7119200-1996_27_19.jpg
Digital In Arbeit

Wer über die Wörter verfügt, der hat die Macht

Der Fürst spricht” und der Autor gewinnt den mit 200.000 Schilling dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis 1996. Der Autor heißt Jan Peter Bremer (31) ist Berliner und kein Neuling in Klagenfurt. Bereits 1993 gewann er das Bertelsmann-Stipendium. Eine Schloßgeschichte möchte man nach den ersten Sätzen seines Textes „Der Fürst spricht”, vermuten, ein vordergründig witziger Dialog zwischen einem Fürsten und seinem Hofmeister entspinnt sich um den neuen Verwalter. Doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken und reduziert sich auf Oswald Wieners Satz: „Ich lache, wo ich nicht verstehen kann”, so Juror Ferdinand Schmatz. Bremers Themen sind Beziehungen, das Aufbrechen von Machtstrukturen, die Darstellung von Hegels Herr-Knecht-Dialektik. Die Jury stimmte in einem Durchgang über den Sieger ab.

„Wer über die Worte verfügt, der hat die Macht”, so der langjährige Juror Peter Demetz. Wer die letzten Worte hat, möchte man da hinzufügen, denn diese hat die elfköpfige

Jury, die es beim 20. Ingeborg-Bach-mann-Lesewettbewerb nicht leicht hatte. Gab es in vergangenen Jahren oft mehr Skandale als gute Texte, wurde das Medienspektakel am Wörthersee diesmal ein Fest der interessanten Literatur. Beziehungen und kranke Körper, „Bestexistenzen” waren die Themen, die die jungen Schriftsteller aufgegriffen hatten. Für seine „Rede aus dem Kerker eines Kopfes” (Iris Radisch) wurde der Ber-liner Johannes Jansen mit dem Preis des Landes Kärnten (100.000 Schilling) ausgezeichnet. „Dickicht Anpassung” ist der Monolog eines Krankenpflegers, der selbst zum Pflegeobjekt wird. Der Ernst-Willner-Preis der Verlage (95.000 Schilling) ging an die Rerliner Literaturwissenschaftle-rin Felicitas Hoppe mit ihrem Text „Richtfest”, einer kaltschnäuzigen Erzählung über einen imaginierten Emanzipationsversuch einer jungen Frau von den starren Formen einer Dorfstruktur. Das 3sat-Stipendium (6.000 DM) ging an Heiko Michael Hartmann aus Berlin. Der Jurist und Philosoph legte einen effektvollen Ausschnitt aus seinem Roman „MOI” über das Opfer einer geheimnisvollen

Viruskrankheit vor. Den vierten Preis, den Bertelsmann-Literatur-preis (10.000 DM) gewann die in Wien lebende Kärntnerin Lydia Mischkulnig für ihre Dreiecksgeschichte „Bande”.

Beziehungen, Körper, Krankheit und Tod zählten zu den häufigsten Themen der 22 eingereichten Texte, von denen zehn in die engere Auswahl zur Ermittlung der Preisträger gelangten. Trends in der jungen deutschsprachigen Literatur lassen sich immer wieder beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb feststellen. Verwunderlich ist die totale Entpoli-tisierung der Texte der Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Gemeinsam erscheint ihnen die Wahl ihrer Themen, ob vom Kranken in seinem Bett die Rede ist oder vom einsamen Fürsten, isolierte Individuen sind die Helden der jungen Literatur. Sie sind meist reduziert auf „Restexistenzen” wie bei Heiko Michael Hartmann und Johannes Jansen. Als beziehungsgestörte Individuen, wie der Fürst des Preisträgers Jan Peter Rremers, werden sie Opfer von Intrigen oder einer kapitalistischen Welt, wie Hartmanns Erzähler.

Immer mehr entwickelt sich der Ingeborg-Rachmann-Wettbewerb zu einem Nachwuchswettbewerb. Einzig etablierter Teilnehmer war der Kärntner Autor Josef Winkler, dessen schriftstellerische Karriere 1979 beim Ingeborg-Rachmann-Wettbewerb begann. Er gewann damals den Preis der Klagenfurter Jury. Doch der Sturz von Favoriten ist in Klagenfurt keine Seltenheit. So ging der diesjährige Favorit Josef Winkler leer aus.

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur”, so der Untertitel dieser Veranstaltung, fordern jedoch nicht nur die Autoren, die sich im Klagenfurter ORF-Studio den Spontankritiken der elf Juroren stellen, sondern auch die Kritiker. Neu hinzugekommen waren neben, den Schweizern Christoph Kuhn und Hardy Ruoss , Literaturredakteur beim DRS, auch die Österreicher Franz Haas und Sabine Scholl. Mit Ferdinand Schmatz waren damit drei Schüler des Wiener Literaturwissenschaftlers Wendelin Schmidt-Dengler vertreten und bewiesen, was eine fundierte literarische Ausbildung leisten kann. Besonders Sabine Scholl trug durch ihr Bemühen um die Texte zur Seriosität der Jury bei, und das zeichnet die Wende dieses Wettbewerbs vom „Nur-Medienspektakel” zum ernstzunehmenden Literaturwettbewerb aus.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau