Vollbeschäftigung im Multi-Kulti-Knast

Modellversuch in der Justizanstalt Suben: Leistungsprämien für arbeitende Strafgefangene als Vorbereitung auf den Leistungsdruck "draußen".

Algerien, China, Dominikanische Republik, Guinea, Indien, Kasachstan, Marokko, Philippinen, Sierra Leone ... - Menschen aus aller Herren Länder verbergen sich hinter den Mauern des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes in Suben am Inn. Seit 1865 ist das Kloster ein Gefängnis. Daneben hat Suben aber noch eine zweite Besonderheit: Während österreichweit etwa 25 Prozent der Häftlinge aus dem Ausland stammen, bilden sie in der Anstalt Suben eine satte Mehrheit. Fast 70 Prozent der Häftlinge sind Ausländer.

253 Männer aus 45 Nationen leben in der Justizanstalt auf engstem Raum zusammen. Ein Konfliktpotential ohne Ende? Doch die Atmosphäre ist gelöst, fast harmonisch. In der einen Werkstatt flechten Männer mit flinken Fingern Körbe, in der nächsten holt ein Bursche aus Nigeria im Bäckerkittel einen Laib Brot aus dem Backofen und wenige Meter weiter biegen Häftlinge Kupferdraht zurecht. Das fertige Produkt gibt es später als Mausefalle im Baumarkt zu kaufen.

"Anschreien gibt's nicht!"

Wären da nicht Gitter vor den Fenstern und würden nicht alle Türen versperrt sein, ginge die Szenerie als multifunktionaler Werkstättenbetrieb samt gutgelaunter Belegschaft durch. "Ich weiß auch nicht, warum das so gut funktioniert", sagt Major Gerd Katzlberger, der stellvertretende Anstaltsleiter. "Es gibt kein Geheimnis - vielleicht ist es der normale Umgang mit den Leuten. Hier wird niemand angeschrieen, der Umgangston ist kein militärischer." Die Bediensteten der Justizanstalt werden auf ihre bunt zusammengewürfelte Klientel mit Fremdsprachentraining geschult. Mit den Häftlingen wird vor allem in Englisch gesprochen. "Das taugt den Schwarzen", erzählt Katzlberger. "Wenn sie zu uns in die Anstalt kommen, sind sie oft aggressiv, weil sie Schlimmes erwarten. Wenn wir dann mit ihnen in Englisch reden, sind sie sehr erstaunt", erklärt der Major.

Ein wichtiger Faktor für das konfliktfreie Zusammenleben ist auch das Arbeitsangebot. Zwar ist in Österreich jeder Häftling per Gesetz zur Arbeit verpflichtet, doch in der Praxis sind Jobs in den Anstalten Mangelware - ein Manko, das durch den Sparkurs im Häftlingsvollzug immer größer wird. Nicht so in Suben. Den 253 Männern stehen 210 Arbeitsplätze zur Verfügung, ein Teil davon halbtags. Schlosserei, Schuhmacherei, Bäckerei, Tischlerei, Küche ... - insgesamt 19 Betriebe. Eine weitere Spezialität: Für alle Serienarbeiten, wie Eisenstangen polieren, Draht biegen usw. gibt es Lohn nach Leistung.

Die Erfahrung zeige, berichtet Major Katzlberger, dass die Strafgefangenen nach der Entlassung aus zwei Gründen Schwierigkeiten haben, eine Beschäftigung zu finden: Erstens gibt es in den Berufen, die in der Anstalt ausgeübt werden, hohe Arbeitslosigkeit und zweitens sind Ex-Häftlinge nicht daran gewöhnt, unter Druck zu arbeiten - hier setzt das Modell von Suben an. In der hausinternen Korbflechterei unterrichtet Betriebsleiter Anton Zweimüller 28 Häftlinge. "Diese Arbeit ist auch Therapie. Sie hilft bei der Bewältigung von psychischen Problemen", sagt Zweimüller und fügt hinzu. "Wenn einer zum ersten Mal zu mir kommt, lasse ich ihn einen einfachen Korb machen. Dann hat er sein erstes Erfolgserlebnis." Die Atmosphäre in der Werkstatt ist freundlich: "Hello", lächelt ein Mann aus Nigeria und zeigt seine Arbeit. "Du musst nur anständig mit den Leuten umgehen, sie menschlich behandeln, dann gibt es keine Probleme", erklärt Zweimüller die gute Stimmung.

Auf dem Hof im Freien hängt ein Basketballkorb. Am Nachmittag wird sich der Platz füllen. Aber nicht alle Insassen nützen das Angebot, sich außerhalb ihrer Zelle zu bewegen. "Wir haben auch Leute, die nichts arbeiten. Die sagen sich: Warum soll ich hier drinnen arbeiten, wenn ich auch draußen nichts tue?", verweist Katzlberger auf die nicht ins harmonische Bild passenden Insassen. "Die liegen den ganzen Tag in ihrer Zelle und stehen nur zum Essen auf." Eine kleine Minderheit.

"Bloß raus aus der Zelle!"

In der Regel würden sich die Häftlinge um die Jobs reißen. Das Normalgehalt eines Strafgefangenen beträgt 70 bis 100 Euro im Monat. Durch die Prämien können im Schnitt nochmals 50 bis 60 Euro dazu kommen. Katzlberger: "Über dieses Geld kann der Insasse frei verfügen." Aber nicht nur wegen des Verdienstes wollen die Insassen arbeiten. "Die meisten sagen sich, bloß raus aus der Zelle", weiß der stv. Anstaltsleiter.

Kein Wunder. In den engen Zellen ist wenig Platz. Stockbetten drängen sich links und rechts an die Wände. Persönliche Habseligkeiten stapeln sich unter den Betten, auf den Betten, auf den Tischen, abgestandene Luft. Es wundert nicht, dass die meisten Häftlinge sehnsüchtig auf den Weckruf um sechs Uhr früh warten. Sieben Uhr ist Arbeitsbeginn. Mittagessen gibt es um halb elf, dann wieder arbeiten bis drei viertel zwei. Nach einer Stunde "Bewegung im Freien" müssen die Gefangenen kurz in ihre Zellen - Kontrolle, ob noch alle da sind. Um drei Uhr steht Freizeit am Programm: Sport, Kraftkammer etc. Bis um fünf Uhr der Tag "draußen" zu Ende geht. Dann heißt es zurück in der Zelle und warten auf den nächsten Morgen. "Viele der Häftlinge brauchen diesen Rhythmus. Er bringt Führung und Stabilität in ihr Leben", sagt der Major, verabschiedet sich und sperrt die Türe zu.

Der Autor ist freier Journalist.

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