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Literatur

Umweg in den Tod

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

2000 Seiten Chronik des Gettos Lodz überlebten das Kriegsende und sind nun ediert: ein ergreifendes Werk.

An einem kalten Sonntag im Oktober 1944 entwischte Nachman Zonabend den Bewachern und rannte zum Postamt des Gettos. Er ging durch die leeren, dunklen Korridore, die er so gut kannte, denn er hatte im Getto vor dessen Auflösung Briefe ausgetragen. Durch eine Hintertür betrat er das Nachbargebäude, wo das Archiv gearbeitet hatte. Die Böden waren bedeckt mit Papier, an einer Wand stand eine Reihe von verschnürten Koffern. Zonabend schaffte die Koffer in einen stillgelegten Brunnen und bedeckte sie mit Bettzeug. So wurde die jüdische Chronik des Gettos Lodz gerettet - eines der wertvollsten Zeugnisse zur Geschichte der Juden im Nationalsozialismus.

Das Getto von Lodz - oder Litzmannstadt, wie die Nazis Lodz nach einem deutschen General getauft hatten - war damals das zweitgrößte in Europa, nach Warschau. Insgesamt 200.000 Menschen, bis zu 160.000 gleichzeitig, waren hier zwischen 1940 und 1944 auf vier Quadratkilometern eingepfercht. Regiert wurde diese mittlere Großstadt von Mordechai Chaim Rumkowski, einem 1877 geborenen Kaufmann.

Gnade der Deutschen

Als "Judenältester" war Rumkowski völlig von der Gnade der Deutschen abhängig, doch solange das Getto ruhig blieb, ließen sie ihn innerhalb des Stacheldrahts frei schalten und walten. "Unser Weg ist Arbeit", hieß Rumkowskis Parole. Um zu überleben, sollten sich die Juden unentbehrlich machen. Und seine Strategie schien aufzugehen: Das als Provisorium eingerichtete Getto entwickelte sich zu einem riesigen selbstorganisierten und hochprofitablen Arbeitslager. Den Profit strich die deutsche "Getto-Verwaltung" unter ihrem Leiter Hans Biebow ein, der im Gegenzug nicht einmal das Nötigste an Lebensmitteln für die Bewohner bereitstellte.

Rumkowski schuf eine große Administration, die er autokratisch lenkte. Von Feuerwehr und Müllabfuhr über Volksküchen und Krankenhäuser bis zu Ordnungsdienst, Gefängnis und eigenem Gericht war alles da, was ein Gemeinwesen braucht. Auch ein "Meldeamt" gab es samt "Statistischem Büro", aus dem das Archiv hervorging. Dessen Aufgabe war es, das Leben im Getto - und das segensreiche Wirken Rumkowskis - für die Zukunft festzuhalten.

Seit Jänner 1941 produzierte das Archiv unter der Leitung von Julian Cukier fast täglich einen Bericht, der sich wie eine Zeitung liest: Wetter, Sterbefälle und Geburten, Versorgungslage und Lebensmittelpreise, Nachrichten aus den "Ressorts", wie die Werkstätten im Getto-Jargon hießen, Berichte über Kriminalfälle und andere besondere Vorkommnisse. Nicht zu letzteren zählen die unter den Rubriken "Selbstmord" und "Erschießungen" verzeichneten Ereignisse: "Um ca. 10 Uhr abends wurde in der Nähe der Drähte die 61-jährige Malka Sura Cukier /ul. Nad Lodka 2/ durch einen Gewehrschuss getötet." Die Deutschen schossen ohne Vorwarnung auf jeden Juden, der sich dem Stacheldraht näherte.

Erschütternder noch als der Hunger, die Kälte, der Dreck und die Krankheiten, von denen die Chronik so lakonisch wie eindringlich berichtet, ist das Fehlen auch nur irgendeiner Anklage gegen die Deutschen. Sie kommen nur am Rande vor und werden neutral "die Behörden" genannt. Da ist Selbstschutz im Spiel, denn die Chronisten mussten mit der Gestapo rechnen, die im Getto aktiv war. Aber da ist wohl auch der Wunsch am Werk, eine Art Normalität herzustellen. Eine Normalität freilich, die auf den Spielregeln der Mörder beruht und die eher von denen bedroht wird, die den Drähten zu nah kommen, als von denen, die sie erschießen.

Spielregeln der Mörder

Der Irrsinn dieser Normalität wird spürbarer, im Maße wie die Chronik in der Zeit fortschreitet. Mit Transporten von "Westjuden" nach Lodz kamen neue Leute in die Redaktion, vor allem die Prager Journalisten Oskar Singer und Oskar Rosenfeld. Sie führten die Rubrik "Kleiner Getto-Spiegel" ein: brillante Feuilletons, die etwa von privilegierten Katzen handeln, vom Gemüseanbau in Kinderwägen und dem "High Life" der "Getto-Dignitare".

Im Spiegel der Chronik erscheint das Getto als perverses Gemeinwesen, das sich auf die Kollaboration von Juden mit den Nazis gründete. Dahinter stand die Hoffnung, durch Anpassung zu überleben - ein rationales Kalkül, das sich aber an der Irrationalität der Nazis verrechnete. 45.000 Menschen starben im Getto, an Hunger, Erschöpfung, Tuberkulose. Weitere 150.000 wurden im nahen Kulmhof und in Auschwitz vergast. Davon weiß die Chronik jedoch nichts. Seit 1942 wurden in mehreren Schüben, unter Beihilfe Rumkowskis und seiner Beamten, erst die unproduktiven Bewohner "ausgesiedelt", die Kinder, Kranken und Alten, und im Sommer 1944 die übrigen deportiert und ermordet, darunter Rumkowski selbst. Am Ende war die Arbeit nur ein Umweg in den Tod.

Mit Ausnahme eines ihrer Mitglieder hat auch die Redaktion der Getto-Chronik, die am 30. Juli 1944, dem Tag des letzten Eintrags, auf mehr als 2000 Seiten angewachsen war, das Kriegsende nicht erlebt. Aber ihre Arbeit war nicht vergebens dank Nachman Zonabend, dem Briefträger, der zu einer Gruppe von 800 Männern gehörte, die die Deutschen nach der Auflösung des Gettos zum Aufräumen dabehielten, und der den Krieg überlebte. Jetzt ist die Chronik erstmals in einer vollständigen und vorzüglich kommentierten deutschen Edition zugänglich. Ein ergreifendes Werk.

Die Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt

Hg von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 5 Bde., 3052 S. mit 168 Abb., geb., € 131,60

2000 Seiten Chronik des Gettos Lodz überlebten das Kriegsende und sind nun ediert: ein ergreifendes Werk.

An einem kalten Sonntag im Oktober 1944 entwischte Nachman Zonabend den Bewachern und rannte zum Postamt des Gettos. Er ging durch die leeren, dunklen Korridore, die er so gut kannte, denn er hatte im Getto vor dessen Auflösung Briefe ausgetragen. Durch eine Hintertür betrat er das Nachbargebäude, wo das Archiv gearbeitet hatte. Die Böden waren bedeckt mit Papier, an einer Wand stand eine Reihe von verschnürten Koffern. Zonabend schaffte die Koffer in einen stillgelegten Brunnen und bedeckte sie mit Bettzeug. So wurde die jüdische Chronik des Gettos Lodz gerettet - eines der wertvollsten Zeugnisse zur Geschichte der Juden im Nationalsozialismus.

Das Getto von Lodz - oder Litzmannstadt, wie die Nazis Lodz nach einem deutschen General getauft hatten - war damals das zweitgrößte in Europa, nach Warschau. Insgesamt 200.000 Menschen, bis zu 160.000 gleichzeitig, waren hier zwischen 1940 und 1944 auf vier Quadratkilometern eingepfercht. Regiert wurde diese mittlere Großstadt von Mordechai Chaim Rumkowski, einem 1877 geborenen Kaufmann.

Gnade der Deutschen

Als "Judenältester" war Rumkowski völlig von der Gnade der Deutschen abhängig, doch solange das Getto ruhig blieb, ließen sie ihn innerhalb des Stacheldrahts frei schalten und walten. "Unser Weg ist Arbeit", hieß Rumkowskis Parole. Um zu überleben, sollten sich die Juden unentbehrlich machen. Und seine Strategie schien aufzugehen: Das als Provisorium eingerichtete Getto entwickelte sich zu einem riesigen selbstorganisierten und hochprofitablen Arbeitslager. Den Profit strich die deutsche "Getto-Verwaltung" unter ihrem Leiter Hans Biebow ein, der im Gegenzug nicht einmal das Nötigste an Lebensmitteln für die Bewohner bereitstellte.

Rumkowski schuf eine große Administration, die er autokratisch lenkte. Von Feuerwehr und Müllabfuhr über Volksküchen und Krankenhäuser bis zu Ordnungsdienst, Gefängnis und eigenem Gericht war alles da, was ein Gemeinwesen braucht. Auch ein "Meldeamt" gab es samt "Statistischem Büro", aus dem das Archiv hervorging. Dessen Aufgabe war es, das Leben im Getto - und das segensreiche Wirken Rumkowskis - für die Zukunft festzuhalten.

Seit Jänner 1941 produzierte das Archiv unter der Leitung von Julian Cukier fast täglich einen Bericht, der sich wie eine Zeitung liest: Wetter, Sterbefälle und Geburten, Versorgungslage und Lebensmittelpreise, Nachrichten aus den "Ressorts", wie die Werkstätten im Getto-Jargon hießen, Berichte über Kriminalfälle und andere besondere Vorkommnisse. Nicht zu letzteren zählen die unter den Rubriken "Selbstmord" und "Erschießungen" verzeichneten Ereignisse: "Um ca. 10 Uhr abends wurde in der Nähe der Drähte die 61-jährige Malka Sura Cukier /ul. Nad Lodka 2/ durch einen Gewehrschuss getötet." Die Deutschen schossen ohne Vorwarnung auf jeden Juden, der sich dem Stacheldraht näherte.

Erschütternder noch als der Hunger, die Kälte, der Dreck und die Krankheiten, von denen die Chronik so lakonisch wie eindringlich berichtet, ist das Fehlen auch nur irgendeiner Anklage gegen die Deutschen. Sie kommen nur am Rande vor und werden neutral "die Behörden" genannt. Da ist Selbstschutz im Spiel, denn die Chronisten mussten mit der Gestapo rechnen, die im Getto aktiv war. Aber da ist wohl auch der Wunsch am Werk, eine Art Normalität herzustellen. Eine Normalität freilich, die auf den Spielregeln der Mörder beruht und die eher von denen bedroht wird, die den Drähten zu nah kommen, als von denen, die sie erschießen.

Spielregeln der Mörder

Der Irrsinn dieser Normalität wird spürbarer, im Maße wie die Chronik in der Zeit fortschreitet. Mit Transporten von "Westjuden" nach Lodz kamen neue Leute in die Redaktion, vor allem die Prager Journalisten Oskar Singer und Oskar Rosenfeld. Sie führten die Rubrik "Kleiner Getto-Spiegel" ein: brillante Feuilletons, die etwa von privilegierten Katzen handeln, vom Gemüseanbau in Kinderwägen und dem "High Life" der "Getto-Dignitare".

Im Spiegel der Chronik erscheint das Getto als perverses Gemeinwesen, das sich auf die Kollaboration von Juden mit den Nazis gründete. Dahinter stand die Hoffnung, durch Anpassung zu überleben - ein rationales Kalkül, das sich aber an der Irrationalität der Nazis verrechnete. 45.000 Menschen starben im Getto, an Hunger, Erschöpfung, Tuberkulose. Weitere 150.000 wurden im nahen Kulmhof und in Auschwitz vergast. Davon weiß die Chronik jedoch nichts. Seit 1942 wurden in mehreren Schüben, unter Beihilfe Rumkowskis und seiner Beamten, erst die unproduktiven Bewohner "ausgesiedelt", die Kinder, Kranken und Alten, und im Sommer 1944 die übrigen deportiert und ermordet, darunter Rumkowski selbst. Am Ende war die Arbeit nur ein Umweg in den Tod.

Mit Ausnahme eines ihrer Mitglieder hat auch die Redaktion der Getto-Chronik, die am 30. Juli 1944, dem Tag des letzten Eintrags, auf mehr als 2000 Seiten angewachsen war, das Kriegsende nicht erlebt. Aber ihre Arbeit war nicht vergebens dank Nachman Zonabend, dem Briefträger, der zu einer Gruppe von 800 Männern gehörte, die die Deutschen nach der Auflösung des Gettos zum Aufräumen dabehielten, und der den Krieg überlebte. Jetzt ist die Chronik erstmals in einer vollständigen und vorzüglich kommentierten deutschen Edition zugänglich. Ein ergreifendes Werk.

Die Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt

Hg von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 5 Bde., 3052 S. mit 168 Abb., geb., € 131,60