Himbeeren - © Foto: iStock / Aleksandr_Kravtsov

„Was ist mit der Welt, dass sie mich ständig zwingt, sie unfair zu finden“

1945 1960 1980 2000 2020

Katharina Pressl verhandelt in ihrem Debütroman „Andere Sorgen“ ein wohlbekanntes Thema neu – die Frage nach dem richtigen Lebensentwurf.

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Katharina Pressl verhandelt in ihrem Debütroman „Andere Sorgen“ ein wohlbekanntes Thema neu – die Frage nach dem richtigen Lebensentwurf.

Debütromane haben oft ein Sujetproblem. Die Schreibenden haben außer Kindheit und Ausbildung noch nicht sehr viel erlebt, die eigene Rolle in der Gesellschaft ist noch etwas unklar. Da wird dann oft der Tod eines Elternteils zum Auslöser, die Herkunft Revue passieren zu lassen und die ewig unlösbare Frage nach dem richtigen Lebensentwurf zu thematisieren. Denn ob erfülltes Familien- und Sozialleben oder einsame Welteroberung und Karriere – jede gelebte Option trägt zumindest latent immer die Sehnsucht nach der verpassten anderen in sich, gleichgültig, ob die Entscheidung freiwillig erfolgt oder vom Schicksal zugeteilt wird.

Das verhandelt auch Katharina Pressl, geboren 1992 in Wolfsberg, in ihrem ersten Roman „Andere Sorgen“, und es gelingt ihr, das so oft Durchdeklinierte neu anzupacken. Die Erzählerin ist einst in die Stadt aufgebrochen und wohnt hier mit ihrer tüchtigen und sozial kompetenten Freundin Jola zusammen. Während sie selbst mühsam in ihre Tage hineinfindet, pflegt Jola, beruflich engagiert als Beraterin sozialer Bewegungen, schon putzmunter in der Küche zu hantieren, wenn „sich der Himmel noch gar nicht richtig an die Sonne gewöhnt hat“. Der gemeinsame Aufbruch zu Studienbeginn war durchaus vielversprechend. „Wir hörten auf, Sachen auf eine Weise zu denken, nur weil alle glaubten, dass sie so zu denken waren. Das hieß nicht, dass wir recht hatten, aber es war ein Anfang.“ Dann scheint sich die Selbstverständlichkeit für die Erzählerin verloren zu haben und das schreibt sich mitunter auch der Sprache ein. So können Körperteile wie disloziert am eigenen Ich vorbei agieren, etwa wenn ihre Augen, bevor sie zufallen, bemerken, „wie die Dunkelheit beginnt“.

Gesellschaftliche Ideale und Realität

Beruflich arbeitet sie als Texterin für eine Agentur, ohne besondere Leidenschaft oder große Pläne. Das Ziel sieht sie mehr in einem „aushaltbaren Leben in der Gegenwart“ als in Zukunftsprojekten wie Familiengründung und Hausbau. Und so fällt ganz selbstverständlich ihr die Aufgabe zu, das Haus der Mutter aufzulösen, als die ins Altersheim zieht. „Ich bin am leichtesten in meinem Leben zu entbehren“, während die ältere Stiefschwester Klara zwar in dem kleinen Städtchen geblieben ist, aber mit Partner und zwei Kindern „ein akzeptiertes Ideal“ darstellt, bei ihr stimmt die Realität „mit den geläufigen Vorstellungen, wie sie sein sollte, überein“.

Klara hat also andere Sorgen, und die bekommt nun auch die Erzählerin, zunächst mit der praktischen Arbeit samt Sentimentalitätsfallen bei der Liquidierung des Hausstands ihrer Kindheit. Das Leben ihrer Mutter kommt ihr so vor, „als wäre der gesellschaftliche Bescheid darüber, dass sie eigentlich unglücklich sein müsste, in der Post verloren gegangen, oder als hätte sie den Brief aus Versehen weggeschmissen, wer weiß, und wäre stattdessen einfach glücklich geblieben, und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie davon abzubringen“.


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