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Wenn Streß den Körper zermürbt...

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Streßhormone, die nicht abgebaut werden, vergiften nach und nach unseren Körper und gefährden die Gesundheit.

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Streßhormone, die nicht abgebaut werden, vergiften nach und nach unseren Körper und gefährden die Gesundheit.

Wenn unsere steinzeitlichen Vorfahren plötzlich einem Höhlenbären gegenüberstanden, entschieden Sekunden über Leben und Tod. Eine blitzartige Erregung versetzte den ganzen Körper kurzfristig in einen Hochspannungs- und Hochleistungszustand. Mit gesträubten Nackenhaaren und angespannten Muskeln standen unsere urzeitlicher Ahnen bereit, um von der Waffe oder den Fäusten Gebrauch zu machen oder aber, nach schneller Einschätzung der Erfolgschancen, die Flucht zu ergreifen. Kampf oder Flucht? Egal. Beides war mit heftiger Muskelanstrengung verbunden und das half, den Erregungszustand und die Streßhormone wieder abzubauen. Dieses alte Verhaltensmuster, das sich in Hunderttausenden von Jahren als Uberlebensmechanismus entwickelt hat, wirkt auch heute noch.

Zwar spielen im Leben der modernen Menschen Bären keine Bolle mehr, die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Was uns heute zusetzt, ist der Zustand ständiger Angst, dem Leben nicht gewachsen zu sein, im Beruf, in der Partnerschaft, in der gesellschaftlichen Position zu scheitern. Immer müssen wir tüchtiger sein als Konkurrenten. Wir fühlen uns bedroht, hintergangen, ausgenutzt, vielfach auch einfach hilflos und erfüllt von Argwohn.

Die meisten Menschen leben heute in Städten, umgeben von Beton, Verkehr, Lärm und schlechter Luft. Dazu kommt, als besonderes Charakteristikum der modernen Lebensweise, die körperliche Passivität. Wir sitzen die meiste Zeit: Beim Arbeiten und in der Freizeit. Auch Unterhaltung und Zerstreuung konsumieren wir größtenteils sitzend. Unsere Muskeln haben nichts mehr zu tun. Die Sinne hingegen werden mit Beizen überfüttert.

Und unsere Reaktion auf all diese Bedrohungen ?

Sie ist die gleiche wie die unserer Vorfahren auf ihre gefährliche Umwelt. Mit einem Unterschied: Wir können unsere Streßhormone, im Gegensatz zu unseren Vorfahren, nicht durch große Muskelanstrengung abbauen. Bleiben sie jedoch im Körper, vergiften sie uns nach und nach. Sie gefährden die innere Balance und schließlich die Gesundheit.

Die Streßreaktion als ein dreistufiges „allgemeines Anpassungssyn-drorn,, hat der amerikanische Streßforscher Hans Selye so beschrieben:

1. Alarm: Der Körper wird mobilisiert.

2. Widerstand: Wenn der Stressor nicht beseitigt oder neutralisiert werden kann, stellt sich der Körper auf eine längerfristige Auseinandersetzung ein, indem er beispielsweise wieder für eine bessere Durchblutung der Muskeln sorgt.

3. Erschöpfung: Wenn die Anpassungsenergien der beiden ersten Stufen nicht ausreichen, um den Streßreiz zu beseitigen, folgt die Erschöpfung, die sich physisch und psychisch bemerkbar macht.

Wenn diese letzte Phase in unserer Auseinandersetzung mit der Umwelt allzu häufig erreicht wird und keine ausreichenden Erholungsphasen möglich sind, wird aus Streß Krankheit.

Unentwegter Überstreß, das konnte Selye nachweisen, führt zu Entzündungen und Verkrümmungen der Nebennierenrinde, womit dem Körper dann so wertvolle Hormone wie Adrenalin und Cortison fehlen. Streß richtet schwerste Schädigungen an Aus Streß wird Krankheit der Milz und an den. Lymphknoten an. Die Konsequenz daraus: Menschen, die unentwegt in übermäßigen Streß stehen, sind besonders infektionsanfällig. Und Magengeschwüre, Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen sind die häufigsten durch Dauerstreß verursachten Krankheiten. Selye bezeichnet diese Krankheiten auch als „Anpassungskrankheiten". Sie sind die Konsequenz davon, daß unser Körper biologisch „noch" nicht an unser, erst kurze Zeit dauerndes modernes Leben anpaßt ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang jdie Meinung von Hermann Geesing, der jahrzehntelang Leiter des Schwarzwaldsanatoriums Obertal, Deutschland, war. Er vertritt die Auffassung, daß „nicht die harte Arbeit krank macht, nicht einmal die Arbeitswut, nicht das zeitweise übermäßig Arbeitspensum, vorausgesetzt es macht irgendwie Spaß. Das Immunsystem wird geschädigt durch den pausenlosen sinnlosen Alarm" in den Streß den Körper versetzt. Plötzlich schießen „Aufweckhormone" ins Blut; Herzschlag und Atmung gehen schneller und heftiger; der Blutdruck steigt und Muskeln werden um das Doppelte besser durchblutet. Selbst das Blut verändert sich, damit es gegebenenfalls schneller gerinnen kann. Streßalarm, das hieß früher: aufrüsten für den Kampf auf Leben und Tod.

Der Streßmechanismus an sich hat auch sein Gutes: Ohne die gesunde Form der Anspannung wäre keine echte Leistung möglich und auch kein Wohlbefinden. Streß zum Ankurbeln der Stoffwechselprozesse ist sogar gesund - vorausgesetzt, er wird nicht zum einseitigen Dauerzustand.

Daher empfiehlt Geesing in seinem Buch „Immuntraining" das Erlernen von Entspannungstechniken. Denn „der moderne Mensch braucht kaum etwas anderes so notwendig wie die Fähigkeit, richtig abzuschalten, immer wieder tief durchzuatmen, sich zu entspannen und an etwas Erfreuliches zu denken".

Die Autorin

ist freie Mitarbeiterin der Fl'rche.

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