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Literatur

„Veranstaltungen boomen“

1945 1960 1980 2000 2020

Um die Zukunft der Literatur macht er sich keine Sorgen und die Heterogenität des Publikums fasziniert ihn: Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses Graz und Bachmannpreis-Juror, im Gespräch.

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Um die Zukunft der Literatur macht er sich keine Sorgen und die Heterogenität des Publikums fasziniert ihn: Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses Graz und Bachmannpreis-Juror, im Gespräch.

Seit vier Jahren leitet Klaus Kastberger das Literaturhaus Graz. Der Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz ist auch als Literaturkritiker tätig und bekannt vor allem als wortgewandter Juror des alljährlichen Bachmannpreis-Bewerbs.

DIE FURCHE: Welche Aufgabe hat denn ein Literaturhaus heute?
Klaus Kastberger: Das Literaturhaus Graz ist ein Baby, es ist erst 2003 gegründet worden. Ich verstehe es als einen zentralen Literaturanbieter und halte es für unsere Aufgabe, dem literarischen Publikum der Stadt zu geben, wofür es sich interessiert - und dabei eigene Konzepte nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist wichtig zu sehen, wie heterogen dieses Publikum heute ist, wie viele Interessensgruppen für wie viele Arten von Literaturen es gibt. Wenn man viermal hintereinander in das Literaturhaus geht, sieht man vier verschiedene Gruppen von Leuten. Veranstaltungen bestehen auch nicht nur aus dem Vorlesen eines Buches. Wir haben unser Publikum befragt: Was wollt ihr? Man will Gesprächsformate, man möchte Persönliches vom Autor oder von der Autorin wissen, man möchte vielleicht auch einmal etwas jenseits von Neuerscheinungen haben. Das Buch ist ein Anreißer. Eine Lesung braucht auch nicht immer 60 Minuten lang sein. Es reichen manchmal kurze Lesepassagen.

DIE FURCHE: Manche messen den Erfolg von solchen Veranstaltungen daran, wie viele Bücher nachher verkauft werden. Wann ist für Sie eine Veranstaltung gelungen?
Kastberger: Vor 15, 20 Jahren hat es noch Berichterstattungen über literarische Veranstaltungen gegeben. Da ist über Lesungen geschrieben worden. Die Kritik der Veranstaltung ist heute aus den Medien völlig entfernt worden. Das führt wohl auch dazu, dass man glaubt, es gehe darum, immer nur ein Buch auf den Tisch zu legen. Natürlich kann man messen, wie viele Leute da waren, wie viele Bücher verkauft wurden. Aber geglückt ist eine Veranstaltung dann, wenn etwas geschehen ist, das die Zuhörer beschäftigt hat und noch beschäftigt beim Hinausgehen. Wichtig ist, dass es ein soziales Event war. Dass der Autor sich im Gespräch geöffnet und sich auch dem eigenen Buch gegenüber geöffnet hat. Die stille Lektüre kann man zu Hause nachholen. Die Verlage wollen natürlich, dass unsere Lesungen Buchmarketing sind, die schauen meist nur auf die Verkaufszahlen von Büchern.

DIE FURCHE: Konkrete Begegnung klingt angesichts der Begegnungen in den sozialen Medien ein bisschen retro. Ist das auch eine besondere Herausforderung für heute: reale Begegnungsräume zu schaffen?
Kastberger:
Ja, wobei es ja nicht nur die Begegnung mit dem Autor oder der Autorin ist, sondern auch mit Thematiken. Das literarische Publikum ist prinzipiell sehr konzentriert, man ist meist gedanklich bis zum Schluss dabei, gerade auch dem Lyrikpublikum beispielsweise ist sehr viel zuzumuten. Es ist wichtig einen solchen Raum der Konzentration zu schaffen und dann auch entsprechend dramaturgisch zu bestücken. Im Augenblick machen wir gute Erfahrungen mit Doppellesungen, wo zwei Autorinnen oder Autoren zusammenkommen und es dann auch zwischen ihnen zum Austausch kommt.

DIE FURCHE: Die Besucherzahlen sind gut - also doch keine Krise im Literaturbetrieb?
Kastberger:
Es berichten alle Literaturhäuser im deutschsprachigen Raum, dass das Publikum massiv mehr wird. Das widerspricht auf den ersten Blick den Verkaufszahlen von Büchern. Die Verlage klagen ja, dass es immer weniger wird. Veranstaltungen aber boomen. Ein Typus von Veranstaltung, der immer geboomt hat, ist das Festival. Da war meist massenhaft Publikum da. Ich glaube, dass dieser Trend seit zehn Jahren auf die klassischen Literaturhäuser übergegriffen hat. Das hat auch damit zu tun, was die Menschen in diesen Häusern bekommen: nämlich stets mehr als nur das reine Buch. Dabei geht es gar nicht darum, aus jeder Veranstaltung eine Party zu machen. Im Zentrum steht immer noch die Faszinationskraft und das Potenzial der Literatur, ein Gesprächsangebot zu sein, das in viele Richtungen gehen kann. Man kann nach den Qualitäten, nach den Spezifika fragen, nach biografischen Hintergründen. Jeder Abend ist anders, weil er sich aus der Thematik ergibt und aus dem jeweiligen Buch heraus.

DIE FURCHE: Am 16. März laden Sie zu einer Literaturshow. Was soll man sich unter "Roboter mit Senf" vorstellen?

Kastberger: In dieser Show ist alles drin, was zu einer Show gehört: Assistentin, Roboter, ein Würstlstand als Begegnungsraum, Saalgäste und vor allem ein Challenge im Hintergrund. Die Frage dieser Show ist: Wie unterhaltsam kann Literatur sein? Dieses Mal wird diese Frage so spezifiziert: Kann eine Literaturshow, in der Autoren und Autorinnen zu Wort kommen, genauso spannend sein wie eine Kochshow im Fernsehen? Im Grunde ist es ein soziales Experiment. Das Publikum stimmt dann darüber ab. Das Muster ist eine Art Late-Night-Show mit drei Gästen und es geht mehr oder weniger entfernt um Literatur. Das Ganze ist aufwendig gemacht bis hin zur dramaturgischen Abfolge. Mich persönlich ärgert seit Langem, dass der ORF keine ordentliche Literatursendung zustande bringt im Fernsehen. Unser Angebot wird sein: Wenn das Experiment gelingt, dann schenken wir diese Show dem Fernsehen. Und dann könnten die sich überlegen, ob sie vielleicht nicht auch einmal den Mut zu einem etwas innovativeren Format haben.