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Von Rasputin bis Putin

Das abenteuerliche Leben der Sofka Dolgorukij, russische Prinzessin und Kommunistin.

Sie war ein Flüchtling und hatte in der Fremde den Glauben ihrer Vertreiber angenommen. Die russischen Emigranten im Westen beschimpften sie verächtlich als „Abschaum“ und Hochverräterin. Tatsächlich war Prinzessin Sophie Dolgorukij, genannt Sofka, eine lebenshungrige, innerlich zerrissene, wahrheitssuchende Abenteuerin von unbändiger Neugier. Von Verehrern bedrängt, von Liebhabern umschwirrt, von politischen Gegnern verfolgt, führte sie ein Leben bewusst mit dem Rücken zur glanzvollen Familienvergangenheit.

Auf Schlachtschiff evakuiert

Im Gefolge der Zarenwitwe war die 1907 in eine der ältesten Petersburger Adelsfamilien hineingeborene 12-Jährige von der Krim aus durch ein britisches Schlachtschiff evakuiert worden. Mit an Bord: Der Freund der Familie, Prinz Felix Jussupow, der Rasputin ermordet hatte. Im englischen Exil wuchs Sofka bei ihrer Großmutter auf, indes die Mutter, Chirurgin und eine der ersten Pilotinnen Russlands, tollkühn ins Sowjetreich zurückkehrte, um ihren inhaftierten zweiten Ehemann freizubekommen.

Sofka Dolgorukij eroberte sich ihren ersten Ehemann, den Russen Leo Zinovieff, mit 24 im Sturm: Die Londoner Hochzeit der beiden Hochadligen war im Sommer 1931 ein Ereignis, über das die Klatschpresse berichtete. Wenig später verlor Leo Zinovieff in der Wirtschaftskrise seine Arbeit. Das Ehepaar lernte schlagartig bittere Armut kennen. Damals wandte sich Sofka politisch der Linken zu.

Als Privatsekretärin des Schauspielers Laurence Olivier gewann sie wieder Boden unter den Füßen. Ihre Ehe endete 1936, als sie ihren neuen Geliebten Grey Shipwith dem Vater ihrer zwei Kinder vorzog. Als 1939 der Krieg losbrach und Grey zur Royal Air Force eingezogen wurde, wechselte Sofka ins vergnügungssichere Paris über, schlief sich dort durch die Betten russischer Emigranten – und wechselte mit Ehemann Grey glühende Liebesbriefe. Sie konnte Sex und Gefühle trennen „wie ein Mann“, kennzeichnete ein Verwandter ihre bereits von der Mutter (und der Vorfahrin Zarin Katharina der Großen) vorgelebte Promiskuität.

Indes, im besetzten Frankreich wurde Sofka als britische Staatsbürgerin bald interniert. Über drei Jahre verbrachte sie im Lager Vittel, wo sie sich polnischer Juden annahm, denen Deportation und Massenermordung drohte – posthum wurde sie dafür in Yad Vashem den „Gerechten unter den Völkern“ zugeordnet.

KP als Familienersatz

Sofkas Antifaschismus trieb sie den Kommunisten zu – die KP-Versammlungen boten ihr, die ihren drei Kindern nur eine Rabenmutter war, später, in London, Familienersatz. Und sie boten ihr gleichgesinnte Männer, mit denen sie ihre sinnliche Zerstreuung ausgiebig fortsetzte: „Überaus triebhaft, und hat daher viele Affären“ stand über sie im Dossier des Geheimdienstes MI 5. Ihre tragisch verlorene Liebe freilich blieb Sir Grey Skipwith, der 1942 über Köln abgeschossen worden war.

Höhenflüge und Abstürze

Mit einem aufrechten englischen Gewerkschafter namens Jack führte sie schließlich ein Philemon- und-Baucis-Dasein in Cornwall, wo sie von ihrer Enkelin, die gleichfalls Sofka Zinovieff heißt, bis zu ihrem Tod 1994 häufig besucht wurde.

Aus ihren Gesprächen, aber auch aus den Memoiren, Tagebüchern und Erkundungen in Familien- und Staatsarchiven destillierte die Autorin ihre in pointiertem englischem Stil erzählte (und von Aurelia Batlogg kongenial übersetzte) Biografie. Sie entführt den Leser auf die Achterbahn eines schwindelerregend hochtourigen Lebens, in dem Höhenflüge und Abstürze ebenso schlagartig wechselten wie Einsichten und Irrtümer.

Die Rote Prinzessin

Ein revolutionäres Leben

Von Sofka Zinovieff

Aus dem Engl. von Aurelia Batlogg

Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008

367 S., geb., € 22,10

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