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Vom Ende der Aufklärung

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Epoche geht offensichtlich zu Ende: So die Diagnose eines Bankiers, des Präsidenten der Vontobel-Holding AG, anläßlich der Generalversammlung des Unternehmens. Bezugnehmend auf die Inszenierung des „Barbiers von Sevilla” betrachtet der Autor den Dekor unseres gesellschaftlichen Spektakels.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Epoche geht offensichtlich zu Ende: So die Diagnose eines Bankiers, des Präsidenten der Vontobel-Holding AG, anläßlich der Generalversammlung des Unternehmens. Bezugnehmend auf die Inszenierung des „Barbiers von Sevilla” betrachtet der Autor den Dekor unseres gesellschaftlichen Spektakels.

Das sowjetkommunistische Imperium - um bei der Erfahrung unserer Generation anzusetzen - ist an vielem zugleich zerbrochen: an seiner schieren Größe, am ökonomischen Versagen, an der Allmacht der Geheimpolizei, am Wettrüsten, an den Widersprüchen zwischen den Verheißungen der „Internationale” und dem Gulag, am kolonialen Gefälle innerhalb der Union. Und dennoch hatte der Kollaps eine einzige Ursache: Die marxistische Macht ist an ihrer Idee gescheitert.

An jener Idee, die ihr Karl Marx als Erbstück des 19. Jahrhunderts hinterlassen hatte. Die materialistische Dialektik der Geschichte ist das Testament dieser Idee. Es zeugt von einer Epoche, die mit der Schwerindustrie und der Eisenbahn, der Glühlampe und dem Elektroantrieb, dem Verbrennungsmotor und der Farbenchemie eine grundlegende Veränderung der „condition humaine” hervorbrachte.

Die Natur schien beherrschbar geworden. Die präzisen Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften verhießen eine deterministische Logik auch der Geschichte. Prometheischer Machbarkeitswahn mündete in eine Fortschrittsgläubigkeit, die unsere abendländischen Gesellschaften bis weit in unsere Gegenwart hinein geprägt hat.

Karl Marx war kein origineller Denker. Er transportierte letztlich bloß das Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution, also die Zivilisation der Vernunft, den Glauben an die Naturwissenschaften und die Säkularisierung von weltlicher wie kirchlicher Macht ins 20. Jahrhundert.

Um den Gedankengang provozierend zu verkürzen: Nicht nur die spezifisch marxistische Form von totalitärer Macht und Unrecht ist gescheitert; sondern es ist auch eine Gesellschaft an ihren geistigen und intellektuellen Grundlagen, an ihren Wertvorstellungen, an ihrer Identität irre geworden. - Und darum lohnt es sich, genauer hinzuhören.

Der Marxismus hat dieselben geistigen Wurzeln wie der liberale Kapitalismus

Eifrige Vordenker haben den liberaldemokratischen Kapitalismus eilfertig zum Sieger erklärt und das Ende der Geschichte verfügt. Dies ist pure marxistische Logik. Und erst noch falsch. Denn zum einen ist es unzulässig, den Kollaps des einen Systems mit dem Sieg des anderen gleichzusetzen. Und zum anderen übersieht solcher Überschwang, daß der Marxismus und der liberale Kapitalismus die gleichen geistesgeschichtlichen Wurzeln haben.

Auch unsere Rezugshorizonte sind Erbstücke von Aufklärung und Französischer Revolution. Auch unsere Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen sind von der himmelstürmenden Zuversicht der Gründerjahre des vorigen Jahrhunderts geprägt worden.

Innerhalb vier Generationen hat sich eine bäuerliche Schweiz zur postindustriellen Informatikgesellschaft gewandelt. Auch wir haben den Glauben an die scheinbar unbeschränkte Machbarkeit ausgekostet. Doch heute ist das Vertrauen in den Fortschritt erschüttert.

Wir haben den vorläufigen Verzicht auf den Ausbau der Nuklearenergie in die Verfassung geschrieben. Großprojekte stoßen auf fundamentalistischen Widerstand. Die Naturwissenschaften - Stichwort Gentechnologie - wecken Angst. Und in anderen Teilen der Welt bewirkt unser abendländisches Modell sogar gewalttätige Auflehnung. Die gedankliche Grundlage, welche die Aufklärung hervorgebracht hatte, hat ausgedient. Unüberhörbar.

Unser System ächzt und stöhnt. Wir sind als Gesellschaft orientierungslos geworden. Wir haben Autoritäten und Wertvorstellungen demontiert, in hedonistischer Individualisierung den Weg aus der Gemeinschaft angetreten, unsere sozialen Netze zerrissen, uns vom Bürger zum Konsumenten gewandelt und unsere individuelle soziale Verantwortung an einen Staat abgetreten, der uns nun, Schritt für Schritt, weiter entmündigt.

Er schafft Erwartungen und Anspruchshaltungen auch dort, wo es nicht um die selbstverständliche Solidarität mit sozial Schwachen geht. So wiederum fördert er die gesellschaftliche Desintegration, weil er seine Bürger von den elementarsten moralischen und menschlichen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft entbindet. Denn von ebendiesen Verpflichtungen kaufen wir uns ja mit Geld frei.

Was der Aufklärung als Gesellschaftvertrag vorschwebte, was in unserem Land noch im Zweiten Weltkrieg als Schicksalsgemeinschaft gelebt und erlebt wurde, ist zur Selbstbedienungsgesellschaft verkommen. Und zwar im buchstäblichen Sinn des Wortes. Die Muster des Konsumverhaltens sind heute identitätsbildender als die überlieferten Normen von Staat und Gesellschaft. Geprägt durch die Instant-Mentalität unserer Zivilisation - vermarktet als lustvolle Selbstverwirklichung - langen wir hin, wenn es etwas zu holen gibt; und ebenso lustvoll verweigern wir uns, wenn der Staat im Namen der Gesellschaft mehr Geld von uns fordert. Wir gehen bestenfalls noch individualistische und egoistische Temporärverträge mit dem Gemeinwesen ein. Von Jean-Jacques Rousseaus „contrat social”, von jenem gedanklichen Bühnenbild, das einst den Umbruch in unserer Epoche ankündigte, sind wir weit entfernt.

Der GeselIschaftsvertrag ist zur Selbstbedienungsgesellschaft verkommen

Wohl ist uns in unserer Haut allerdings nicht. Die Umwertung aller Werte hat ein ideelles Vakuum geschaffen. Fundamentalismen aller Schattierungen, Obskurantismen und religiöse Fanatismen finden großen Zulauf. Man glaubt alles, weil man nichts mehr versteht. Und man versteht nicht, weil man die Hoffnung aufgegeben hat, die politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und letztlich auch geistige Realität zu begreifen. - Man braucht nicht einmal besonders gut hinzuhören.

Wir stecken in einer Sackgasse. In solcher Lage gibt es nicht mehr viel zu optimieren, obwohl unsere Politik dies laufend versucht. Es gilt vielmehr, aus der Sackgasse herauszufinden. Die direkte Demokratie setzt mündige Bürger voraus.

Doch unser politisches Leben ist in Ritualen erstarrt. Und dafür genügen Statisten - also Bürger, die sich nach aller Erfahrung nur noch über ihre Egoismen oder ihre Emotionen mobilisieren lassen. Die Medien fördern ihrerseits die Ritualisierung.

Die sozialpolitische Brisanz des Phänomens Arbeitslosigkeit läßt uns kalt

Auf der Suche nach aufregenden Randgruppen und Minderheiten stellt sogenannter anwaltschaftlicher Journalismus jeder noch so kleinen Lobby Bühne und Mikrophon bereit. Und verzerrt damit die politische Realität ins Absurde. Der Bürger reagiert mit Abstinenz und innerer Kündigung, weil er die Rituale nicht mehr versteht.

Politisiert wird nach den Kriterien der Akzeptanz. Akzeptabel ist angeblich nur noch, was geringstmöglichen politischen Widerstand weckt. Richtig ist einzig noch, was Polit-Marke-ting als mehrheitsfähig erachtet. Andere Kriterien sind nicht mehr gefragt. Dies ebnet billigstem Populismus den Weg. Der pausenlos befragte Bürger wird zum launischen Tyrannen. Und das Gemeinwohl hat Mühe, beherzte Anwälte zu finden. Die Meinungsumfragen sind Teil des Rituals; sie suggerieren einen lebendigen demokratischen Prozeß, wo Anästhesie praktiziert wird. Politik als Spektakel. Spektakel als Ersatz für Politik.

Konkret an einigen beliebigen Beispielen: Wir wissen, daß 36 Millionen Arbeitslose in den 24 Industrieländern der OECD die Akzeptanz des kapitalistischen Wirtschaftssystems untergraben; doch die sozialpolitische Brisanz des Phänomens läßt uns gleichgültig. Wir predigen die Revitalisierung, verteidigen aber zäh überholte Strukturen und Praktiken. Wir reden vom Sparen, jagen aber gleichzeitig die Schulden der öffentlichen Hand in atemberaubende Höhen. Und zwar mit einer Steigerungsrate, mit der wir - wäre die Schweiz Mitglied der Europäischen Union - die Maastrichter Kriterien für die gemeinsame Europäische Währung nicht mehr erfüllen. Wir subventionieren munter weiter, obwohl wir damit einzig strukturellen Heimatschutz betreiben. Wir geben jeden vierten Bundesfranken im Sozialbereich aus und lassen so den Staat zu einer gigantischen, aber wirtschaftlich ineffizienten Geld-Umverteilungsmaschinerie verkommen. Dabei wissen wir alle, daß es uns beileibe nicht so schlecht geht, wie diese aufgeblähte Sozialfürsorge suggeriert.

Wir stecken tief in der Sackgasse. Und verhalten uns völlig apathisch. Verhalten uns wie einst das Ancien Regime. Das Bühnenbild kündet vom Ende einer Epoche. Vom Ende der Epoche der Aufklärung. Auch in unserer Gesellschaft. Wir zaudern und zögern, weil niemand weiß, wohin die Beise geht, wohin sie gehen soll.

Wir ringen uns bestenfalls zu halbherzigen, eher kosmetischen Retuschen durch. Denn grundlegende Reformen wären in diesem Bühnenbild einer Umbruchsituation riskant. Aus der Erfahrung der französischen Revolution wissen wir, daß Reformversuche zur Systemerhaltung in einer solchen Konstellation unerwartet Eigendynamik entwickeln. Auch Michail Gorbatschow - um ein zweites Beispiel anzuführen - war Mitte der achtziger Jahre nicht angetreten mit dem Vorsatz, die Herrschaft der Kommunistischen Partei und mit ihr die Sowjetunion zu liquidieren.

Das Bühnenbild steht. Und das Stück für dieses Dekor wird neu geschrieben. Darum ist es angebracht, genau hinzuhören. Uns als Sieger zu feiern, haben wir keinen Grund.

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