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Tu das nicht! Lauf davon!

Der neue Roman des deutschen Schriftstellers Karl-Heinz Ott ist eigentlich eine grandiose Novelle: zu lesen als Doppelgängergeschichte oder als Studie über Lebensuntüchtigkeit.

Zwei Männer begegnen sich in der Mitte ihres Lebens. Einiges an schmerzhafter Erfahrung liegt hinter ihnen. Wie es nun weitergehen soll, berufliche Zukunft, privates Glück, und überhaupt, wie man es künftig weitertreiben soll, dieses so genannte Leben, in dem man mit müden Kompromissen, Verzagt- und Halbheiten dahingewurschtelt hat, das weiß keiner der beiden.

Während sich der Erzähler, Philosophieprofessor an der Universität Basel - er ist es auch, der den Fall vorträgt - entschlossen hat, seine Lebenskrise zu ignorieren und sich in seine Wohnung verkriechen möchte, schlägt der andere, Friedrich Grävenich, ein leicht verwahrloster Klavierlehrer aus Mannheim, kaum hat er sein Opfer gefunden, mit großer Goliath-Pranke um sich. Solange, bis ihm der unterlegene kleine David schließlich, aber da haben wir den Psychokrimi schon bis zu seinem Ende verfolgt, wider Erwarten doch noch einen kleinen Stoß versetzt. Den entscheidenden. Darauf: Endlich Stille.

Das Schicksal führt die beiden auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes von Straßburg zusammen. Schnell erkennt man, das wird die Idealversion einer Pechbindung. Der erste gemeinsame Abend in Straßburg wird von den monologischen Tiraden des Musikers bestimmt und der zum Restaurantbesuch genötigte Hochschullehrer, der so gut über die Willensfreiheit bei Spinoza referieren kann, muss sich fragen, wieso es ihm unmöglich ist, einfach aufzustehen und zu gehen. Trinkt doch dieses gegenübersitzende Ekel eine Flasche Riesling nach der anderen und redet dabei den Kollegen unter den Tisch. Seine Themen: Sexuelle Traumatisierung im katholischen Internat, die Not des Musikers, der seine bisherigen Lieblingsstücke plötzlich widerwärtig findet, dann ist von einer afrikanischen Prostituierten in Zürich die Rede, mit der dieser Friedrich womöglich ein ganz neues Leben anfangen könnte, wenn er sich nicht doch als Mönch auf den Berg Athos zurückzieht. Im letzten Moment glückt dem Philosophen spät nachts dann doch die Flucht.

Kein Entrinnen

Aber schon kurz darauf erscheint der angebliche Klavierlehrer in Basel. Er hat sein Opfer ausfindig gemacht und bemächtigt sich nun dessen Wohnung. Von jetzt an weicht er dem zwangsverpflichteten Gastgeber nicht mehr von der Stelle. Morgens hockt man zum späten Frühstück bei "Mister Wong", nachts wird im "Krummen Turm" gesoffen. Aus den Ritualen dieser ungebetenen Freundschaft gibt es bald kein Entrinnen mehr.

Denn nun beginnt der hilflose Professor das fürchterliche Herr-Knecht-Spiel gutzuheißen und sich in seiner Opferrolle einzurichten. Und da drohen die Verhältnisse vollends umzukippen, denn aus der Bedrohung wird Abhängigkeit. Der völlige Absturz ist nicht mehr weit, schon hat die Verwahrlosung der beiden erschreckende Ausmaße angenommen. Und der Leser wird in diese Spirale der Selbstzerstörung mit hineingezogen und immer wieder möchte man dem Professor zurufen: Tu das nicht! Lauf davon! Mach dich aus dem Staub! so wie die Kinder es im Kasperltheater früher getan haben.

Mit den Nerven gänzlich am Ende und nachdem er seine Wohnung unter einem Vorwand verlassen und bei einer früheren Freundin Unterschlupf erbeten hat, liegt der Erzähler in einem fremden Wohnzimmer und kann nicht einschlafen. Da fällt ihm das Bild des Schutzengels ein, das über seinem Kinderbett gehangen hatte: ein Kind, erschreckt von einer Schlange, wird von einem Engel sicher über einen schmalen Steg geleitet. Erst durch den Realitätssinn dieser Frau findet er zuletzt einen Weg aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Der deutsche Schriftsteller Karl-Heinz Ott, 1957 in der Nähe von Ulm geboren, studierte Philosophie, Musik und Germanistik, arbeitete als Dramaturg und Musiker an Theatern in der Schweiz und in Deutschland. Im Residenz-Verlag hat er 1998 seinen ersten vielbeachteten Roman vorgelegt, "Ins Offene", eine erschütternde Erzählung über Sterben und Tod der Mutter, zugleich eine Reise zurück in ihre Welt, und damit in die Welt der eigenen Kindheit.

Dramaturgische Fähigkeit

Der neue Roman von Karl-Heinz Ott ist in Wahrheit eine grandiose Novelle. Der Leser wird sie vielleicht als Doppelgängergeschichte lesen oder als Studie über Lebensuntüchtigkeit. Bewundern muss man jedenfalls die dramatische Fähigkeit des Autors, mit der er seine hilflosen Helden in Szene setzt, und sie, zwischen Größenwahn und Lebensekel gefangen der eine, zwischen Mutlosigkeit und phantasiertem Aufbegehren hilflos der andere, gegeneinander aufhetzt. "Ein Meisterstück an erzählerischer Dramaturgie und psychologischem Realismus" schrieb Richard Kämmerling über den Roman in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Genauso ist es.

Endlich Stille

Roman von Karl-Heinz Ott

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2005. 208 Seiten, geb., e 18,50

Dort, wo es wehtut

"Mein Vorsatz war immer: Wenn Politiker von mir gezeichnet werden, dann sollen sie sich schlecht fühlen. Die sollen nicht stolz sein und sagen: Ha, der Deix hat mich gemalt', sondern die sollen sich genieren. Das ist meine Aufgabe, so verstehe ich diesen Beruf. Satiriker haben nicht schmeichelnde Bilder von den Machthabern zu zeichnen, sie müssen unterm Gürtel ansetzen. Dort, wo es wehtut. Ein Satiriker muss verletzen. Das ist das Einzige, worauf sie reagieren. Sie sollen sich schämen, wenn auch nur für fünf Minuten." Manfred Deix im Gespräch mit Britta Frenz, die für ihren Bildband "Zugespitzt" die Werkstätten von 25 Karikaturistinnen und Karikaturisten aufsuchte und den Künstlern mit der Kamera beim Arbeiten über die Schultern blickte. Das Ergebnis: durch Interviews ergänzte Fotografien.

Zugespitzt

In der Werkstatt der Karikaturisten

Fotografien und Interviews.Von Britta Frenz

Knesebeck Verlag, München 2004

223 Seiten m. zahlr. Abb., e 41,10

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