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Werden wir je genug haben?

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Maßlose Ansprüche prägen die Gesellschaft, in der technisch alles möglich erscheint, sich aber auch die Grenzen des Machbaren abzeichnen.

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Maßlose Ansprüche prägen die Gesellschaft, in der technisch alles möglich erscheint, sich aber auch die Grenzen des Machbaren abzeichnen.

Sobald es möglich sein wird, Teile des Rückenmarks miteinander zu verbinden, werde man auch „Ganzkörpertransplantationen” durchführen können. Das erklärte Robert White, Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaft, als er kürzlich von Erfolgen bei der Transplantation von Köpfen bei Affen berichtete („The Ca-tholic World Report” 3/97).

Eine tolle Perspektive: Nicht mehr nur Organe zu verpflanzen, nein, einen ganzen Körper an einen Kopf anschließen! In der Biotechnologie scheint heute alles möglich zu werden. Für das „Body-shopping”, eine milliardenschwere Zukunftsindustrie, scheinen sich grenzenlose Möglichkeiten aufzu-•tun. Von der Entwicklung von Anti-Alterungspillen, der Übertragung des Gedächtnisses von einer Person auf die andere, ja von der Entschlüsselung des „genetischen Übergangs zur Unsterblichkeit” wird gesprochen („The Futurist” November-Dezember 92).

So ein Unsinn, ist man versucht zu denken. Das wird es nie geben. Phantastereien! Mag sein. Aber: Wieviel einst Unvorstellbares ist mittlerweile Realität geworden?

Die Reise zum Mond, Jules Vernes Utopie von 1869, ist längst Geschichte, die Verpflanzung von Herzen oder Nieren Alltagspraxis. Mittlerweile kann man Enzyklopädien auf CDs speichern, ein Schriftstück über Kontinente hinweg via Internet gemeinsam von Computer zu Computer erstellen, Blumen aus Peru und Früchte aus Südafrika im Supermarkt nebenan kaufen.

„Der Chemiekonzern Hoechst hat ein Rezept zur Patentierung eingereicht, mit dem sich Bakterien zu Kaffeesahne oder Schmelzkäse verarbeiten lassen. Dem US-Konzern General Foods ist es gelungen, einen Kunstspeck aus Wasser, Fett und Proteinen herzustellen. Die amerikanische Firma Athlon erhielt ein Patent für die trickreiche Verwandlung von Vogelfedern in einen Zusatz für Konfekt und Backwaren,” liest man in der Zeitschrift „Abfall-ter” (Jänner 97).

Gerade die letzten Beispiele werfen die Frage auf, die sich der auf Fortschritt eingeschworene Zeitgenosse meist gar nicht mehr zu stellen wagt: Ja, brauchen wir das überhaupt?

Wozu diese „Errungenschaften” in einer Welt, in der es Getreide- und Butterberge sowie Milchseen gibt? Wozu diese aufwendigen Bemühungen, das Leben um jeden Preis zu verlängern in einer Gesellschaft, in der die Depressionen, der Alkoholismus, die Drogensucht - Symptome für wachsenden Lebensüberdruß - ansteigen? Warum steigert man rastlos die Effizienz der Wirtschaft in einem Land wie Österreich, dessen materieller Wohlstand sich in den letzten 45 Jahren fast verfünffacht, dessen Agrarproduktivität sich verdreifacht, dessen Kfz-Be-stand sich verzwanzigfacht hat?

Werden wir nie zur Ruhe kommen? Nie genug haben?

Ohne grundlegende Kurskorrektur wohl nicht, denn die Maßlosigkeit ist ein Grundprinzip unserer Gesellschaft. Fortschritt muß sein, Veränderung, Aneignung der Welt rund um uns, um sie dem Menschen nutzbar zu machen.

Die moderne Naturwissenschaft ist von Anfang an mit diesem Anspruch angetreten. Man lese nach bei Francis Ba-con oder bei Bene Descartes. Es gehe darum, „die Kraft und Wirkungsweise des Feuers, des Wassers, der Luft, der Sterne und aller anderer Körper, die uns umgeben, kennenzulernen, sodaß wir sie zu allen Zwecken ... verwenden und uns so zu Herren und Eigentümern der Natur machen”, erklärte letzterer schon lange vor Beginn der Industrialisierung. Alles zu erforschen, um es zu nutzen. Grenzenloser Zugriff und Wille zu grenzenloser Gestaltung.

Zugegeben: Dieser Ansatz hat eine Unzahl von Errungenschaften, die wir heute nicht missen wollten, ermöglicht und uns einen materiellen Wohlstand beschert, der noch zu Beginn des Jahrhunderts undenkbar gewesen wäre. Das gilt es festzuhalten, um nicht den Eindruck undifferenzierter Fortschrittsfeindlichkeit zu erwecken.

Aber hat diese Maßlosigkeit, insbesondere seit sie sich mit einer Form des Wirtschaftens verbündet hat, die grenzenloses Streben nach Reichtum zum Ziel erhob, nicht auch ihre Schattenseiten, ja birgt sie nicht tödliche Gefahren?

Eine Gefahr besteht darin, daß diese künstliche Welt der Technik an ihren Schnittstellen zur vorgefundenen Schöpfung lebensbedrohende Nebenwirkungen erzeugt. Die Alarmsignale mehren sich: Klimaveränderung, Umweltzerstörung, zunehmende Zahl von

Störungen des Immunsystems, verschiedene Formen von Streßsymptomen beim Menschen ... Der Mensch durchschaut eben nur einen Bruchteil der Realität. Sein Anspruch, das Ganze zu beherrschen, ist vermessen und wird es immer sein. Das wird umso offenkundiger, je weiter die Wissenschaft voranschreitet. Bescheidenheit und Maßhalten wird überdeutlich als Gebot der Stunde erkennbar.

Außerdem verbiegt die Maßlosigkeit den Menschen, macht ihn begehrlich, verführt ihn zum Egoismus. Mit größter Selbstverständlichkeit wird heute an die Leidenschaften des Menschen appelliert, um das System voranzutreiben. Was früher als Laster galt, wird als Tugend gehandelt. Neid wird zur motivierenden Kraft, Habsucht und unbändiger Konsum zur staatsbürgerlichen Tugend, das Prahlen mit Materiellem zum Statussymbol des Erfolgs in der Seitenblicke-Gesellschaft. Die Begehrlichkeit wird schlagkräftig organisiert: in der wirtschaftlichen und politischen Werbung, in der Forschung, im Gesundheitswesen.

„Geiz, Wucher und Mißtrauen müssen noch für eine kleine Weile unsere Götter sein”, erklärte John M. Keynes, Vordenker moderner Wirtschaftspolitik, vor mehr als einem halben Jahrhundert. „Denn nur sie können uns aus dem Tunnel wirtschaftlicher Notwendigkeit ins Licht führen.” Das Ergebnis führen uns Umfragen vor Augen. Für Österreich faßt Erich Brun-mayr zusammen: „Persönliche Moral, so könnte man vereinfacht formulieren, ist ,out' Eigennutz und Lebensgenuß sind ,in' ... Die Menschen der neunziger Jahre - und zwar Erwachsene und Jugendliche in ähnlichem Ausmaß - suchen persönliche Sicherheit und Lebensgenuß” (Wertestudie 1991).

Diese Entwicklung ist noch bedenklicher als die Umweltprobleme. Wo jeder nur mehr versucht, seine maßlosen Wunschvorstellungen zu verwirklichen, wird ein Zusammenleben früher oder später unmöglich. Der Unfriede ist vorprogrammiert. Maßhalten erscheint auch aus dieser Sicht als Gebot der Stunde. Woher aber das Maß nehmen?

Die Antike sprach von Hy-bris, vom frevelhaften Stolz gegenüber Göttern und Gesetzen. Die Maßlosigkeit unserer Zeit ist Ausdruck ihrer Gottlosigkeit. Die Osterzeit aber wäre eine Gelegenheit, sich in Erinnerung zu rufen, daß unsere Kultur auf der Offenbarung Gottes durch den auferstandenen Jesus Christus ruht.

In seinem Evangelium ist jenes Maß zu finden, das unsere Zeit so dringend brauchen würde, preist es doch jene selig, die nicht nach Reichtum, Macht und Ansehen gieren, sondern nach Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Erbarmen mit den Mitmenschen und nach Erkenntnis des Willens Gottes streben. Und es bietet Ansätze, wie man sich auf diesen Weg des Maßhaltens machen könnte.

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