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Weiterleben der Prosa

Josef Winkler reist in seinem neuen Buch wieder in Lektüren und Länder – und erinnert an zu Tode gekommene Kinder.

Als Josef Winklers „Roppongi. Requiem für einen Vater“ erschien, meinten manche, nach dem Tod des Vaters und mit diesem Werk hätte sich Winkler vielleicht endgültig vom „Gott seiner Kindheit“ losgeschrieben. Inzwischen ist ein Jahr vergangen, es wurde bekannt, dass der Kärntner Schriftsteller am 1. November den renommierten Georg-Büchner-Preis erhalten wird und zuvor, am 9. Oktober, auch den Großen Österreichischen Staatspreis.

In seinem neuen Buch, das soeben erschienen ist, zeigt Winkler, dass er seinen Themen treu bleibt: dem Schreiben über Tote, der Erinnerung an die Kärntner Kindheit, den Beobachtungen in Italien, Indien und nun auch in Mexiko – vor allem aber der Sprache.

Bekannte Themen

Dass auch der Vater keineswegs „weggeschrieben“ ist, beweist der neue Band schon im ersten Abschnitt. Mit dem ersten Satz erfüllt Winkler auch die Erwartungen jener Leser, die in seinen Werken mit Toten rechnen: Da läuft den amerikanischen Befreiern in Rom ein Mann entgegen, rutscht aus und wird von einem Panzer überrollt. Ein Malaparte-Zitat folgt und verstört. Und schon ist man beim Vater, bei den Apfelbutzen, die es nur mit den Kernen gibt, bei der Mutter und in der Jugend und mitten in diesem typischen, verstörend-schön-bösen Winkler-Sound, der Alltagssprache mit liturgischer Sprache und ihren Wiederholungen, Erinnerungen und Fantasien in eins zu singen weiß. „Wer das Brot untereinander schneidet, der schneidet dem Herrgott die Fersen ab, hat Mutter immer gesagt. Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot, habe ich immer geantwortet.“

Das provokante Liedzitat „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ diente heuer schon dem Klagenfurter Ensemble als Titel, das aus vier Texten Winklers ein Stück kreierte und inszenierte. Was ist das nun aber für ein Buch, mit einem solchen Titel und dem Schutzengel am Cover? Eine Geschichtensammlung, wie es der Einleitungstext des Verlages suggeriert? Ein Buch über Reisen durch Länder? Über Reisen durch Texte? Über Reisen durch Zeiten? Über Reisen durch Filme? All das. Auch dieses Mal zieht Winkler aus, um Lektüren weiter zu leben und das Leben zur Lektüre zu machen, und sein Vertippen beim Schreiben – „Weiterleben der Prosa“ statt „Weiterlesen der Prosa“ – ist daher keines. Er liest sich durch die Werke anderer, aus denen er auch zitiert – ausschließlich „lebenswichtige“ Schriften, von Annemarie Schwarzenbach oder Alois Hotschnig, Peter Handke oder Paul Nizon, Terézia Mora oder Yasunari Kawabata.

Winkler beschreibt unter anderem eine Reise mit Frau und den beiden Kindern nach Mexiko im Oktober/November 2007. In der Nacht zum 1. November wird die „Ankunft der verstorbenen Kinder erwartet, der Angelitos, der kleinen Engel“ – und kleine Tote sind auch Thema seines Buches. Winkler erzählt, wie sie zu Tode kamen: durch Mord, Selbstmord oder tragische Autounfälle. Ein in Indien ermordetes Mädchen, ein Unfall mit Fahrerflucht, der Wassertod einer Keuschlerstochter – manchen Toten, wie den sich vom Kirchturm stürzenden Mädchen, ist man schon in anderen Winkler’schen Werken begegnet.

Winkler holt die Toten wieder, er bewegt sich wie ein „Filmkamerakopf, der unzählige Bilder von Verletzungen archiviert hat“. Winklers Schreiben ist immer ein Schreiben im Angesicht des Todes: im unglücklichen Wissen, dass es den „Radiergummi“ nicht gibt, der das Geschehene ausradieren könnte wie Schrift.

Man hat den Eindruck, die Suche nach den „eigenen, selbstformulierten Sätzen“ ist in diesem Buch eine manchmal recht verzweifelte: „meine schwarze Tinte war eingefroren, und ich konnte kein Wort aus meinem Eis lösen.“ Schreiben heißt Leben, für kaum einen Schriftsteller gilt das so sehr wie für Winkler. Das ist beim Lesen spürbar.

Expressive Fantasien

Die Texte dieses Bandes faszinieren unterschiedlich stark. Zu den eindrücklichsten Passagen gehören wohl die expressiven Fantasien, die sich aus Welt und Sprache und in diese hinein schrauben: böse, unerbittlich, erbarmungslos. Den Winkler’schen Fantasien war nie etwas heilig, oder anders: Sie rüttelten mit Freude gerade an allem „Heiligen“, bis es stürzte. Im Butterblumenrausch, provoziert durch Döblin-Lektüre, kann es passieren, dass Löwenzahn zur Butterblume wird. Aber auf Botanik kommt es hier wirklich nicht an. „Berühr mich mit deinem Staub, und ich zerfalle zu einem Menschen.“ Messerscharf schlitzt Winkler die (religiöse) Sprache auf, und dabei entdeckt er auch die Engel als Holzfiguren: vorne vergoldet, hinten hohl.

ICH REISS MIR EINE WIMPER AUS UND STECH DICH DAMIT TOT

Von Josef Winkler

Suhrkamp, Frankfurt 2008

125 Seiten, brosch., € 9,30

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