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Vertreibung aus dem Kinderparadies

Von wegen „Generation der Hoffnungslosen“: Im FURCHE-Gespräch geben fünf 14-Jährige Einblick in ihre Welt und sprechen über Konflikte mit den Eltern, Frechsein und das Spezielle der jungen Liebe. Ihr Erwachsenwerden sehen sie selbstironisch. Das Gespräch führte Sandra Nigischer

Falsche Freunde ziehen einen runter, wissen sie. Gut, dass Kathrin, Magdalena, Radovan, Daniel und Bernhard miteinander mehr Höhenflüge erleben.

Die Furche: In Krems ist ein 14-Jähriger beim Einbruch in einen Supermarkt erschossen worden. Macht euch das betroffen?

Daniel: Ja, wir haben gestern darüber diskutiert. Ich habe gehört, der 14-Jährige war bei der Polizei vorgemerkt und der 16-jährige Mittäter mehrfach vorbestraft.

Magdalena: Er ist durch einen Rücken-Schuss gestorben. Es ist nicht notwendig, wen anzuschießen, der verkehrt steht.

Radovan: 14-Jährige brechen nicht mitten in der Nacht wo ein, sondern Erwachsene. Das haben die Polizisten nicht wissen können.

Die Furche: Es heißt, der Jugendliche sei an die falschen Freunde geraten. Wäre es theoretisch auch in eurem weiteren Umfeld möglich, in „schlechte Kreise“ abzurutschen?

Magdalena: In unserer Klasse nicht. Es gibt aber einen Freund eines Bekannten: Bei dem Freundeskreis kann ich mir vorstellen, dass es da härter zugeht. Dieses Abrutschen passiert, wenn man unbedingt mit jemandem befreundet sein will.

Daniel: Der macht, was sein Freund sagt.

Bernhard: Da fehlt Selbstbewusstsein.

Die Furche: In der Pubertät haben Eltern oft nicht mehr so Einblick in das Leben ihrer Sprösslinge. Wie gut kennen sie euch?

Radovan: Ich erzähle meiner Mutter alles. Sie kontrolliert mich nicht, sie hört zu. Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.

Magdalena: Vielleicht, weil du ein Einzelkind bist. Ich bin meinen Freunden näher. Meine Mutter ist immer so neugierig, da erzähl ich aus Protest weniger. Sie hört aber zu und belehrt mich nicht. Das ist gut. Wenn ich einen Freund hätte, würde ich das schon erzählen: aber keine Details (lacht).

Daniel: Ich wüsste nicht, was meine Eltern sagen würden, wenn ich erzählen würde, dass ich mich angesoffen hätte. Da wären sie nicht stolz. Ich hab’ zwar schon mal Alkohol gekostet, aber er schmeckt mir nicht.

Kathrin: Meine Freunde wissen mehr. Mit besaufen hätten meine Eltern ein Problem. Und zum Rauchen sollte ich nicht anfangen.

Magdalena: Das sagt meine Mutter auch. Aber sie weiß: Wenn sie es mir verbietet, dann mach ich es noch eher.

Die Furche: Der Begriff „Keenies“ beschreibt euch als Gruppe zwischen Kind-Sein und Teenagern. Wie seht ihr euch selbst: Seid ihr Kinder oder Halb-Erwachsene?

Daniel: Geistig erwachsen, natürlich.

Bernhard: Körperlich ein Kleinkind (lacht).

Magdalena: Ich finde 14 ein blödes Alter. Du bist zu alt für die Kinder und willst schon fortgehen, bist aber dann die Kleinste. Du kannst einfach nicht mit 16-Jährigen herumhängen. In einem Club würde es komisch ausschauen, wenn man mit 14 hingeht.

Radovan: Ins Kinderparadies beim Fastfood-Restaurant kannst du aber auch nicht mehr gehen.

Die Furche: Im Erwachsenwerden entstehen oft Konflikte mit den Eltern. Welche Streitpunkte tauchen bei euch auf?

Magdalena: Das sind Pubertäts-Phasen, manchmal will ich nicht mit den Eltern sprechen. Ich gehe dann ins Zimmer, nach einer Stunde komme ich wieder und alles ist, als wäre nichts gewesen. Oder wenn etwas im Freundeskreis vorgefallen ist: Da brodelt etwas in mir. Dann setzt meine Mutter noch das Ausschlaggebende drauf und alles kommt raus – obwohl sie gar nichts dafür kann.

Radovan: Bei mir ist es der Haushalt. Meine Mutter ist müde von der Arbeit und hat dann viel zu tun. Das macht sie nervös und reizbar. Ich kann das aber nachvollziehen.

Die Furche: Ältere Generationen kritisieren oft pauschal „die Jugend von heute“. Was ist gerechtfertigt? Und: Was zeichnet euch aus?

Magdalena: Das Frechsein. Ich merke es in der Schule gegenüber den Lehrern oder die Erstklässler gegenüber uns. Das hätte ich mich nie getraut. Es ist aber schwer, von „uns“ als Einheit zu sprechen. Alleine wir fünf sind anders als der Rest der Klasse. Meine Mutter sagt, meine Freunde sind höflich. Der Rado ist einer, der Erwachsene immer siezt. Das mache ich bei anderen Eltern nicht.

Daniel: Das Beschmieren von Dingen ist extrem. Freundschaftlich sind wir sehr eng.

Magdalena: Ja, die Klos sind völlig beschmiert. Es wird schon stimmen, wenn der Lehrer sagt, bei ihnen ist früher nichts am Klo gestanden.

Bernhard: Das sind vor allem die Mädchen, die Männerklos schauen nicht so aus.

Die Furche: Was macht euch Sorgen?

Daniel: Der Tod. Das hat nichts mit dem Alter zu tun, das interessiert jeden, was da ist.

Magdalena: Ich habe lange überlegt, welche Schule ich weitermachen soll. Was kommt nach der Matura? Auch Schularbeiten sind belastend, vor allem in Latein und Mathe.

Die Furche: Zahlen sagen, dass Jugendliche im Durchschnitt mit 14 zum ersten Mal küssen und mit 16 den ersten Sex haben. Es heißt, der erste Kuss würde in Erinnerung bleiben. Setzt euch das unter Druck?

Kathrin: Es muss schon mit einer Person sein, die einem wichtig ist.

Magdalena: Wir haben ja alle noch nicht geküsst. Oh mein Gott, ich bin jetzt unter Druck! (lacht) Wenn es nur mit irgendwem wäre, dann wäre es nicht dieses Spezielle.

Bernhard: Wenn der Kuss schlecht ist, dann wäre das blöd. Aber man wird ihn trotzdem in Erinnerung behalten.

Magdalena: Ohne Erfahrung ist es logisch, dass du das erste Mal verkackst. Eine Freundin hat erzählt, ihr erster Kuss war grauslich. Sie und ihr Freund haben nur gelacht.

Daniel: Es gibt auch Freunde, die mehr erzählen als nur vom Zungenkuss.

Magdalena: Eine Freundin hat gesagt, ihr erstes Mal war nicht wirklich aufregend. Aber sie liebt ihn schon.

Die Furche: Ist Sex mit 14 nicht zu früh?

Kathrin: Für mich schon. Für andere aber nicht: in einer Beziehung mit Vertrauen und wenn man länger zusammen ist.

Magdalena: 14 ist die Grenze, finde ich.

Die Furche: Beantwortet die Frage für das jeweils andere Geschlecht: Was ist Mädels und Burschen in einer Beziehung wichtig?

Daniel: Man sollte oft was unternehmen, aber nicht Zusammenpicken. Das nervt.

Bernhard: Man sollte viele freie SMS haben.

Radovan: Man muss ihr zuhören können und man soll nicht langweilig sein.

Magdalena: Das war’s? Mich wundert es nicht, dass ihr solo seid. Männern ist, glaube ich, Freiraum wichtig. Bei unseren Burschen hier glaube ich, dass Intelligenz zählt. Bei anderen reichen große Brüste.

Kathrin: Mir ist wichtig, wie er ist. Wenn er gut aussieht, das reicht nicht.

Die Furche: Wie wichtig ist Mode und was tut ihr für euer Aussehen?

Bernhard: (schaut in die Runde, lacht) Fragen wir lieber, was sollten wir tun?

Daniel: Über Aussehen wird oft gelästert. Etwa: „Der hat schon wieder seit fünf Tagen das gleiche Leiberl an.“

Magdalena: Es ist zu wichtig geworden. Es gibt Leute, die sagen: „Schau wie die aussieht.“ Dann sag ich: „Kennt ihr sie? Ist sie nett?“ Dann sagen die nur: „Keine Ahnung.“

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