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Von Tränen und Knospen

Wie verschiedene Charaktere den Kindergarten und den Abschiedsschmerz erleben.

Die sensible, introvertierte Leseratte, der temperamentvolle, manchmal grobe Klettermax, die eigensinnige, etwas egoistische Prinzessin und der soziale, immer den Kürzeren ziehende Bastler. Und sie alle im Kindergarten? Eine spannende bunte Mischung. Es besteht breite Einigkeit, dass für eine für alle Beteiligten gelungene vorschulische Betreuung - Krippe und Kindergarten - drei Hauptfaktoren ausschlaggebend sind: Die Qualität der Einrichtung, die Familiensituation und der Charakter des Kindes - genau dieser steht hier im Zentrum. Einige Beispiele:

"Eigentlich wollten wir es schon früher probieren, weil sie jedesmal begeistert war, wenn sie andere Kinder gesehen hat, und wir haben gespürt, dass sie irrsinnig gerne mit anderen Kindern zusammen ist. Aber beim Versuch mit 15 Monaten hat das Dableiben nicht funktioniert", berichtet Andrea über ihre dreieinhalbjährige Tochter Zoe. Dann einige Monate später, im vergangenen Herbst, lief alles anders: "Ich wollte eine lange Eingewöhnungsphase mit ihr machen, diese war aber nicht notwendig. Wir sind in den Kindergarten hineingegangen, sie ist zu den anderen Kindern gelaufen und ich war abgemeldet."

Die sozial kompetente Zoe

Die kleine Zoe geht seitdem halbtags in einen privaten Kindergarten. Wenn es "Kämpfe" und Trotzreaktionen gebe, dann beim Heimgehen, erzählt die 34-jährige Regisseurin in Karenz: "Wenn wir einen Kampf hatten, war es nur jener, dass sie nicht nach Hause gehen wollte." Die Mutter beschreibt ihre Tochter als sozial kompetentes Kind, das sich in der Gruppe sehr wohl fühlt. "Wir haben schon vor dem Kindergarten gemerkt, dass sie eine hohe soziale Kompetenz hat; sie hat schon am Spielplatz in der Sandkiste immer geschaut, wo kann ich mitmachen, sie hat schnell Freunde gefunden oder kurzfristige Bekannte." Auch in aggressiven Situationen im Kindergarten kommt diese Fähigkeit zur Geltung, vor allem als das Kratzen die Runde machte: "Sie hat zum kratzenden Kind gesagt: Nein, hör auf damit, tu den anderen nicht weh." Auch gegenüber ihrer jüngeren Schwester Cilli, ein Jahr alt, sei Zoe eine liebevolle und fürsorgliche Schwester, erzählt Andrea und fügt hinzu. "Zoe ist oft sehr lustig, das kippt dann aber oft, und sie wird zu einer kleinen Nervensäge."

"Ich habe deutlich gemerkt, dass Zoe große Entwicklungsschritte gemacht hat, mit der Sprache, mit dem Singen und der Selbstständigkeit." Aber es gibt auch eine negative Seite: "Was mir am meisten auf die Nerven geht, ist, dass sie mit anderen Mädchen angefangen hat, so ein rosa Barbietum zu entwickeln. Auf einmal war ein richtiger Druck da, nur mehr rosa Sachen anzuziehen. Und sie hat gefragt, kann ich auch eine Barbie haben. Dass das schon so früh anfängt, wusste ich nicht."

Auch zwei Versuche startete Petra mit ihren Zwillingen Diana und Helene. "Der erste Versuch war im September auf ihren eigenen Wunsch hin. Diana hat viel geweint, das hat auch nicht aufgehört. Ab und zu, wenn ich sie abholen kam, saß Diana auf dem Schoss einer Betreuerin und sah ganz traurig aus, so wie ich sie nicht kannte. Da habe ich mir gedacht: Nein."

Ungleiche Zwillinge

Im vergangenen Jänner begannen die zwei Mädchen, die im Juli drei Jahre alt werden, erneut halbtags mit der Krippe. "Am Anfang waren sie total begeistert. Erst später fing es mit den Szenen an, ich nenne es mal so, die dann ja angeblich sofort aufhören, wenn ich weg bin", erzählt die 38-jährige Mutter über ihr zweieiiges Zwillingspärchen; nur Diana weint in der früh, während für Helene die Verabschiedung von der Mama kein Problem darstellt. Eine Überraschung für Petra, denn gerade Diana ist im Vergleich zu ihrer Schwester eher extrovertiert und sucht schneller die Kommunikation zu anderen, während Helene länger etwas beobachtet und erst dann mitmacht.

Doch Diana wird manchmal richtig hysterisch. Petra erzählt, dass die Betreuerinnen unterschiedlich darauf reagierten: "Ich würde dem Kind gerne die Zeit geben, die es braucht, bis es sagt: So Mama, geh jetzt endlich. Das ist eben meine Traumvorstellung. Die drei Betreuerinnen gehen alle ein bisschen anders damit um. Eine ist da eher forsch und will mir das Kind entreißen, so sehe ich das, sie würde das sicher anders sehen. Das Kind klammerte sich dann an mir fest und dann kommt es zu einem Geschrei. Dann reiße ich das Kind zurück, weil ich mir denke, was macht die mit meinem Kind. Bei den anderen klappt es eigentlich ganz gut, weil die ruhiger damit umgehen, eher tröstend, das klappt dann bei Diana."

Dianas schwere Trennung

Beim Abholen sei aber alles bestens, sie kämen beide fröhlich zu ihr gerannt, erzählt Petra, die früher in einem Büro gearbeitet hat und zur Zeit eine neue Arbeit sucht. Sie hätten auch einmal probiert, dass der Papa oder die Oma die Kinder hinbringt: "Da war genau das gleiche. Nur die Oma machte einmal einen Witz, dann hat Diana zum Lachen angefangen. Man muss sie da aus ihrer Hysterie herausholen."

Die Entwicklungsfortschritte seit Krippenbeginn beschreibt Petra so: "Das war ein richtiger Sprung, als ob eine Knospe aufgegangen ist. Eine neue Welt hat sich geöffnet, nicht, dass alles gut ist, was da kommt, aber sie waren auf jeden Fall begeistert." Wenn nicht der morgendliche "Trennungsschmerz" von Diana wäre. Petra spielt mit dem Gedanken, die Einrichtung zu wechseln. Es sei zweimal zu einem Streit mit jener Betreuerin gekommen, die Diana "forsch" zu sich nimmt. "Ich war auch sehr zufrieden am Anfang. Aber wenn man mit jemanden einen Streit hatte, dann hat man Angst, dass diese Betreuerin das auf die Kinder überträgt, auch wenn sie das bewusst nicht will."

Zwei Kinder mit unterschiedlichen Kindergartenzugang hat auch Svjetlana. Während sich ihr älterer Sohn Danijel (heute zehn Jahre alt) sehr schwer mit der Trennung von der Mutter getan hat, war das für den jüngeren, Dejan (fünf Jahre alt) einfacher: "Dejan ist ein ganz anderes Kind, die Eingewöhnung war nicht so schwer, nur die ersten zwei Wochen, da hatte er das Gefühl, seine Mutter zu verlieren. Aber es war nicht so schwer wie mit Danijel. Dieser weinte so viel und ich auch. Es dauerte ein Monat, wenn nicht mehr, dass er nicht mehr so viel weinte, das war eine schwere Zeit." Die 33-jährige Mutter meint schon, dass Danijel damals bei Krippeneintritt mit eineinhalb Jahren vielleicht einfach noch zu jung gewesen sei, aber sie hätte arbeiten gehen müssen. Dejan, der von seiner Mutter als Energiebündel beschrieben wird, der alles durchsetze, was er will, begann mit zweieinhalb Jahren mit der Krippe in einem städtischen Kindergarten. "Damals fing Danijel gerade mit der Schule an, da blieb ich länger zu Hause, da ich das Gefühl hatte, dass Danijel mich mehr braucht." Danijel wird von ihr als ruhiger Bub beschrieben, eher ein Einzelgänger, während sein kleiner Bruder "in zwei Minuten hundert Freunde gewinnt. Mit dem einen streitet er sich, mit dem anderen rauft er sich und mit dem dritten ist er gut Freund." Sie sei froh, dass im Kindergarten auch klare Grenzen und Regeln gesetzt werden, die Dejan auch respektiere.

Das Hinbringen am Morgen beschreibt Svjetlana so: "Er läuft rein, dann kommt er nochmals zurück und gibt mir, mein Frühstück', ein Bussi. Es gibt schon Tage, an denen er an mir klammert. Aber es ist nicht so, dass es ihm nicht gefällt, sondern er nutzt mich aus. Ich arbeite nur drei Tage die Woche, und das weiß er ganz genau. Jeden Morgen beim Aufwachen sagt er nicht zuerst, Guten Morgen', sondern fragt, ob ich heute frei habe oder nicht. Wenn ich arbeiten muss, dann weiß er, was los ist; wenn ich aber frei habe, dann jammert er und fragt, warum er nicht bei mir bleiben kann."

Energiebündel Dejan

Svjetlana arbeitet drei Tage die Woche als Verkäuferin bei einer großen Handelskette: "Wenn ich arbeite, dann arbeite ich von halb sieben in der früh bis halb neun abends. An diesen Tagen holt sie der Vater ab. Vorher, als ich noch nicht gearbeitet habe, da hatte ich die volle Verantwortung für die Kinder, und die Kinder haben den Papa oft vermisst. Am Anfang haben sie sich sehr gefreut, wenn sie der Papa abgeholt hat, jetzt ist es aber schon normal."

"Unsere Kinder sind 17, acht und vier Jahre alt; die jüngste geht - seit sie zweieinhalb ist - in den Kindergarten," erzählt wiederum Sigrid: "Durch die älteren Geschwister erlebte sie täglich mit, wie alle morgens das Haus verließen, es war daher für sie eher ein Wunsch denn eine Notwendigkeit in einen Kindergarten zu gehen." Eigentlich sollte das "Nesthockerl" Margret erst mit drei Jahren fremdbetreut werden. Tatsächlich sei die Eingewöhnung auch gut verlaufen, erzählt die 35-Jährige, die neben den Kindern an ihrer Diplomarbeit schreibt.

Die ausgeglichene Margret

"Die Eingewöhnung verlief angenehm, in der ersten Woche war sie zweimal je zwei Stunden, dann wollte sie schon mit den anderen in den Park gehen." Als sie einmal doch wollte, dass die Mutter länger bei ihr bleibt, halfen Vernunftargumente: "Mein, Argument', es wäre ein Kinder- und kein Elterngarten, hat sie überzeugt."

Die Vierjährige geht seither halbtags in einen privaten Kindergarten. Sie sei zuhause das Nesthäkchen, sie wirkt laut Mutter ausgeglichen und positiv. "Die Betreuerinnen beschreiben sie als ausgesprochen gefestigtes Persönchen, das genau weiß, was es will und was nicht. Außer Haus ist sie eher ruhig und hat ihre besonderen Freundinnen. Falls diese nicht greifbar sind, sucht und findet sie andere." Sigrid erklärt die Freude ihrer Tochter am Kindergarten auch daran, dass sie von klein auf viele Kinder um sich gewohnt war. "Sigrid ist auch besonders von der Qualität des Kindergartens, in den auch ihre ältere Tochter gegangen ist, überzeugt. "Dieses Gefühl braucht man, um den Kindern auch zu vermitteln, dass alles in Ordnung ist."

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