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Wandlung oder Untergang der Kolonialreiche

Zwei Weltkriege haben Europas Stellung erschüttert, seine einstige Vorherrschaft w der Welt wenigstens zeitweilig vernichtet. Die Ausstrahlung hievon fühlen die alten Kolonialreiche, die alle europäische sind, während die neu emporstrebenden Großmächte die alte Form der Kolonisierung nicht kennen, ihr daher ablehnend gegenüberstehen. Fast alle alten Kolonien stehen heute im Kampf gegen ihre bisherigen Vormünder, wobei nicht zu leugnen ist, daß vielfach alte Sünden sich rächen.

Die Erhebung der Kolonien wird meist geführt von jungen Leuten, die in London und Paris ihre Bildung erhalten haben, teilweise auch in Moskau. Eine verhältnismäßig dünne Oberschicht, eine Meine Elite, die aber als Verkündiger demokratischer Ideen die Massen beherrschten. In den großen, weiten Territorien der Kolonien leben die Bewohner vielfach noch in Stammesorganisationen und in sehr primtiven sozialen Verhältnissen, so daß die Befreiungsbewegung nur zu oft mit rassischen und religiösen Gegensätzen sich verwischt und die schwere Sorge sich erhebt, ob es gelingen werde, sie durch gründliche Reformen einzufangen. „Die Kolonialära geht ihrem Ende zu“, schreibt Henri Laurent in der „Renaissance“ (Paris, Oktober 1945), „aber es ist wichtig, daß sie sich nicht in Anarchie auflöse. Die Kolonisation ist zum Tode verurteilt, aber ihre Organisation kann und muß weiterbestehen, durchdrungen von Freiheit und fußend auf Gleichheit, soll sie den Kolonial-vclkern zeigen, wie man in natürlicher Harmonie mit dem Okzident lebt.“

Es ist im Wesen ein Ehrenzeugnis zu dem Erfolg der zivilisatorischen Arbeit der Kolonialmächte, wenn nun die aufstrebenden Kolonialvölker sich für reif erklären, sich selbst zu regieren. An Stelle der früheren geistigen — freilich nicht selten mit Waffen und Geldmacht errungenen — Ubermacht, tritt damit die Zahl. Von über zwei Milliarden Mensdien, welche die Erde bevölkern, sind rund eine Milliarde Asiaten und gehören zur gelben Rasse. Ihnen stehen 500 Millionen Weiße in Europa, 200 Millionen in Nord- und Südamerika und fast 100 Millionen in anderen Erdteilen gegenüber, zusammen beiläufig also noch 800 Millionen, ein Verhältnis, das durch den ungeheuren Geburtenüberschuß der farbigen Völker sich ständig und rasch zu Ungunsten der weißen Rasse ändert. Ferner zählt man etwa 150 Millionen braune Völker (Araber, Berber und andere Mittelmeerrassen), 125 bis 130 Millionen Schwarze, wovon 90 Millionen in Zentralafrika, 25 Millionen in Amerika leben. Diese Zahlen werden in der Zukunft von bestimmendem Einflüsse sein und sind grundlegende Argumente im politischen Kalkül der Großen bezüglich der künftigen Organisation der Menschheit. Sie können, wie gesagt, als Hebel zur fortschreitenden Evolution und Demokratisierung der neuen Kräfte oder auch zur Anarchie der Welt benützt werden. Das Kolonialproblem muß daher in seinem ganzen Ernste erfaßt werden.

'An impetuoser Gewalt ist das Problem heute fast auf de- ganzen Welt aufgeworfen und drängt wie ein Vulkanausbr..ch aus den Tiefen empor.

Im nahen Osten verhandelt England seit Monaten mit Ägypten, das auch die letzten Reste des einstigen Protektorats abschütteln will und die Auflösung des Kondominiums im Sudan verlangt, dessen Besitz England als Flankensicherung Indiens unentbehrlich ist. In der Levante hat Frankreich das Mandat über Syrien und den Libanon aufgeben müssen, die als selbständige Republiken in die Geschichte eingetreten sind. Das Protektorat über T r a n s j o r-d a n i e n hat England freiwillig abgegeben; allerdings behielt es sich Besatzungsrechte vor. Am heißesten geht der Kampf um Palästina Im Iran, der bisher in eine britische und eine russische Einflußzone aufgeteilt war, sucht die neue demokratische Regierung in gefährlichem diplomatischem Spiel sich beider Bindungen zu entledigen und steht dabei bald im Norden, bald im Süden vor anarchischen Zuständen.

In Nordafrika hat Frankreich erfolgreich den Besitz Algenens und Marokkos und das Protektorat Tunis gesichert.

Durch die Niederlage Italiens ist Tripolita-nien freigeworden, doch soll darüber erst ein Jahr nach dem Friedensvertrag mit Italien entsdiieden werden. Das gleiche gilt für Lybien, dessen Ostteil, Cyrenaika, Ägypten beansprucht; es ereignet sich hier der seltene Fall, daß die ehemaligen Herren selbst, die Italiener, für die Kolonie das Selbstbestimmungsrecht verlangen. Das Schicksal der übrigen italienischen Kolonien liegt noch in Schwebe, wobei auf Erytrea und auf Somaliland England die Hand legen möchte. Audi im Falle Lybien hat sich ein Eingreifen der „Antikolonialen“ gezeigt, Rußland hat sich in den UNO-Debatten lebhaft für seine Selbständigkeit interessiert.

Japans Zusammenbruch hat im fernen Osten alle alten Fesseln gesprengt und eine antieuropäische Hetze hervorgerufen, die sich von China bis Indonesien ausbreitet. In China erleben wir das Sonderbare, daß kommerziell-politische Interessen gerade zwei „Antikolonialrnächte“ gegeneinander ins Feld stellen: Der Bürgerkrieg in dem durch einen zwölfjährigen Krieg maßlos verelendeten Lande, das darunter schlimmer als eine Kolonie leidet, erhält dadurch immer neue Nahrang. Indochina und die anderen Teile des französischen Kolonialreiches Ostasiens sind in voller verfassungsmäßiger Umbildung begriffen. Die große Doktorfrage Indien ist durch die Einsetzung der selbständigen Regierung Pandit Nehrus vorläufig im Sinne des Kongresses gelöst, doch bleibt das Problem Pakistan, der Separation Moslim-Indiens, bestehen und zwar in aller Schärfe, wie che blutigen Zusammenstöße zwischen Hindu und Moslim beweisen. Die Umwandlung Indiens vom Kolonialstatus zum Commonwealth ist eines der bedeutendsten historischen Ereignisse unserer Tage. Auch für Burma wurden in der englischen Thronrede freie “Wahlen zugesagt.

Am kompliziertesten sind die Verhältnisse in Indonesien geworden, wo die japanische Allasienpropaganda eine Rückkehr zu dem früheren Kolonialsystem Hollands verschüttet hatte. Nach den blutigen Insurrektionen des Nachkrieges, in denen britische Truppen eingreifen mußten, wurde eben jetzt mit der rebellischen republikanischen Regierung ein Kompromiß geschlossen, das jedoch im Mutterlande, besonders im Senate, auf entschiedene Ablehnung stößt. Die Bewegung hat ebenso nach den malayischen Gebieten übergegriffen und statt der Straits-Settlements wird nun auch dort eine Selbstverwaltung erstehen.

Das ganze Kolonialsystem ist kl Fluß geraten; am wenigsten noch in Zentralafrika, auf dessen Negervölker aber derzeit eine beachtliche moslimische Propaganda einwirkt. Auch die USA hat dem Zug der Zeit Rechnung getragen, indem sie den Philippinen die verheißene Selbständigkeit nun einräumte. Dagegen sucht Südafrika den Treuhändern der UNO zuvorzukommen, und will die Inkorporierung der ehemaligen deutschen Kolonien in die Südafrikanische Union vornehmen.

England und Frankreich, die Hauptakteure in diesem Drama, haben zwei verschiedene Methoden zur Lösung des Problems angewendet. In einem seiner geistreichen Apercues hat Lord Vansittart kürzlich den Unterschied der beiden .Nationalcharaktere definiert: „Die Franzosen mißtrauen allen, die Engländer niemandem. Die Engländer glauben immer betrogen zu sein, die Franzosen fordern dies heraus.“ Vielleicht läßt sich dies auch auf die zweierlei Formeln anwenden.

In England wurde schon im Kriege versucht, dem Freiheitsdrange der Kolonialvölker durch efne „massive“ Unterrichtsaktion gegen den Analphabetismus entgegenzukommen, die der Intelligenzelite die Führung entziehen und die nationale Bewegung auf wirtschaftlidies Gebiet übertragen sollte. Dabei schwebte das Muster Sowjetrußlands vor, das im Kampfe gegen den Analphabetismus enorme Erfolge erzielt hat. Andererseits wurde auch der Kolonialdienst reorganisiert. Eine Summe von einer Million Pfund wurde für die Ausbildung von einheimisdien Kolonialbeamten in den nächsten fünf Jahren festgesetzt. Damit soll eine schrittweise Umbildung des Empire bewirkt werden. Hier ist Frankreich beispielgebend vorangegangen, das als erste Kolonialmacht einen farbigen Gouverneur hatte, Feüx Eboue, den zwölf Millionen Schwarzer so verehrten, daß ihm zu Ehren jetzt sogar in den USA ein „Felix-Eboue-Preis“ gegründet wurde.

England hat den Weg der Assoziation beschritten, das ist der Selbstregierung mit mehr oder minder leichter Bindung an die früheren Herren, die schließlich zum Commonwealth and zum Föderalismus führen soll.

Frankreich dagegen verfolgt das System der Assimilation, das ist der Hebung der Indigenen auf ein gleiches kulturelles und wirtschaftliches Niveau. Seinerzeit schon hat die „Volksfront“ auf die Freiheitsbewegung der Kolonien aneifernd eingewirkt, der Wahlerfolg der Kommunisten wird eine ähnliche Wirkung ausüben. Nach den publizistischen Erklärungen, zum Beispiel in der Pariser „Pensee“, legt diese Partei das Hauptgewicht auf die sozialwirtschaftliche Reorganisation der Kolonien, besonders auf Ausgestaltung der Ansätze kollektiver Agrarwirtschaft in den Negerpatriarchaten.

Die französischen Kolonien bilden nicht nur ein Mosaik verschiedener Völker, sondern genießen auch sehr verschiedene Rechtsstellung. Algier, die Inseln Reunion und Antillen sind seit langem verfassungsmäßig Bestandteile des Mutterlandes. Nun sollen die Protektorate, Kolonien, Mandate alle mit dem Mutterlande zusammen die „Union Francaise“ bilden, die 1944 in B r a z z a-v i 11 e unter Vorsitz General de Gaulle proklamiert wurde und allen Einheimischen das Wahlrecht in die französische Kammer gab. In den einzelnen Ländern sollen „repräsentative Körperschaften“ ans Weißen und Farbigen die Lokalregierung kontrollieren. In Madagaskar wurde damit zum Beispiel bereits die Schaffung eines neuen Arbeitsrechtes für die Einheimischen in die Wege geleitet. Als eine Art Revolution des Kolonialwesens kann das Statut für I n d o c h i na angesehen werden. Dieses soll eine Bundesregierung unter Vorsitz eines französischen Generalgouverneurs erhalten, dem ein Staatsrat bei Vorbereitung der Gesetze beisteht, während eine gewählte Volksversammlung die Gesetze beschließt und das Budget bewilligt. Die fünf Länder, welche die Indochinesische Föderation bilden, A n n a m, Chochinchina, Laos, Kambodga und T o n k i n g bewahren ihren eigenen Charakter innerhalb der Föderation, die auch im Rahmen der Union Francaise eine wirtschaftliche Autonomie genießen soll. Die auswärtigen Interessen werden von Frankreich vertreten, die Einwohner werden indochinesische und französische Staatsbürger und haben Zutritt zu allen Ämtern der Föderation. Dieser Entwurf wurde zwar zugleich mit Referendum vom 5. Mai 1946 verworfen, doch wandte sich dies nur gegen die Form des Staatsrates.

Holland dagegen hatte in der schweren Krise seines westindischen Besitzes einen Mittelweg zwischen beiden Systemen gewählt. Das holländische Empire bestand aus Holland, Niederländisch - Indien, Holländisch-Guyana und Curacao, also aus vier Staaten, deren jeder in Verwaltung und Finanz selbständig war und die Gleichheit der Rassen anerkannte. Die Kolonien werden von einem Generalgouverneur regiert, dem ein von der Krone ernannter Beirat beistand und der das Parlament einberief, das in Java „Volksrat“ und in Guyana und Curacao „Gesetzgebende Versammlung“ hieß. Sie bestand zum Beispiel in Java aus einer solchen Zusammensetzung, daß eine europäische Mehrheit immer dominierte. Während des Krieges kündigte die holländische Regierung eine Empirekonferenz an, die eine neue Kolonialverfassung schaffen sollte. Ein Empirekabinettsrat und ein gemeinsames Parlament sollten besonders Außenpolitik, Landesverteidigung und andere gemeinsame Interessen verwalten. Es soMte damit Name und Idee einer Kolonie gänzlich verschwinden und dos Endziel erschien wie in Frankreich in der politischen Unifizierung in einer Holländischen Konföderation.

Die Ereignisse nach dem Kriege sind über diese Pläne hinausgegangen, und die indochinesische republikanische Regierung hat eben den holländischen Unterhändlern weitergehende Konzessionen abgerungen, die ki den Haag auf ernsten Widerstand stoßen.

In New York wurde ein „Komitee für Afrika“ gebildet, unter dem Patronate des „Phalps-Seock-Fonds“, einer der reichsten Geesllschaften der USA, die sich vornehmlieh mit der Missionierung Afrikas befaßt, die allmähliche Auflösung der europäischen Verwaltungen und ihre Ersetzung durch einheimische Organe fordert, ebenso eine Kontrolle der europäischen Investitionen zwecks Verhinderung der Ausbeutung der einheimischen Arbeiter. Weitergehende Strömungen verlangen eine Internationalisie-rung aller Kolonien und Mandate Überhaupt.

Seit im Dezember 1945 die UdSSR mit Hufe der kleineren Mächte einen Vorstoß gegen die Kolonialpolitik erfolgreich führte, hat sie wiederholt m dieser Frage unzweideutig Stellung genommen, besonders aach in der T re u hä n de r - K o m na i s s 1 o n der UNO, welche tue Mandate übernehmen soll und in der Kolonialfrage wohl noch eine entsprechende Rolle spielen wird.

Zum erstenmal in der Geschichte treten die größten Weltmächte, USA und UdSSR, in Hintergründe China, in Ostasien in Wettbewerb, aber ihr Auftreten in der UNO hat ihnen den Beinamen der „Antikolania-len“ zugezogen.

Während so die alten, mächtigen Kolonialreiche um ihre künftige Existenz kämpfen, vor der Frage Umwandlung oder Untergang stehen, hat eine andere weltumspannende geistige Macht, längst ein Vorbild gegeben: In der katholischen Kirche hat sich ein Problem der Farbigen nie ergeben, schon gar nicht als eine Machtfrage; denn sie hat in ihren Grundsätzen schon die volle Gleichheit der Rassen verkündet, und zwar zu Zeiten, da noch Römer, Araber und Spanier die Sklaverei betrieben und Hundertausende von Negern schlimmer als Viehtransporte nach Amerika verfrachtet wurden. Die Päpste und mit ihnen cfie Leiter der Propaganda Fide in Rom haben das Problem längst gelöst.

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