Digital In Arbeit

Vom Drama der Entstehung

Textzeugen wie Tagebücher und Briefe lassen Werke anders lesen: ein Editor über seine Arbeit und über die Edition von Bachmanns „Kriegstagebuch“ und der „Briefe von Jack Hamesh“.

Ich war immer viel zu zerfahren und hektisch für Arbeiten, die Geduld und einen ruhigen Blick erfordern. So fehlt mir genau das, was für die Editionsarbeit notwendig ist, und so mache ich wie die meisten Menschen genau das, was mir am schwersten fällt.

Ich hätte aber nie zur Editionsphilologie gefunden, wenn es in den Entstehungsgeschichten der Werke nicht etwas zu entdecken gäbe, was bei der bloßen Dokumentation der einzelnen Schritte zur Druckfassung oft übersehen wird. In der Geschichte der Werkentstehung sah ich einen Weg, mich mit den – ich lehne mich an die Formulierung für eine berühmte medizinisch-literarische Anamnese in Thomas Bernhards „Frost“ an –, außerliterarischen „Tatsachen und Möglichkeiten auseinanderzusetzen“ und etwas „Unerforschliches zu erforschen. Es bis zu einem erstaunlichen Grad von Möglichkeiten aufzudecken.“

Seit ich Ende der neunziger Jahre die Entstehung der großen späten Gedichte Ingeborg Bachmanns mit den Vorstufen und Varianten ediert habe, komme ich nicht mehr los von dem Versuch, dem Rätsel der Werke und der Autorschaft auf die Spur zu kommen. Ich hatte mir dazu ein neues editorisches Genre erfunden, den textgenetischen Essay, um in der Entstehung der Gedichte das Drama nachzuzeichnen, das die einzelnen Textstufen Akt für Akt zu erkennen gaben. Damit wurde die kritische Edition zur Möglichkeit, einen alles andere als harmlosen Begriff der Kunst an der Werkentstehung ablesbar zu machen. Denn die Textzeugen geben auf authentische Weise das zu erkennen, wovon „man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt“. Es gebe „auch andres Schreiben“, heißt es weiter in dem hier zitierten Brief Franz Kafkas, „aber manche Schriftsteller kennen nur dieses“. Ingeborg Bachmann gehört zu denen, die „nur dieses“ kennen.

„Geburt“ eines Werkes

Boris Pasternak hat einmal bemerkt, dass das „Klarste, im Gedächtnis Haftendste und Wichtigste in der Kunst [...] ihre Entstehung ist“ und dass „die besten Werke der Welt, die vom Verschiedensten künden“, „in Wahrheit von ihrer Geburt“ „erzählen“. Diese Bemerkung von Pasternak enthält wie die Zitate von Thomas Bernhard und Kafka die Idee einer Edition, die mit seismografischer Aufmerksamkeit auf die Bruchstellen und Krisen in der Werkentstehung gerichtet ist. Ganz in diesem Sinn hat Bachmann einmal von Petrarca und Leopardi gesagt, sie hätten „das erste Erzittern über all das, was sie erfuhren und was ihnen widerfuhr, in die italienische Sprache gebracht. ‚Ed io pur vivo!‘ heißt es bei Petrarca. Das war ein erster Schmerz, ein erstes Ausbrechen, erstes Aussprechen. Solche ‚erste‘ Regungen finden wir auch bei Ungaretti. ‚Sono una creatura …‘, ‚E t’amo, t’amo …‘ Ein Wort ist darum auf ihn geprägt worden: Voce viente. Lebendige Stimme.“

Damit bin ich endlich bei Ingeborg Bachmann und der Edition ihres Kriegstagebuchs und der Briefe von Jack Hamesh. Es kommt mir vor, als wären Bachmanns Worte zu den lange verstorbenen italienischen Dichtern die beste Charakteristik ihres jetzt erscheinenden Tagebuchs aus den letzten Kriegsmonaten und aus der Zeit unmittelbar nach der militärischen Befreiung. Hier finden wir den nie überwundenen Schmerz und jenes erste „Ausbrechen“ und „Aussprechen“, und in der lebendigen Stimme des Tagebuchs hört man bereits die Grundstimme ihrer späteren Werke. In der Begegnung mit Jack Hamesh aber, dem kleinen Soldaten der British Army, finden wir zum ersten Mal das utopische Grundmuster, das die anderen Begegnungen, vor allem die mit Paul Celan, vorwegnimmt.

Jack Hamesh war ein österreichischer Jude, der 1938 mit einem Kindertransport nach England flüchten konnte und nun als britischer Soldat nach Österreich zurückkehrte. Als sie einander an den gelesenen Büchern erkannten – sie hatte die verbotenen Bücher von Thomas Mann, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig gelesen –, war zwischen ihnen auf einmal „alles ganz anders“. Für einen kurzen Moment wurde die Utopie eines Neubeginns nach der Niederlage der NS-Herrschaft zur erlebten Realität und sie sahen ihre Begegnung als entscheidend für ihr ganzes Leben an. Das allein verleiht der Edition des Tagebuchs und der Briefe, so fragmentarisch sie auch sind, eine biografische wie historische Notwendigkeit. Sie selbst empfanden ihre Begegnung als exemplarisch und für immer unverlierbar.

Ungeklärte Identität

Die Briefe Bachmanns sind verloren, es war mir aber wichtig, die Briefe des unbekannten Jack Hamesh mit jener editorischen Sorgfalt wiederzugeben, wie sie für die Texte der Klassiker aufgewendet wird. Lange habe ich überlegt, ob das fehlerhafte Deutsch in Jack Hameshs Briefen nicht behutsam korrigiert werden sollte, um den Lesern die Irritation oder die Schwierigkeiten des Verstehens abzunehmen, und kehrte dann doch immer zu der Überzeugung zurück, dass die Sprache in ihren Unsicherheiten die Geschichte der Vertreibung aus der Muttersprache dokumentiert und dass es geradezu berührend ist, im Idiom eines jungen Mannes, der einen hebräischen Namen angenommen hat, das Wienerische als Grundschicht mitzuhören.

Das viel größere Problem der Edition ist die Identität von Jack Hamesh, da mit seinem letzten Brief aus dem Juli 1947 die Spuren seines Lebens verschwunden sind. Die vielen Archive in Österreich, England, Israel und in den USA, die ich um Auskunft ersuchte, konnten seinen Namen nicht auffinden, niemand von den befragten Überlebenden der Shoah, die nach Palästina kamen, konnte sich an ihn erinnern, und englische Kriegsveteranen, die ebenfalls in Kärnten stationiert waren, haben bisher vergeblich nach ihm gesucht. Nicht einmal seinen früheren Namen kennt man, man kann nur annehmen, dass er vielleicht „Jakob Fünfer“ hieß, weil das hebräische Hamesh „fünf“ heißt. So besteht nur mehr die Hoffnung, dass durch die Edition seiner Briefe sich jemand an ihn erinnert und seine Identität klären hilft, es ist ja nicht einmal ausgeschlossen, dass er selbst noch lebt. Warum seine Briefe im Sommer 1947 abbrechen, ist ein Rätsel.

Trauma als Thema

Als Ingeborg Bachmann viel später zur autobiografischen Dimension des weiblichen Ich in ihrem Roman „Malina“ befragt wurde, antwortete sie: „Was sich in den entscheidenden Jahren von 18 bis 25 ereignet hat, die Zerstörung ihrer Person“, habe sie in die Träume des weiblichen Roman-Ich verlegt. Die Autorin spricht hier ein Trauma an, das dem Werk zugrunde liegt und vom Werk selbst zum Thema gemacht wird. Aber mit der Edition des Kriegstagebuchs erhält der Satz einen konkreteren Sinn und das Tagebuch über die letzten Kriegsmonate in Klagenfurt, das die Achtzehnjährige geschrieben hat, ist von nun an als Nebentext zum ungeheuren Traum vom „Friedhof der ermordeten Töchter“ in „Malina“ mitzudenken. Der erste Traum im Kapitel „Der dritte Mann“ führt in die Heimat des Ich, um hier die Erklärung zu finden, warum dieses Ich im Roman so zerstört ist. Eine Topografie an den Rändern von Klagenfurt erscheint im Traumbild, „die gefühlvollen Männerchöre“ erinnern an die musischen Lehrer der Klagenfurter Lehrerbildungsanstalt, die „‚Herren‘ Erzieher“, wie es illusionslos im Tagebuch heißt, „die uns umbringen lassen wollen.“

Vom Tagebuch aus, das im zweiten Teil die Begegnung mit Jack Hamesh beschreibt, führt aber auch eine Spur zu einem anderen Todesarten-Roman, zu „Der Fall Franza“. Das „Galicien“-Kapitel des Romans wird nun ganz anders lesbar. Ohne etwas biografisch zu vereinfachen, können wir ein komplexes semantisches System von Konstruktionen und Verschiebungen erkennen, das als Kontrafaktur auf Jack Hamesh, die Leerstelle in der Erinnerung an den „schönsten Frühling“ der Befreiung, bezogen ist.

Ingeborg Bachmanns Scheitern am „Franza“-Roman dürfte nicht zuletzt auch mit dieser anspielungsreichen stummen Konstruktion über einer Leerstelle zu tun haben: „Es sind nicht nur die schlechten Stellen und manche Seiten, die mich stören“, schrieb sie am 20. November 1965 an den Verleger Klaus Piper, „das Manuskript kommt mir wie eine hilflose Anspielung auf etwas vor, das erst geschrieben werden muß.“ Sie „werde das Buch deswegen neu schreiben“.

Sprachliche Bilder

Die Edition des Bachmann-Tagebuchs und der Hamesh-Briefe ist aber nicht nur interessant, weil sie in den literarischen Werken etwas in Erinnerung rufen, von dem man „oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten“ liest. Das Tagebuch und die Briefe sind allein auch aufgrund der sprachlichen Bilder, die man hier findet, überliefernswert. Wenn sie einander durch das Gespräch über die gelesenen Bücher plötzlich verstehen und ihre Welt sich öffnet auf eine Zukunft, beschreibt sie dieses Glück eines geschichtlichen Augenblicks, er ist mit 14. Juni 1945 datiert, wie ein Traumbild von einem neuen Zusammenfinden nach der Katastrophe, wie ein nie gemaltes Bild von Chagall: Eine Achtzehnjährige, aus der Welt der NS-Herrschaft befreit, steigt, nachdem ein im Jahr 1938 aus Österreich vertriebener Jude ihr die Hand geküsst hat, in der Nacht allein auf einen Apfelbaum und heult und denkt, dass sie „die Hand nie mehr waschen“ will.

Kriegstagebuch

Von Ingeborg Bachmann. Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann Hg. und Nachwort von Hans Höller Suhrkamp 2010

80 S., geb., e 16,30 Geplante Erscheinung: 19. 4. 2010

Hans Höller, geb. 1947, Univ. Prof. für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg, Verfasser zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Literatur, u. a. „Peter Handke“ (2007); Mitherausgeber der Thomas-Bernhard-Werkausgabe, zuletzt „Auslöschung“ (2009)

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