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Literatur

Verzweifelt. Verloren. Abgehoben.

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

In seiner Erzählung "Los" schildert Klaus Merz poetisch das Schicksal eines am Leben Gescheiterten.

Eine Wanderung und ein Erfrierungstod. Auf diese Ereignisse hin fließt in dieser Erzählung alles zu. Unausweichlich scheint sich dieser Weg aufzutun und in das Leben des Protagonisten zu schieben, als logische Folge, ja als einzig mögliche Konsequenz, die sich notgedrungen aus dem Bisherigen ergibt.

Wenn der Schweizer Autor Klaus Merz ein Thema aufgreift, dann tut er es auf gewohnt knappe Art. "Los", so der doppeldeutige Titel des Buches, fällt hier gar nicht aus der Reihe. Dieses Herangehen an die Materie setzt eine genau kalkulierte Erzählstrategie voraus. Merz weiß, wie man verschiedene Erzählfäden locker parallel führt: Rückblicke, in die Gegenwart hineingewebte Kindheits- und Lebenserinnerungen, die Auseinandersetzung mit dem Sterben der Mutter. All diese Erzählfäden bilden ein feinmaschiges Ganzes, werden aufgenommen oder fallen gelassen, gleich einer sich bewegenden Marionette, die Merz souverän bedient.

Da kommt einer mit seinem Leben schwer zu Rande und macht sich mit einem "Neuntöter" im Kopf los im buchstäblichen Sinn des Wortes, bricht auf, löst sich von der Vergangenheit und vom Ballast seines Lebens, indem ihn sein Los ereilt. Und das im späten Herbst, als bereits "ein Grauen über dem Acker liegt wie nach einer langen, verbissenen Schlacht".

Stationen des Lebens

Eines Tages packt er einen Topf "Honig und drei Zitronen als Wegzehrung" in einen Rucksack und macht sich auf, um das "Totenhaus" auf der anderen Seite des Berges zu besichtigen. Nach einer Nacht in einer Berghütte setzt er am nächsten Morgen seinen Weg fort, rutscht aus und kommt mit gebrochenem Fuß "in einer sanften Geländemulde im Schnee zu liegen". Gelassen und verzweifelt zugleich beschäftigt er sich mit Stationen seines Lebens, in dem sich vieles aufgestaut hat, sodass ihm dieses im Nachhinein "nichts als Stundung, Aufschub, Geplänkel" gilt. "Verzweifelt. Verloren. Und abgehoben." In diesen Worten liegt eigentlich bereits die ganze Geschichte. Sein Haus scheint keinen Giebel mehr zu haben und alt geworden zu sein, wie ihm plötzlich im Schnee bewusst wird.

Verluste sind ständige Begleiter seines Lebens. Thaler hat früh seinen Vater verloren. Sein Bruder, der immer wieder zu einer Therapie "einrücken" muss, stirbt drei Weihnachten nach dem Vater an einem Hirntumor. Mannschaftssport, Philosophie oder Literatur können Thalers Boden nach all dem kaum zum Blühen bringen und schon gar nicht die Enge aus seiner Seele treiben. Das gelingt auch nicht mit Frau und Kind im kleinen Einfamilienhaus samt Satellitenschüssel auf dem Flachdach. Mit 60 Jahren landet schließlich seine Mutter nach einer kleineren Operation im Sterbetrakt eines Krankenhauses. Es fehle ihr an Lebensmut, diagnostizieren die Ärzte, als sie irgendwann die Nahrung verweigert. Einige Zeit verbringt sie in einem "Absonderungshaus" "between the lines" und man hofft vergeblich, sie "wieder ins Leben zurückzubringen".

Dem Leser erschließt sich das langsame Sterben dieser Frau parallel zu Thalers Weg in die Berge. Ihre Geschichte hat er aufgeschrieben und mitgenommen. Die Blätter dienen ihm zunächst als isolierende Unterlage vor seinem eigenen Hinausgeraten über den Lebensrand, dann bedeckt er damit seine Brust, quasi eine Art Flaschenpost für die Zurückgebliebenen.

Dichte Prosa

Trotz der wenigen Worte, die Merz braucht, um Thalers Leben zu schildern, liegen immer wieder poetische Bilder am Rand: "Raureif liegt überm Land, das Licht leckt die Brokatränder weg." Da ein Bergdohlengewitter, dort der Schnee, der ihn "mit einem weichen Tuch" zudeckt, "ihm Stirn und Lider kühlt". Von der Bergflanke lässt er das Frühlicht herabkriechen. Diese lyrischen Inseln streut er in so manchen kurzen Satz. Merz erzählt unaufgeregt und ohne große Spannungsbögen und entblättert schrittweise ein Gefühlstableau, das im Fremdwerden des Eigenen kulminiert. Seine Prosa funktioniert ohne pastellfarbenen Weichzeichner, und sie ist unerbittlich konzentriert und dicht. Mit scharfen Schnitten grenzt er die einzelnen Erzählsequenzen voneinander ab und zoomt das Wesentliche heran. Besonders einprägsam leuchtet er die Gefühls- und Gedankenfluchten Thalers aus, als dieser verletzt das Kommende erwartet. Ein fein nuanciertes Crossover von Reflexionen, Erinnerungen, Bildern, Reminiszenzen an Kafka oder an ein rheinisches Totentanzlied. Die "Unerbittlichkeit des Felsenwerks" hat Thaler nie gut ausgehalten, jetzt hält sie ihn fest. "Mein Thaler hat sich verwandert." So lapidar kann ein Tod kommentiert werden. Und der Alltag hat die Familie wieder: "Nur in den Träumen kehrtest du zu uns zurück. Als ob nichts gewesen wäre, tratest du in unsere Stuben und Zimmer, setztest du dich an unsere Tische, legtest du dich in dein Bett. Bis wir dich insgeheim darum baten zu bleiben, wo du jetzt bist."

Los

Eine Erzählung von Klaus Merz

Mit drei Vignetten von Heinz Egger

Haymon Verlag, Innsbruck 2005

96 Seiten, geb., e 14,90

In seiner Erzählung "Los" schildert Klaus Merz poetisch das Schicksal eines am Leben Gescheiterten.

Eine Wanderung und ein Erfrierungstod. Auf diese Ereignisse hin fließt in dieser Erzählung alles zu. Unausweichlich scheint sich dieser Weg aufzutun und in das Leben des Protagonisten zu schieben, als logische Folge, ja als einzig mögliche Konsequenz, die sich notgedrungen aus dem Bisherigen ergibt.

Wenn der Schweizer Autor Klaus Merz ein Thema aufgreift, dann tut er es auf gewohnt knappe Art. "Los", so der doppeldeutige Titel des Buches, fällt hier gar nicht aus der Reihe. Dieses Herangehen an die Materie setzt eine genau kalkulierte Erzählstrategie voraus. Merz weiß, wie man verschiedene Erzählfäden locker parallel führt: Rückblicke, in die Gegenwart hineingewebte Kindheits- und Lebenserinnerungen, die Auseinandersetzung mit dem Sterben der Mutter. All diese Erzählfäden bilden ein feinmaschiges Ganzes, werden aufgenommen oder fallen gelassen, gleich einer sich bewegenden Marionette, die Merz souverän bedient.

Da kommt einer mit seinem Leben schwer zu Rande und macht sich mit einem "Neuntöter" im Kopf los im buchstäblichen Sinn des Wortes, bricht auf, löst sich von der Vergangenheit und vom Ballast seines Lebens, indem ihn sein Los ereilt. Und das im späten Herbst, als bereits "ein Grauen über dem Acker liegt wie nach einer langen, verbissenen Schlacht".

Stationen des Lebens

Eines Tages packt er einen Topf "Honig und drei Zitronen als Wegzehrung" in einen Rucksack und macht sich auf, um das "Totenhaus" auf der anderen Seite des Berges zu besichtigen. Nach einer Nacht in einer Berghütte setzt er am nächsten Morgen seinen Weg fort, rutscht aus und kommt mit gebrochenem Fuß "in einer sanften Geländemulde im Schnee zu liegen". Gelassen und verzweifelt zugleich beschäftigt er sich mit Stationen seines Lebens, in dem sich vieles aufgestaut hat, sodass ihm dieses im Nachhinein "nichts als Stundung, Aufschub, Geplänkel" gilt. "Verzweifelt. Verloren. Und abgehoben." In diesen Worten liegt eigentlich bereits die ganze Geschichte. Sein Haus scheint keinen Giebel mehr zu haben und alt geworden zu sein, wie ihm plötzlich im Schnee bewusst wird.

Verluste sind ständige Begleiter seines Lebens. Thaler hat früh seinen Vater verloren. Sein Bruder, der immer wieder zu einer Therapie "einrücken" muss, stirbt drei Weihnachten nach dem Vater an einem Hirntumor. Mannschaftssport, Philosophie oder Literatur können Thalers Boden nach all dem kaum zum Blühen bringen und schon gar nicht die Enge aus seiner Seele treiben. Das gelingt auch nicht mit Frau und Kind im kleinen Einfamilienhaus samt Satellitenschüssel auf dem Flachdach. Mit 60 Jahren landet schließlich seine Mutter nach einer kleineren Operation im Sterbetrakt eines Krankenhauses. Es fehle ihr an Lebensmut, diagnostizieren die Ärzte, als sie irgendwann die Nahrung verweigert. Einige Zeit verbringt sie in einem "Absonderungshaus" "between the lines" und man hofft vergeblich, sie "wieder ins Leben zurückzubringen".

Dem Leser erschließt sich das langsame Sterben dieser Frau parallel zu Thalers Weg in die Berge. Ihre Geschichte hat er aufgeschrieben und mitgenommen. Die Blätter dienen ihm zunächst als isolierende Unterlage vor seinem eigenen Hinausgeraten über den Lebensrand, dann bedeckt er damit seine Brust, quasi eine Art Flaschenpost für die Zurückgebliebenen.

Dichte Prosa

Trotz der wenigen Worte, die Merz braucht, um Thalers Leben zu schildern, liegen immer wieder poetische Bilder am Rand: "Raureif liegt überm Land, das Licht leckt die Brokatränder weg." Da ein Bergdohlengewitter, dort der Schnee, der ihn "mit einem weichen Tuch" zudeckt, "ihm Stirn und Lider kühlt". Von der Bergflanke lässt er das Frühlicht herabkriechen. Diese lyrischen Inseln streut er in so manchen kurzen Satz. Merz erzählt unaufgeregt und ohne große Spannungsbögen und entblättert schrittweise ein Gefühlstableau, das im Fremdwerden des Eigenen kulminiert. Seine Prosa funktioniert ohne pastellfarbenen Weichzeichner, und sie ist unerbittlich konzentriert und dicht. Mit scharfen Schnitten grenzt er die einzelnen Erzählsequenzen voneinander ab und zoomt das Wesentliche heran. Besonders einprägsam leuchtet er die Gefühls- und Gedankenfluchten Thalers aus, als dieser verletzt das Kommende erwartet. Ein fein nuanciertes Crossover von Reflexionen, Erinnerungen, Bildern, Reminiszenzen an Kafka oder an ein rheinisches Totentanzlied. Die "Unerbittlichkeit des Felsenwerks" hat Thaler nie gut ausgehalten, jetzt hält sie ihn fest. "Mein Thaler hat sich verwandert." So lapidar kann ein Tod kommentiert werden. Und der Alltag hat die Familie wieder: "Nur in den Träumen kehrtest du zu uns zurück. Als ob nichts gewesen wäre, tratest du in unsere Stuben und Zimmer, setztest du dich an unsere Tische, legtest du dich in dein Bett. Bis wir dich insgeheim darum baten zu bleiben, wo du jetzt bist."

Los

Eine Erzählung von Klaus Merz

Mit drei Vignetten von Heinz Egger

Haymon Verlag, Innsbruck 2005

96 Seiten, geb., e 14,90