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„Was, Trávnicek, sagt Ihnen...?“

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Gregorovius soll einmal auf die Bemerkung, er kenne Rom wohl so gut wie kein zweiter, mit leisem Tadel erwidert haben: „Wie soll ich Rom ganz kennen? Ich lebe doch erst seit sieben Jahren hier.“

Da geht es uns heute natürlich viel besser. Wir haben drei bis vier Wochen Urlaub im Jahr, aber dennoch kennen wir nicht nur Rom und Paris, sondern auch Madrid und Barcelona, den Schwarzwald und das Salzkammergut, Dubrovnik und Riccione, Mallorca und das Münchner Oktoberfest, den Tessin, und heuer soll es — weil wir ja nicht engstirnig denken - nach Bulgarien ans Schwarze Meer gehen. Nächstes Jahr, wenn dann die Raten für den Wagen abgezahlt sind, machen wir Athen—Alexandria—Kairo—Luxor, damit man Afrika einmal richtig kennenlernt, von dem jetzt soviel gesprochen wird.

Ansichtskarten und Amore ...

So ziehen also alljährlich immer größere Völkerwanderungszüge über die Grenzen ins nahe und ferne Ausland, die Sonderzüge schaufeln immer gewaltigere Urlauberscharen ans Meer, an die Seen und in die Berge, und es scheint, als würden die ganz großen Reiseagenturen nicht nur Zimmer buchen. sondern ganze Ortschaften aufkaufen — und im Bedarfsfall neue errichten, denn so mancher heute populäre Urlaubsort war noch vor wenigen Jahren vermutlich nicht einmal auf den Generalstabskarten zu finden.

An den Wochenenden stauen sich vor den Zollschranken die Reiseautobusse, die Bahnverwaltungen kratzen von überall her Waggons für Sonderzüge zusammen, die Postsäcke Rillen sich mit bunten Ansichtskarten, der kleine Schmuggel blüht ebenso wie die mittelgroße „amore“ im fernen Land, müde Gesellschaftsreisende werden durch den Escorial, den Louvre und die Vatikanmuseen geschleust und be Der Sozialtourismus ist aųsgebrochen.

Der Söziältourismüs ist ein Phänomen unserer Zeit, und er wird es -eine normale, friedliche Entwicklung vorausgesetzt — in Hinkunft wohl noch stärker werden. Ob man in ihm ein Ideal verwirklicht sieht oder ihn aus tiefster Überzeugung ablehnt — er ist nun einmal da. Vor allem in den deutschsprachigen Ländern Mitteleuropas, aber — in etwas geringerem Ausmaß — auch in den übrigen freien Ländern Europas und in den USA.

Wenn man den „Sozialtourismus" in seine zwei Bestandteile zerlegt, ergibt sich „sozial“ und „Tourismus“, und da der Tourismus ja nicht in dem Sinne „sozial" sein kann wie etwa ein fortschrittlicher Arbeitgeber, so handelt es sich um geselligen, um gemeinschaftlichen Tourismus, um Gemeinschaftsreisen, um Massenfahrten. Das

Wort trifft also die Erscheinung ganz genau.

Nun sind gemeinschaftliche Betätigungen aller Art in modernen Gesellschaftsformen nichts Überraschendes, und zahlreiche Freizeitgestaltungen hängen vollkommen von der Publi-kümszähib: große Sporfveranstaltun-gen haben ebenso zu.allen Zeiten, ein großes Publikum benötigt und angezogen wie große Vergnügungen, Festlichkeiten oder Konzerte. Ein reicher Duodezfürst konnte sich allenfalls ein eigenes Orchester für sich allein halten, aber Faschingstreiben konnte er allein nicht veranstalten.

Reisen einst: zeitraubend, mühsam, gefährlich

Reisen aber waren bis in die jüngere Vergangenheit ein Abenteuer für

wenige — nicht unbedingt für „Privilegierte“, aber jedenfalls für wenige. Denn eine Reise war zeitraubend, mühsam und gefährlich: In einem Konversationstaschenbuch, noch aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, beschäftigen sich mehrere Seiten mit einem unglücklichen Rei-

senden, der auf Grund einer Verleum-

dung im Ausland verhaftet und eingekerkert wird, nicht schreiben darf und schließlich im Gefängnis stirbt.

Um die Jahrhundertwende hatte sich die Situation schon wesentlich gebessert, und man konnte damals vermutlich, i größere Teile-Eurepas ohne,.Paß und lästige Formalitäten bereisen' als heutet Auch die Züge waren nicht wesentlich langsamer, und tatsächlich gab es damals auch schon die ersten Urlaubsorte, die allerdings — in schroffem Gegensatz zu heute — fast ausnahmslos als Kur- oder als Kultorte galten. In die Alpen fuhr man, um die Lungenschwindsucht zu bekämpfen, nach Karlsbad oder Spa wegen einer Kur, nach Rom wegen der Kulturdenkmäler. nach Monte Carlo wegen der ver=nobt-ruchlosen Spieleratmosphäre.

Fast alle diese Reisen waren also zielbewußt und gewissermaßen „ratio-

nal“, während die heutigen Massenreisen in ihrer Motivierung eher „irrational“ anmuten: im wesentlichen geht es dabei um die gute Farbe und um die Kleinbild auf nahmen. Hieß es früher „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, so muß man heute reisen, um auch etwas zum Erzählen zu haben. Ähnlich wie man

ein Fernsehgerät vor allem deshalb hat, um nicht zugeben zu müssen: „Wir haben noch keinen Fernsehapparat.“

Man darf also mit gutem Recht behaupten, daß eine wichtige Ursache des Sozialtourismus die Reklame, die „Bedarfsförderung“' war. Wie jede Werbung, so hatte auch die Fremdeh-verkehrswerbung einen gewissen Erfolg, sogar einen sehr großen. Und vzie bei jedem erfolgreichen Produkt treten nach den ersten Erfolgen des „Erfinders" in vermehrter Intensität die „.Nachahmer“ auf den Plan: auf den Vierwaldstätter See und Rom folgten der Wörther See und Madrid, und nun werden allmählich bereits Anatolien, die Kanarischen Inseln, Tunesien und Rhodos in den Sozialtourismus einbezogen; beziehungsweise von den USA aus gesehen, ganz Lateinamerika und der Ferne Osten.

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