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Weltweit gibt es neue Aufbrüche

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Weltjugendtreffen sind wohl das markanteste Zeichen dafür, daß Jugendliche heute wieder besonders für die Botschaft Christi ansprechbar sind.

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Weltjugendtreffen sind wohl das markanteste Zeichen dafür, daß Jugendliche heute wieder besonders für die Botschaft Christi ansprechbar sind.

Es stimmt schon: Umfragen malen ein düsteres Bild von der Situation der Jugend. So spricht etwa eine englische Studie von einer „verdorbenen Brut” und weist auf die extrem materialistische Einstellung vieler Jugendlicher hin. Eine holländische Umfrage wiederum kennzeichnet die Jugend als angepaßt, sorglos, ichbezogen, hedonistisch ... Andere Arbeiten warnen vor alarmierenden Verhaltensweisen: Drogenkonsum, Alkoholmißbrauch und Geisterbeschwörung machten sich unter den Jungen breit. Bedingt durch die frühe Sexualisierung breiteten sich die Geschlechtskrankheiten (besonders unter den Mädchen) aus und in den Schulen nehme die Gewalt zu...

Ja, all das gibt es. Und es ist Anlaß zu größter Sorge. Wie soll das wei: tergehen, fragt man sich unwillkürlich. Genau das fragen sich aber auch viele junge Menschen, die mit den überhandnehmenden Umweltproblemen, der steigenden Jugendarbeitslosigkeit, dem Mangel an Geborgenheit zu Hause konfrontiert sind, lag und Nacht stehen sie unter dem Beschuß der Medien, die ihnen entweder eine Welt oberflächlicher Vergnügungen oder überhandnehmender Katastrophen vor Augen führen.

Ratlos und verunsichert halten viele Ausschau nach Zeichen der Hoffnung, aber einer echten, tragfähigen Hoffnung. Sie haben die Glücksverheißungen der Konsumgesellschaft längst als das durchschaut, was sie sind: Seifenblasen, Werbetricks, Irreführungen, Lügen ...

Die Kirche, der man so gerne vorwirft, sie verstehe überhaupt nichts von den Problemen der Zeit, hat sich dieser Herausforderung gestellt. Es ist vor allem Papst Johannes Paul IL, der dieses Suchen der Jugend seit langem erkannt und als Herausforderung ernstgenommen und aufgegriffen hat. Nicht nur bei seinen Pastoralreisen sucht er den Kontakt zur Jugend, sondern auch bei den schon zur Tradition gewordenen Einladungen zu W'eltjugendtreffen.

Die Idee zu letzteren entstand 1984. Damals war es in Rom zu einer sehr bewegenden Begegnung des Papstes mit der Jugend gekommen.

Ein von Bischof Paul Josef Cordes, dem Vizepräsidenten des Päpstlichen Laienrates, gegründetes Jugendzentrum in Rom (das Zentrum „San Lorenzo”) hatte dieses Treffen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Jugendbewegungen vorbereitet. 6000 römische Familien waren damals bereit, Jugendliche bei sich aufzunehmen.

Das Programm war alles andere als das eines Happenings. Dazu Bischof Cordes: „Auf dem Programm standen folgende Punkte: Katechesen als wahre und eigentliche Schule des Glaubens, die von Kardinälen, Bischöfen und herausragenden Persönlichkeiten wie Mutter Teresa, Frere Roger von Taize, Chiara Lu-bich... gehalten (wurden), der Kreuzweg am Kolosseum und breiter Raum für das Bußsakrament.”

Und es kamen 300.000 Jugendliche zu diesem Treffen, das unter

dem eindeutigen Motto stand: „Öffnet die Tore dem Erlöser!”

Zwei Jahre später waren es 250.000, die sich vor der Lateran-Basilika zu einem Fest im internationalen Jahr der Jugend versammelten. Wie war das möglich? „Die Jugendlichen wollen das Heute leben, die Freude verkosten und Feste feiern; sie möchten Gemeinschaft erleben, sich mit den anderen verbunden fühlen; letztlich suchen sie Impulse, Führung und Orientierung bei Persönlichkeiten, die in sich die Kraft des Zeugnisses tragen. Zu diesen gehört der Heilige Vater, und er ist einer der glaubwürdigsten von ihnen.” So erklärt es jedenfalls Bischof Cordes.

Es ist erstaunlich, daß die Medien

- auch die kirchlichen - so wenig von dieser breiten Bewegung unter den Jugendlichen der ganzen Welt berichtet haben, die sich aus diesen ersten Begegnungen mit” dem Papst ergab: 1989 pilgerten rund 600.000 Jugendliche - vor allem aus Westeuropa - zum Weltjugendtreffen nach Santiago di Compostela, viele zu Fuß. Zwei Jahre später - der Eiserne Vorhang war gefallen - strömten rund eine Million junge Menschen nach Czenstochowa. Damals beherrschten die Osteuropäer das Bild. Vor zwei Jahren versammelte sich vor allem die Jugend Nordamerikas, mehr als eine halbe Million Menschen, in Denver, um den Appell des Papstes zu hören, eine Kultur des Lebens aufzubauen.

Natürlich haben diese Begegnungen auch den Charakter des Abenteuers. Da suchen die Jugendlichen sicher zunächst die beglückende Erfahrung der Gemeinschaft. Viele hoffen einen Freund, eine Freundin zu finden. Bei weitem nicht alle kehren als von Grund auf erneuerte Menschen in ihre Heimat zurück. Keine Frage. A^er wieviele Weichen im Leben der Jugend werden bei diesen Treffen neu, in Richtung auf ein Leben aus dem Glauben gestellt!

Und es geschehen dort auch tiefe Bekehrungen, wie das Zeugnis von Christophe, einem 23jährigen Elsäs-ser, einem Teilnehmer von Denver, zeigt: „Es war ein Behinderter, der mich bekehrt hat. Ich war ein Neonazi, verachtete die Schwachen, ver-

Erügelte sie. Und da war es ein Be-inderter, der mir aus meiner Depression herausgeholfen hat, der mir dazu verholfen hat, Jesus zu entdecken. Mein Herz aus Stein ist ein Herz aus Fleisch geworden.”

Und schließlich heuer im Jänner das Weltjugendtreffen auf den Philippinen mit dem Motto: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.” Bei der Abschlußmesse versammelte sich eine schier un-überblickbare Menge von Menschen - Schätzungen sprechen von vier Millionen, die größte Menschenansammlung der Geschichte! — um mit dem Papst Eucharistie zu feiern.

Es ist jammerschade, daß diese Zeichen der Hoffnung in unseren Medien übersehen werden. Die mediale Vorliebe für das Kritisieren bescherte uns daher auch heuer anstelle einer ausführlichen Berichterstattung über Manila langatmige Betrachtungen zur Absetzung des französischen Bischofs Jacques Gaillot.

Viele Wallfahrten

So wird übersehen, daß es neben den vielen besorgniserregenden Erscheinungen unter den Jugendlichen auch deutliche Signale eines neuen Aufbruchs der Jugend zu Jesus Christus gibt. Nicht nur die Sekten, die Discos und die okkulten Praktiken erfreuen sich regen Zuspruchs bei der Jugend. Auch die Kirche leistet ein lebendiges Apostolat unter der Jugend - wenn a^ch nicht immer in der traditionellen F'{m.

Die Wiederbelebung des Wallfahrens ist ein wichtiger Bestandteil dieses Aufbruchs. Nicht nur bei den Weltjugendtreffen machen sie viele junge Menschen auf. Auch auf örtlicher oder diözesaner Ebene gibt es eine große Zahl von Initiativen. Die weitverbreitet wiederbelebten Monatswallfahrten ziehen ja nicht nur ältere Menschen an.

Viele Jugendliche haben in Me-dugorje, jenem bosnischen Ort, in dem seit über zehn Jahren Marien* erscheingungen stattfinden, wieder zum Glauben gefunden. Sie haben dort das erste Mal seit langem wieder gebeichtet und erkannt, daß ein Leben aus dem Glauben die angemessene Antwort gerade auf die Trostlosigkeit unserer Zeit ist!

Und noch etwas: In der Weltkirche (vor allem in der Dritten Welt) steigen die Zahlen der Neupriester und der Seminaristen wieder.

Unzählige Jugendgebetsgruppen bemühen sich um eimj Leben aus dem Glauben. Ein Beispiel unter vielen: In der Wiener Dompfarre trifft sich wöchentlich eine Gruppe

von Jugendlichen zum Gebet. Der „harte Kern” umfaßt 80 Personen. Oft kommen 150 und mehr Junge zusammen. „Wir wollen eine Oase sein in unserer hektischen Welt. Ein Oase, wo junge Menschen ihre Masken ablegen können und ihre Probleme Gott bringen können”, kennzeichnet Georg Mayr-Melnhoff, der die Gruppe leitet, ihr Anliegen.

bewusst missionarisch

Neu ist auch das Enstehen von Evangelisationsschulen: Junge Menschen setzen ein Jahr oder zwei ein, um ihren Glauben zu vertiefen und sich für eine missionarische Tätigkeit nach ihrer Rückkehr in den Alltag vorzubereiten. Bekannt ist beispielsweise das P. Daniel Ange in Frankreich gegründete Werk „Jeun-esse-Lumiere”. Dort werden jährlich 30 Jugendliche auf ein Leben des Gebets und der Verkündigung vorbereitet.

In Paray-le-Monial betreibt die Gemeinschaft „Emmanuel” eine Evangelisationsschule. Und die franziskanische Universität in Steuben-ville in den USA hat sich nicht nur die Wissens-, sondern auch die Glaubensvermittlung und die Motivation ihrer Hörer zum apostolischen Einsatz zum Ziel gesetzt. Denn das ist auch ein Kennzeichen des heute feststellbaren Aufbruchs der Jugend: Er trägt missionarischen Charakter.

Eine große Ausstrahlung hat auch der kleine französische Ort Taize. Die dort um Frere Roger Schutz entstandene ökumenische Bruderschaft ist längst zum Anziehungspunkt für die Jugend geworden. Viele junge Menschen haben dort in den letzten Jahren einen ersten Schritt zu Gott gemacht. Seit vielen Jahren treffen sie sich, katholische, evangelische, orthodoxe Jugendliche, um zu Betrachtung, Gebet und Singen zusammenzukommen. 100.000 dürften es heuer zum Jahreswechsel in Paris gewesen sein, 80.000 waren vor drei Jahren in Wien. Wie hatte sich damals doch das Straßenbild und die Atmosphäre Wiens verändert!

Wenn ich auf diese positiven Phänomene hinweise, so versuche ich damit keineswegs das Bild einer heilen Welt zu malen. Inmitten der vielen Alarmmeldungen sind wir heute besonders der Gefahr ausgesetzt, das Hoffnungsträchtige, das es auch gibt zu übersehen. So erleben wir eben mitten in einem breiten Phänomen der Säkularisierung der Jugend auch das eines neuen Aufbruchs im christlichen Glauben: ein Zeichen der Hoffnung.

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