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Literatur

Vorrang für "alte" Werte

1945 1960 1980 2000 2020
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Trotz aller Risiken: Meine Vision von Europa ist ein Europa, das exemplarisch an einer Kultur der Menschlichkeit baut.

Vor einigen Jahren sagte Bischof Stecher sinngemäß: "Der Vatikan hat das Image der Barmherzigkeit verloren." Das ist ein bedenkenswerter Satz: Rom und Brüssel haben einiges miteinander gemeinsam. Was Rom für die lokalen Kirchen ist, das ist Brüssel für die Regionen. Die katholische Kirche kann so ein "Lehr- und Lernfall" für Europa sein: Sie zeigt eine einheitliche Rechts- und Wertestruktur mit klar geregelten Zuständigkeiten und gemeinsamen lebenstragenden Grundüberzeugungen, die ihre Handlungsfähigkeit als religiöse Gemeinschaft ermöglichen. Die katholische Kirche zeigt aber auch die Gefahren einer langsam arbeitenden Bürokratie und das Risiko, Differenzen nicht den regional erwarteten Respekt zeigen zu können.

Aufgrund dieser Stärken und Schwächen kann die katholische Kirche ein Lernfall für Europa sein. Um auf den Eingangssatz zurückzukommen: Hatte Brüssel je das Image der Barmherzigkeit? Sollte es dieses haben? Hatte es je das Image politischer Klugheit und Integrität? Sollte es dieses Image haben?

Alt? Altmodisch? Veraltet?

Diese Fragen sind wieder en vogue, Europa brennt als Thema wieder unter den Nägeln, wohl gerade deswegen, weil es als "altes, altmodisches, veraltetes" Europa diskreditiert wird. Jürgen Habermas und Jacques Derrida, keineswegs Freunde von ihrer philosophischen Grundorientierung, haben sich zu einem gemeinsam unterzeichneten Text für Europa durchgerungen. Richard Rorty, Umberto Eco, Adolf Muschg und andere haben sich zu Wort gemeldet. Anlass war durchaus die im Zuge des Irakkriegs deutlich gewordene Spannung innerhalb Europas und die Differenzen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Was macht die Identität Europas aus, was hält Europa zusammen? Habermas: "Was soll eine Region zusammenhalten, die sich wie keine andere durch die fortbestehende Rivalität zwischen selbstbewussten Nationen auszeichnet?" Ja, was also? Die Diskussionen um die Wertebasis der Europäischen Verfassung zeigen deutlich, dass ein Konsens nicht billig eingekauft werden kann. Die Spannungen rund um den Irakkrieg und die Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei zeigen, dass geteilte wirtschaftliche Interessen allein nicht ausreichen, um eine handlungsfähige politische Gemeinschaft zu ermöglichen.

Was aber macht europäische Identität aus? Rechtsordnung und die Menschenrechte, die Grundüberzeugungen der christlich-jüdischen Tradition - all das wurde auch in andere Erdteile exportiert und kann nicht mehr als Identitätsbestimmung Europas schlechthin gelten. Von welcher Vision soll Europa gespeist werden? Wie kann hier eine Einheit gewahrt werden. "Mit rücksichtslosem Widerspruch kann das politische Europa nicht leben", mahnt Adolf Muschg in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Richard Rorty lässt über die Süddeutsche ausrichten, jetzt müsse die Stunde Europas schlagen, da es in der Verantwortung Europas liege, ein Gegengewicht zu den USA zu schaffen.

Europas Chancen ...

Kein Zweifel: Europa bewegt sich. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man sich, wenn man in Bewegung ist und die Kontrolle über diese Bewegung nicht verlieren möchte, fragen wird müssen, in welche Richtung es denn nun gehen sollte. Zunächst: Es gibt wichtigere Fragen als die Frage nach der Identität Europas. Das von Samuel Huntington bereits 1993 angesprochene Denken in regionalen Blöcken birgt große Gefahren. Es kann nicht darum gehen, eine "Festung Europa" zu schaffen, mit einem eigenen Fähnchen und einer eigenen Charta, während vor den Toren der Zug der Hungernden und von Kriegen Verstümmelten verendet.

Es geht um mehr als um Europa auf dieser Welt. Aber eben darin könnte eine besondere Chance Europas liegen. Ich möchte hier kurz und bündig die These vertreten, dass Europa eine Chance hätte, zum Aufbau einer Kultur von Menschlichkeit beizutragen. Warum?

Menschlichkeit ist eine Haltung, die im Respekt vor (der Würde des) Menschen besteht und den Primat der Person vor der Struktur, den Primat des Sinns vor dem Buchstaben einer Regel, den Primat der Arbeit vor dem Kapital ausdrückt. Menschlichkeit zeigt sich darin, wie eine Gemeinschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern und mit denjenigen, die keine Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft haben, umgeht. Menschlichkeit zeigt sich - ich komme noch darauf zu sprechen - in anständigen Institutionen. Menschlichkeit zeigt sich daran, dass in einer Gemeinschaft Räume und Zeiten für zwischenmenschliche Beziehungen bleiben. Das sind Indikatoren für eine Kultur von Menschlichkeit.

Europa hat hier Chancen:

* Erstens aufgrund der Werttradition, der jüdisch-christlichen und der philosophischen Tradition, aufgrund der Rechtstradition und der Tradition der Menschenrechte; hier hätten wir jene Bausteine für geteilte Grundüberzeugungen, die eine Kultur von Menschlichkeit als Wert und Chance erkennen lassen.

* Zweitens hat Europa eine Chance auf eine Kultur der Menschlichkeit aufgrund der nachhaltigen Differenzen, die Europa zu einem bunten Teppich regionaler Identitäten machen, die sich auch in starkem politischem Pluralismus niederschlagen und es erforderlich machen, die Würde von Minoritäten zu schützen und die Vielfalt zu respektieren.

* Drittens hat Europa Chancen aufgrund seines starken Mittelstands, dessen Vorzüge Aristoteles gepriesen hat: Wenn jemand sehr reich ist, ist er mit der Sorge um seine Güter und der Sicherung seines Reichtums beschäftigt; wenn jemand arm ist, muss er um sein Leben kämpfen. Der Mittelstand ermöglicht (idealiter) ein "Freisein von" und ein "Freisein für". Sieht man die krassen Differenzen zwischen Arm und Reich in den USA und anderen Teilen der Erde, wird man - ohne das Skandalon dieser Differenzen in Europa verharmlosen zu wollen - sehen, dass hier Europa in einer besonderen Position ist.

... und Risiken

Ich will aber die Risiken nicht unerwähnt lassen.

* Da ist erstens das Risiko der Bürokratisierung. Der Hausverstand rät dazu, Macht nicht nach oben, sondern nach unten zu verteilen. Es wäre unsinnig mehr und mehr Geld in die Hände von europäischen Bürokraten zu schicken: dies erhöhe das Korruptionsrisiko enorm, verringere - gerade dadurch, dass man die Personen, mit denen man es zu tun hat, nicht mehr kenne -, die Schädigungshemmung, mache Kontrollmechanismen aufwändig und lasse eine "Hermeneutik des Verdachts" selbstverständlich werden.

Die EU ist gut beraten, sich ans Subsidiaritätsprinzip zu erinnern. Aus der Realität der Wissenschaftsförderung kann ich nur sagen, dass es fatal ist, immer mehr Geld nach Brüssel zu schicken, von wo es in europäische Großprojekte fließt, die der wohlbegründeten Idee "Small is beautiful" spotten. Mit der Bürokratisierung verbunden ist die Gefahr korrupter Institutionen. Europa ist gut beraten, anständige Institutionen heranzubilden. Das scheint aber nur mit einer Stärkung von regionalen Ebenen zu funktionieren und einer Ausweitung der Mitbestimmungsrechte der Bürgerinnen und Bürger. Eine anständige Institution ist nach dem Philosophen Avishai Margalit eine solche, die den Menschen nicht demütigt; eine Institution demütigt einen Menschen, wenn er einen rationalen Grund hat, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen. Europa hat aufgrund seiner philosophischen Tradition einen geschichtlichen Bezug zur Idee der Selbstachtung, die in diesem Zusammenhang entscheidend ist.

* Ein zweites Risiko ist das Risiko der schuldigen Geschichte (Justo Gonzalez). Europa hat eine Geschichte, in der viel Blut geflossen ist, eine Geschichte von innereuropäischen Kriegen, eine Geschichte von Kolonialisierung und außereuropäischer Expansion. In Krisen kommen geschichtliche Belastungen wieder zum Tragen, wie man durchaus auch im Umfeld des Irakkriegs gesehen hat. Das ist eine Belastung, die Belastung der Differenzen.

* Diese führen zu einem dritten Risiko - dem Risiko der Komplexität - wer viele Sprachen und Vergangenheiten, Identitäten und Profile miteinander koordinieren muss, braucht ein komplexes Regelungssystem. Das führt in das Dilemma von "Überkomplexität" versus "undemokratische Entscheidungsstrukturen".

Europa hat Chancen, Europa hat Risiken. Meine Vision ist ein Europa, das exemplarisch an einer Kultur von Menschlichkeit baut. Das kann nur geschehen, wenn Europa aus dem Blockdenken aussteigt und sich als Experte in Sachen Menschlichkeit profiliert. Wenn die so genannten "neuen Werte" heißen: Präventivkrieg, Primat des ökonomischen Kalküls und Blockdenken, dann wäre ich stolz darauf, an "alten Werten" festhalten zu können: Solidarität mit den Schwächeren, einen Sinn für Prioritäten im Leben, die Fähigkeit, in überregionalen Kategorien zu denken.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Kath.-theol. Fakultät der Universität Salzburg.

Zum Thema

Am 31. Mai publizierten Jürgen Habermas und Jacques Derrida in der Frankfurter Allgemeinen und in Liberation (Paris) ihr Manifest über eine Wiedergeburt Europas. Am selben Tag äußerten sich Richard Rorty in der Süddeutschen, Adolf Muschg in der Neuen Zürcher Zeitung, Umberto Eco in La Repubblica, Gianni Vattimo in La Stampa und Fernando Savater in El País zum gleichen Thema. In der Süddeutschen vom 11. Juni widersprach Péter Esterházy der Habermas-Derrida'schen These, ein Kerneuropa müsse sich formieren. In der Furche beteiligen sich österreichische Intellektuelle an dieser Debatte. ofri

TIPP

10 Jahre forum XXIII

Vor 10 Jahren gründeten engagierte Christen in St. Pölten das "Forum XXIII", um die - bedrohte - Kirchenerneuerung weiterzutreiben. Dieses Anliegen hat auch das diesjährige "Fest der Hoffnung".

Ort: Stift Herzogenburg, NÖ

Termin: Sonntag, 22. Juni

14.00: Tonbildschau

15.00: Festakademie "Für eine Kirche der Erneuerung" mit Prof. Dr. Walter Kirchschläger, Luzern

16.30: Eucharistiefeier mit Kardinal König und Propst Maximilian Fürnsinn, danach Agape.

Trotz aller Risiken: Meine Vision von Europa ist ein Europa, das exemplarisch an einer Kultur der Menschlichkeit baut.

Vor einigen Jahren sagte Bischof Stecher sinngemäß: "Der Vatikan hat das Image der Barmherzigkeit verloren." Das ist ein bedenkenswerter Satz: Rom und Brüssel haben einiges miteinander gemeinsam. Was Rom für die lokalen Kirchen ist, das ist Brüssel für die Regionen. Die katholische Kirche kann so ein "Lehr- und Lernfall" für Europa sein: Sie zeigt eine einheitliche Rechts- und Wertestruktur mit klar geregelten Zuständigkeiten und gemeinsamen lebenstragenden Grundüberzeugungen, die ihre Handlungsfähigkeit als religiöse Gemeinschaft ermöglichen. Die katholische Kirche zeigt aber auch die Gefahren einer langsam arbeitenden Bürokratie und das Risiko, Differenzen nicht den regional erwarteten Respekt zeigen zu können.

Aufgrund dieser Stärken und Schwächen kann die katholische Kirche ein Lernfall für Europa sein. Um auf den Eingangssatz zurückzukommen: Hatte Brüssel je das Image der Barmherzigkeit? Sollte es dieses haben? Hatte es je das Image politischer Klugheit und Integrität? Sollte es dieses Image haben?

Alt? Altmodisch? Veraltet?

Diese Fragen sind wieder en vogue, Europa brennt als Thema wieder unter den Nägeln, wohl gerade deswegen, weil es als "altes, altmodisches, veraltetes" Europa diskreditiert wird. Jürgen Habermas und Jacques Derrida, keineswegs Freunde von ihrer philosophischen Grundorientierung, haben sich zu einem gemeinsam unterzeichneten Text für Europa durchgerungen. Richard Rorty, Umberto Eco, Adolf Muschg und andere haben sich zu Wort gemeldet. Anlass war durchaus die im Zuge des Irakkriegs deutlich gewordene Spannung innerhalb Europas und die Differenzen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Was macht die Identität Europas aus, was hält Europa zusammen? Habermas: "Was soll eine Region zusammenhalten, die sich wie keine andere durch die fortbestehende Rivalität zwischen selbstbewussten Nationen auszeichnet?" Ja, was also? Die Diskussionen um die Wertebasis der Europäischen Verfassung zeigen deutlich, dass ein Konsens nicht billig eingekauft werden kann. Die Spannungen rund um den Irakkrieg und die Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei zeigen, dass geteilte wirtschaftliche Interessen allein nicht ausreichen, um eine handlungsfähige politische Gemeinschaft zu ermöglichen.

Was aber macht europäische Identität aus? Rechtsordnung und die Menschenrechte, die Grundüberzeugungen der christlich-jüdischen Tradition - all das wurde auch in andere Erdteile exportiert und kann nicht mehr als Identitätsbestimmung Europas schlechthin gelten. Von welcher Vision soll Europa gespeist werden? Wie kann hier eine Einheit gewahrt werden. "Mit rücksichtslosem Widerspruch kann das politische Europa nicht leben", mahnt Adolf Muschg in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Richard Rorty lässt über die Süddeutsche ausrichten, jetzt müsse die Stunde Europas schlagen, da es in der Verantwortung Europas liege, ein Gegengewicht zu den USA zu schaffen.

Europas Chancen ...

Kein Zweifel: Europa bewegt sich. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man sich, wenn man in Bewegung ist und die Kontrolle über diese Bewegung nicht verlieren möchte, fragen wird müssen, in welche Richtung es denn nun gehen sollte. Zunächst: Es gibt wichtigere Fragen als die Frage nach der Identität Europas. Das von Samuel Huntington bereits 1993 angesprochene Denken in regionalen Blöcken birgt große Gefahren. Es kann nicht darum gehen, eine "Festung Europa" zu schaffen, mit einem eigenen Fähnchen und einer eigenen Charta, während vor den Toren der Zug der Hungernden und von Kriegen Verstümmelten verendet.

Es geht um mehr als um Europa auf dieser Welt. Aber eben darin könnte eine besondere Chance Europas liegen. Ich möchte hier kurz und bündig die These vertreten, dass Europa eine Chance hätte, zum Aufbau einer Kultur von Menschlichkeit beizutragen. Warum?

Menschlichkeit ist eine Haltung, die im Respekt vor (der Würde des) Menschen besteht und den Primat der Person vor der Struktur, den Primat des Sinns vor dem Buchstaben einer Regel, den Primat der Arbeit vor dem Kapital ausdrückt. Menschlichkeit zeigt sich darin, wie eine Gemeinschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern und mit denjenigen, die keine Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft haben, umgeht. Menschlichkeit zeigt sich - ich komme noch darauf zu sprechen - in anständigen Institutionen. Menschlichkeit zeigt sich daran, dass in einer Gemeinschaft Räume und Zeiten für zwischenmenschliche Beziehungen bleiben. Das sind Indikatoren für eine Kultur von Menschlichkeit.

Europa hat hier Chancen:

* Erstens aufgrund der Werttradition, der jüdisch-christlichen und der philosophischen Tradition, aufgrund der Rechtstradition und der Tradition der Menschenrechte; hier hätten wir jene Bausteine für geteilte Grundüberzeugungen, die eine Kultur von Menschlichkeit als Wert und Chance erkennen lassen.

* Zweitens hat Europa eine Chance auf eine Kultur der Menschlichkeit aufgrund der nachhaltigen Differenzen, die Europa zu einem bunten Teppich regionaler Identitäten machen, die sich auch in starkem politischem Pluralismus niederschlagen und es erforderlich machen, die Würde von Minoritäten zu schützen und die Vielfalt zu respektieren.

* Drittens hat Europa Chancen aufgrund seines starken Mittelstands, dessen Vorzüge Aristoteles gepriesen hat: Wenn jemand sehr reich ist, ist er mit der Sorge um seine Güter und der Sicherung seines Reichtums beschäftigt; wenn jemand arm ist, muss er um sein Leben kämpfen. Der Mittelstand ermöglicht (idealiter) ein "Freisein von" und ein "Freisein für". Sieht man die krassen Differenzen zwischen Arm und Reich in den USA und anderen Teilen der Erde, wird man - ohne das Skandalon dieser Differenzen in Europa verharmlosen zu wollen - sehen, dass hier Europa in einer besonderen Position ist.

... und Risiken

Ich will aber die Risiken nicht unerwähnt lassen.

* Da ist erstens das Risiko der Bürokratisierung. Der Hausverstand rät dazu, Macht nicht nach oben, sondern nach unten zu verteilen. Es wäre unsinnig mehr und mehr Geld in die Hände von europäischen Bürokraten zu schicken: dies erhöhe das Korruptionsrisiko enorm, verringere - gerade dadurch, dass man die Personen, mit denen man es zu tun hat, nicht mehr kenne -, die Schädigungshemmung, mache Kontrollmechanismen aufwändig und lasse eine "Hermeneutik des Verdachts" selbstverständlich werden.

Die EU ist gut beraten, sich ans Subsidiaritätsprinzip zu erinnern. Aus der Realität der Wissenschaftsförderung kann ich nur sagen, dass es fatal ist, immer mehr Geld nach Brüssel zu schicken, von wo es in europäische Großprojekte fließt, die der wohlbegründeten Idee "Small is beautiful" spotten. Mit der Bürokratisierung verbunden ist die Gefahr korrupter Institutionen. Europa ist gut beraten, anständige Institutionen heranzubilden. Das scheint aber nur mit einer Stärkung von regionalen Ebenen zu funktionieren und einer Ausweitung der Mitbestimmungsrechte der Bürgerinnen und Bürger. Eine anständige Institution ist nach dem Philosophen Avishai Margalit eine solche, die den Menschen nicht demütigt; eine Institution demütigt einen Menschen, wenn er einen rationalen Grund hat, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen. Europa hat aufgrund seiner philosophischen Tradition einen geschichtlichen Bezug zur Idee der Selbstachtung, die in diesem Zusammenhang entscheidend ist.

* Ein zweites Risiko ist das Risiko der schuldigen Geschichte (Justo Gonzalez). Europa hat eine Geschichte, in der viel Blut geflossen ist, eine Geschichte von innereuropäischen Kriegen, eine Geschichte von Kolonialisierung und außereuropäischer Expansion. In Krisen kommen geschichtliche Belastungen wieder zum Tragen, wie man durchaus auch im Umfeld des Irakkriegs gesehen hat. Das ist eine Belastung, die Belastung der Differenzen.

* Diese führen zu einem dritten Risiko - dem Risiko der Komplexität - wer viele Sprachen und Vergangenheiten, Identitäten und Profile miteinander koordinieren muss, braucht ein komplexes Regelungssystem. Das führt in das Dilemma von "Überkomplexität" versus "undemokratische Entscheidungsstrukturen".

Europa hat Chancen, Europa hat Risiken. Meine Vision ist ein Europa, das exemplarisch an einer Kultur von Menschlichkeit baut. Das kann nur geschehen, wenn Europa aus dem Blockdenken aussteigt und sich als Experte in Sachen Menschlichkeit profiliert. Wenn die so genannten "neuen Werte" heißen: Präventivkrieg, Primat des ökonomischen Kalküls und Blockdenken, dann wäre ich stolz darauf, an "alten Werten" festhalten zu können: Solidarität mit den Schwächeren, einen Sinn für Prioritäten im Leben, die Fähigkeit, in überregionalen Kategorien zu denken.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Kath.-theol. Fakultät der Universität Salzburg.

Zum Thema

Am 31. Mai publizierten Jürgen Habermas und Jacques Derrida in der Frankfurter Allgemeinen und in Liberation (Paris) ihr Manifest über eine Wiedergeburt Europas. Am selben Tag äußerten sich Richard Rorty in der Süddeutschen, Adolf Muschg in der Neuen Zürcher Zeitung, Umberto Eco in La Repubblica, Gianni Vattimo in La Stampa und Fernando Savater in El País zum gleichen Thema. In der Süddeutschen vom 11. Juni widersprach Péter Esterházy der Habermas-Derrida'schen These, ein Kerneuropa müsse sich formieren. In der Furche beteiligen sich österreichische Intellektuelle an dieser Debatte. ofri

TIPP

10 Jahre forum XXIII

Vor 10 Jahren gründeten engagierte Christen in St. Pölten das "Forum XXIII", um die - bedrohte - Kirchenerneuerung weiterzutreiben. Dieses Anliegen hat auch das diesjährige "Fest der Hoffnung".

Ort: Stift Herzogenburg, NÖ

Termin: Sonntag, 22. Juni

14.00: Tonbildschau

15.00: Festakademie "Für eine Kirche der Erneuerung" mit Prof. Dr. Walter Kirchschläger, Luzern

16.30: Eucharistiefeier mit Kardinal König und Propst Maximilian Fürnsinn, danach Agape.