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Weg vom Eck...

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„Nein, mein Herr, Kaffee können wir Ihnen leider keinen servieren, aber in Geldangelegenheiten stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung ...“

Jetzt hat auch das Operncafe das Schicksal vieler Wiener Cafes geteilt. Immer mehr bekannte und beliebte Kaffeehäuser, diese Relikte aus dem „guten alten Wien“, schließen ihre Pforten, und an ihrer Stelle schießen Geldinstitute aus dem Boden. Ist das Erbe Kolschitzkis im Sumpf des Wirtschaftswunders erstickt? Diese Frage läßt sich schwer auf die übliche wienerische Art beantworten. Die Zahlen deuten eher auf ein Florieren des Gewerbes: 1910 wurden Insgesamt 1202 Konzessionen registriert. Bis 1963: leichtes Ansteigen auf 1283 Konzessionen. 1965: 1446 Lokale. Dabei ist zu beachten, daß man bis 1938 lediglich von Kaffeeschenkern und Kaffeesiedern sprach, während 1955 bereits eine Aufsplitterung in Kaffeehäuser, Kaffeerestaurants, Kaffeekonditoreien und Espressi vollzogen war.

Und doch: Die Liste der Kaffeehäuser, die einst Wiener Institutionen waren und deren Namen man heute oft mühsam im Gedächtnis sucht, ist lang. Wo ist, zum Beispiel, das Cafe Alserhof geblieben, das Do-rado der Schachspieler? Oder das Cafe Brillantengrund? Casa Piccola? Das Kremser?

Aus dem großen Cafe Herrenhof, dem Gegenpol des mit Kriegsende versunkenen Central, wurde ein Espresso. Und wie hieß doch das riesige Kaffeehaus auf dem Parkring? Einigen, die wir befragten, lag der Name „auf der Zunge“, keinem fiel er ein. Versunken wie die Prachtcafes am Schottentor oder beim Lue-gerdenkmal, gegenüber dem noch existierenden Cafe Prückel. Auch daran, daß es an der Ecke Landesgerichtsstraße—Universitätsstraße einst ein großes “affeehaus gab, erinnert sich kaum jemand.

Ihnen allen erging es wie dem Cafe Fröhlich auf der Josefstädterstraße, wo einst alle Thimigs zu Hause waren, Max Reinhardt seine Josefstädter Regiepausen verbrachte, wo Nationalräte und Journalisten, unter ihnen Rudolf Kalmar und der alte Mauthe, Karten spielten. Eines Tages fuhren Lastwagen vor. Die roten Plüschbänke wurden herausgerissen und zusammen mit den Sesseln auf die Straße geworfen, die Kleiderhaken von den Wänden genommen, die Marmortische standen plötzlich rund um eine unnötig gewordene Kassenloge vor dem Lokal, für die Messingbeschläge an den Pfeilern zwischen den Fenstern und für die Metallmasken, die den besonderen Reiz des Lokales ausmachten, fanden sich Liebhaber. Aus. Flora Fröhlich, die Liebhaberin schwerer „Vetschinerln“ und „Trabuccerln“ wie weiland die Frau Sacher, trat in den Ruhestand. Sie hatte, so rechnete sie ihren verstörten Stammgästen vor, in den drei-ßif Tahren ihrer Tätigkeit ohnehin sechzig Jahre gearbeitet.

Die große Blütezeit des Wiener Kaffeehauses war der Vormärz. Die Besitzer überboten damals einander in der prunkvollen Ausstattung ihrer % Etablissements, ein Nobelcafe versuchte dem anderen durch mehr Komfort und Luxus den Rang, beziehungsweise die Kundschaft, abzulaufen.

Bedingung für die Konzession war die „Auflage“. Der Konzessionär mußte sich verpflichten, in seinem Hause der „sittlichen, moralischen und politischen Verlotterung des Volkes entgegenzuwirken.“ Konkret hieß das, das er gegen Dirnenwesen, Hasard und negatives Politisieren vorzugehen hatte. Ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Der zweite Weltkrieg hat zehn Prozent der Cafes zerstört. Einige wurden wieder aufgebaut, berühmte Namen wie „Central“ oder „Fenstergucker“ verschwanden, viele andere konnten ihren Vorkriegsstandard nicht wieder erreichen. Vor allem das Groß- oder Nobelcafe wurde schwer-stens dezimiert. Wo ist aber der Schuldige für diese Entwicklung zu suchen? Der Staat, beziehungsweise die Stadtverwaltung gibt in solchen Fällen stets einen willkommenen Sündenbock ab.

Die Cafetiers fordern eine vernünftige Gewerbepolitik, in der die Preise nicht durch zu große Steuerlasten in die Höhe geschraubt werden. Der Preis einer im Kaffeehaus genossenen Konsumation setzt sich folgendermaßen zusammen: 10 Prozent Getränkesteuer, 10 Prozent Alkoholsteuer, 5Vi Prozent Umsatzsteuer, 15 Prozent Bedienungszuschlag, 5 Prozent soziale Lasten, ungefähr 15 Prozent Personalkosten, 15 Prozent allgemeine Regiekosten. Nur 25 Prozent des Preises verbleiben für Warenanschaffung, Amortisation, Rücklagen für Ausstattung und Unternehmerlohn. Die Kaffeehausbesitzer führen es auf die Preise zurück, wenn sich ein großer Teil der Gäste heute anders als früher auf eine Konsumation beschränkt. Das Publikum hat sich ebenfalls verändert. Künstler und Politiker finden kaum noch Zeit, Stunden, ja ganze Tage im Kaffeehaus zu verbringen, wie das früher gang und gäbe war — etwa wie Schubert, Grillparzer, Trotzki, um nur einige berühmte Beispiele zu nennen. Die heutige Prominenz ist viel zu sehr mit ihrem Image beschäftigt, um ihre Zeit etwa damit zu verschwenden, daß sie die übrigen Gäste durch Anekdoten unterhält, zumal es anderenorts dafür ja saftige Gagen regnet. Politisiert wird im Cafe allerdings nach wie vor. Ein Kaffeehausbesitzer meinte dazu: „Noch nie so viel, wie in den letzten Wochen!“ Die Cafetiers klagen über eine relativ große Fluktuation in ihrem Berufszweig. Auch das Personalproblem tritt immer wieder akut zutage. Viele Chefs finden, der Nachwuchs sei nicht „streng genug erzogen“. Tatsächlich findet man immer seltener den guten, alten Herrn Ober, der genau wußte, welche Zeitung und welchen Kaffee seine Stammgäste wünschten, in dem man einen geduldigen Zuhörer für seine Sorgen und Nöte und manchmal sogar einen Kreditgeber fand. So wäre man geneigt, anzunehmen, ein Großteil der Cafes stehe leer. Das trifft jedoch keineswegs zu. Im Gegenteil, während der Stoßzeiten ist es nach wie vor ein Problem, einen guten Platz in den überfüllten Räumen zu finden. Und dennoch schließen in der Innenstadt bekannte Häuser ihre Pforten. Interessant ist, daß hauptsächlich Banken, Luftfahrt- und Versicherungsgesellschaften in die ehemaligen Kaffeehauslokale einziehen. Diese Institutionen benötigen Niederlassungen mit attraktiver Lage.

Trotzdem gilt noch immer, was Ludwig Hirschfeld einst über das Wiener Kaffeehaus gesagt hat. „Es ist alles für alle. Rendezvousplatz, Geschäftslokal, Wärmestube, Spielzimmer, Leseraum, Wartesaal, Klub. Jedes Kaffeehaus hat sein Publikum, jedes Publikum sein Kaffeehaus.“

Die großen Kaffeehäuser sterben aus. Die mittleren und kleineren sind voll. Und auch die großen Repräsentationscafes sterben nicht am Besucherschwund, sondern daran, daß heute für Lokale in erstklassiger Lage so hohe Ablösen bezahlt werden, daß der Cafetier von den Zinsen oft besser lebt, als vom Ertrag seines Lokals.

Man könnte auf d'e gut wienerisch gestellte Frage „Ist das Kaffeehaus im Eck?“ daher mit der Feststellung antworten, genau das Gegenteil sei der Fall. Das Kaffeehaus floriert. Aber es wird vom bevorzugten Platz an der Ecke vertrieben.

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