... Zweihundertfünfzig Jahre in Nichts verwandelt." Die Tristesse der Trauergemeinde schreckt ihn ab: "Alles Stoff für Romane, wie sie dir versichern. Heftromane." Zillich spricht es aus, und flugs gleitet er selbst in einen ab. Weil nämlich alles so trist ist, holt er sich in Budapest zwei Huren, mit denen er dann noch beim Dreh eines Pornofilms mitmacht. Und eine von den beiden, Clara, ist so lieb und heimatlos, dass sie gleich mit ihm weiterfährt. Da bekommt die Edeltristesse seines Lebens - geschieden, kein Kontakt zur Tochter, Freundin verheiratet, Arbeitgeber vor Bankrott - gleich Farbe, ja die beiden heiraten sogar, neue Frau und Tochter werden Freundinnen, und mit dem Satz "Ich bleibe bei dir, für immer" ist - schluchz - der Roman endlich zu Ende.

Doch Moment, damit füllt man nicht 280 Seiten. Dazwischen fließt natürlich die Erinnerungssoße: stofflich durchaus interessant, eine gute Einführung in eine bei uns verdrängte Geschichte, nur ziemlich langatmig und literarisch zwar gutes Rohmaterial, aber weitgehend unbearbeitet. Anfangs funktioniert die Überblendung von Vergangenheit und Gegenwart ja noch, aber allzu bald läuft die Erinnerung leer. 250 Jahre Geschichte plus Zeitdiagnose, dazu noch Emigrantenpsychologie, und das alles in einen spannenden Roman verpackt - Richard Wagner hat sich zu viel vorgenommen. Und sein Werner Zillich, der gelegentlich wortkarg-subtil beobachten kann, oft in stereotype Klischees (gegen Frauen, gegen Ungarn ...) verfällt, ist schon sprachlich keine kohärente Figur und damit heillos überfordert.

HABSELIGKEITEN

Roman. Von Richard Wagner

Aufbau Verlag, Berlin 2004

281 Seiten, geb., e 18,40

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