"Viele mögen einfach meine Musik "

Philip Glass, der amerikanische Erfolgskomponist, ist musikalisch in allen Genres zu Hause. Diese Woche wird in Klagenfurt seine Kammeroper "In the Penal Colony" in Österreich erstaufgeführt. Im Folgenden ein Gespräch über sein Werk und seinen Kompositionsstil.

Die Furche: Sie gelten als einer der erfolgreichsten amerikanischen Komponisten der Gegenwart. Worauf ist es Ihrer Meinung nach zurück zu führen, dass sich die Leute so zu Ihrer Musik hingezogen fühlen?

Philip Glass: Vielleicht könnte es sein, dass die Leute meine Musik ganz einfach mögen. Jedenfalls interessierten sich die Menschen ab dem Zeitpunkt, als ich für das Theater und den Film zu komponieren begann, plötzlich für meine Musik. Vor allem die sehr erfolgreichen Filme wie "Kundun" und "The Hours" wurden von sehr vielen Leuten gesehen. Denn damit und mit den Opern erreicht man ein großes Publikum.

Die Furche: Würden Sie ihren Musikstil selbst als "Minimal Music" bezeichnen ?

Glass: Die Bezeichnung mag vielleicht vor 20 Jahren richtig gewesen sein. Bis zum Ende der siebziger Jahre kann man sagen, dass meine Musik auf reduzierten Prinzipien und repetitiven Strukturen basierte. Aber das Wort beschreibt nur meine damaligen und nur einen Teil der Werke. Denn schließlich entwickelt und verändert man sich. Meine heutigen Kompositionen klingen ganz anders. Und diese Bezeichnung verwirrt die Leute heutzutage. Die nächste Generation von Hörern oder Kritikern wird meine Musik sicher wieder anders auffassen und bezeichnen.

Die Furche: Sie gelten als Erfinder dieser Musikrichtung, die von vielen Komponisten kopiert wurde. Ein Kritiker schrieb einmal: "Die Reputation von Philip Glass beruht auf seiner Repetition." Können Sie dem zustimmen?

Glass (lacht lauthals): Das ist wirklich witzig. Aber im Ernst, ich habe mich nicht in ein Kämmerchen gesetzt und gesagt: jetzt erfinde ich einen neuen Musikstil, der auf ständigen Wiederholungen beruht. Das ergab sich, es passierte im Zuge meines Komponierens einfach so, ganz natürlich. Vielleicht lag es auch einfach in der Luft und ich habe es aufgefangen. Das wichtigste für mich war eigentlich immer, dass man meine Musik mag. Dass andere Komponisten meinen Stil nachgemacht haben, stimmt.

Die Furche: Welche Komponisten haben Sie am meisten beeinflusst ?

Glass: Viele. Zuerst einmal die traditionellen, die wichtigsten sind für mich Mozart und Bach, dann Strawinsky und Debussy und natürlich viele der Zeitgenössischen. Wenn man Musik liebt und viel hört, so wie ich, wird man automatisch in jeder nur denkbaren Weise beeinflusst.

Die Furche: Sie komponieren Musik verschiedenster Genres, wie wichtig ist dabei für Sie die Filmmusik ?

Glass: Das hängt vom Film ab. Filmmusikkomponisten, die in Hollywood leben, haben in meinem Alter Musik für etwa 80 Filme komponiert. Bei mir waren es nicht so viele, nur knapp 20, da ich auch für viele andere Projekte schreibe. Einige der Filme mag ich besonders, wie "Kundun", "The Hours" und "Mishima". Manche Filme sind meiner Meinung nach weniger gelungen. Aber der Komponist hat ja wenig Einfluss auf das Ergebnis des Films. Derzeit bin ich gerade dabei, eine Filmmusik zu beenden: eine Dokumentation über einen Mann namens Robert McNamara, der während des Vietnamkrieges amerikanischer Verteidigungsminister war. Es sind die Erinnerungen eines 85-jährigen Mannes, die mit der heutigen Zeit verglichen, topaktuell sind, weil auch heute die gleichen end- und hoffnungslosen Kriege stattfinden, etwa jener im Irak. Ein weiteres Filmmusikprojekt ist für die olympischen Spiele in Athen im Juni 2004 geplant: Musik im Stil verschiedenster Länder.

Die Furche: Woher schöpfen sie Ihre Inspiration und die Energie für die vielen Kompositionen?

Glass: Meistens daher, weil ich meine Abgabetermine habe und einhalten muß (lacht). Es ist genau so, wenn man ein Buch schreibt.

Die Furche: Wissen Sie überhaupt, wie viele Werke Sie komponiert haben ?

Glass: Ich muss gestehen, dass ich es nicht weiß, weil ich noch nie Zeit hatte, meine Kompositionen zu zählen. Aber ich schätze, dass es über 200 Stücke sein werden.

Die Furche: Welches Werk ist für Sie persönlich das wichtigste ?

Glass: "Satyagraha". Die Opernhandlung und die darin enthaltenen sozialen Aspekte im Leben von Mahatma Ghandi sind zeitlos und haben heute fast noch mehr Bedeutung als zu dem Zeitpunkt, als ich das Werk schrieb. Es wurde übrigens 2001 in St. Pölten aufgeführt.

Die Furche: Wissen Sie, wie viele Opern von Ihnen, weltweit derzeit aufgeführt werden ?

Glass: Ungefähr 20.

Die Furche: Wann gibt es eine neue Oper?

Glass: Ich habe gerade eine fertiggestellt. Sie wurde in Boston vor einem Monat uraufgeführt: "The Sound of the Voice". In Arbeit ist derzeit eine Oper für Erfurt für 2005. Sie wird "Waiting for the Barbarians" heißen. Weiters habe ich eine Einladung, ein Musikdrama für das Bolschoi Theater in Moskau für 2007 zu schreiben.

Die Furche: Welche Bedeutung hat "In the Penal Colony" für Sie? Warum haben Sie diese Geschichte vertont ?

Glass: Die berühmte Geschichte von Franz Kafka ("In der Strafkolonie"), die ich leider wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht auf Deutsch lesen konnte, über Leben und Tod und diese schreckliche Hinrichtungsmaschine hat mich von Anfang an fasziniert. Ich war damals gerade auf der Suche nach einem Stoff, der auch in kleineren Theatern mit einem kleinen Ensemble und wenig Sängern aufgeführt werden kann. In den USA gibt es ja bekannterweise noch immer die Todesstrafe. Und genau am Tag der Uraufführung im Jahr 2000 in Seattle fand dort eine Exekution statt. Ein Mann, der in Oklahoma City den Bom- benanschlag mit verübt hat, wurde hingerichtet. Wir waren alle sehr geschockt, als wir davon hörten. Auf einmal war alles unglaublich aktuell und zeitgemäß. Die Realität hatte uns am Theater eingeholt. In dieser Nacht schienen viele Worte des Stückes direkt vom Prozess zu kommen. Aber obwohl die Geschichte eine sehr dunkle ist, hat sie Kafka andererseits mit viel schwarzem Humor gewürzt. So wirkt vieles skurril.

Die Furche: Gibt es von dieser Kammeroper schon eine CD?

Glass: Derzeit noch nicht.

Die Furche: Diese Woche findet in Klagenfurt die österreichische Erstaufführung von "In the Penal Colony" statt. Regie führt Michael Schilhan, der 1996 schon einmal dieses Werk als Schauspiel beim "klagenfurter ensemble" inszeniert und 2001 in St. Pölten eine Oper von Ihnen inszeniert hat.

Glass: Ja, er hat damals meine Oper "Satyagraha" sehr gelungen inszeniert. Ich habe ihn auf "In the Penal Colony" aufmerksam gemacht und angeregt, sie einmal auch in Österreich zu inszenieren.

Die Furche: Haben Sie weitere Projekte in Österreich?

Glass: Noch nichts Konkretes. Aber ich bin sicher, dass wir bald wieder etwas auf die Bühne stellen werden, zumal mich mit Dennis Russell Davies, dem Chefdirigenten des Brucknerorchesters Linz, eine große Freundschaft verbindet.

Das Gespräch führte Helmut Christian Mayer.

Stark von der indischen Musik beeinflusst

Philip Glass wurde 1937 in Baltimore geboren, lernte Violine ab sechs, Flöte ab acht Jahren. Dann übersiedelte er nach Chicago, wo er sich das Klavierspiel aneignete und an der Universität in Mathematik und Philosophie graduierte. Mit 23 Jahren kam er nach New York an die berühmte "Julliard School", um Komposition zu studieren. Diese Studien setzte er in Paris bei Nadia Boulanger fort. Dort und im Lande selbst lernte er die indische Musik kennen, die ihn stark beeinflusste.

Diese Woche findet in Klagenfurt, im Rahmen des Festivals "Zwanzig + 4" als Eigenproduktion des "klagenfurter ensembles" die österreichische Erstaufführung seiner Kammeroper "In the Penal Colony" in englischer Sprache statt.

Karten: 0664/7960883.

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