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Widersprüche und Schweigen

Gerhard Roths nicht untypische Nachkriegskindheit.

Nach dem Begräbnis des Vaters betritt der Sohn das väterliche Arbeitszimmer und weiß nicht, was tun; da beginnt er, Bleistifte zu spitzen. "Mein Vater, ein ansonsten bis zum Geiz sparsamer Mensch, hatte seine Bleistifte nur so lange benutzt, bis sie stumpf waren, und dann eine neue Schachtel gekauft. Es lagen büschelweise Bleistifte in den Läden, alle gelb und gleich lang, einige abgebrochen. Ich spitzte einen nach dem anderen und legte sie zurück in die Läden." Da sich der Vater durch seinen Tod jeder weiteren Auseinandersetzung entzogen hat, spitzt der Sohn verloren und unerlöst vor sich hin - das ist ein griffiges Bild für ein Vater-Sohn-Verhältnis, dem emotionale Nähe nie geglückt ist. Im neuen Memoirenband Das Alphabet der Zeit sieht man den Vater in unterschiedlichsten Zusammenhängen agieren, die Dichte dieser Episode aus Gerhard Roths Roman Landläufiger Tod (1984) wird dabei kaum übertroffen.

Dabei ist die Erinnerungsarbeit im Alphabet der Zeit großer epischer Breite verpflichtet, über achthundert Seiten für die Beschreibung der ersten 18 Lebensjahre, das ist ein beeindruckendes Dokument der Historiografie zur eigenen Person und den familiären Geschicken. Die damit rekonstruierte Nachkriegskindheit ist eigentlich vergleichsweise unsensationell, bedeutsam wird sie weniger im Erlebten, denn im Blick des Beschreibers, der die Geschichten gewissermaßen vom Ende her wertet und mit der Linse des umfangreichen erzählerischen Werks, das dazwischen liegt.

Ich und die Weltgeschichte

"Die Fahrt nach Würzburg im Alter von zweieinhalb Jahren war seine erste Erinnerung und damit auch seine wahre Geburt. Er hatte die Geschichte so oft gehört, dass er nicht mehr wusste, was er sich selbst gemerkt und was er zu den Erzählungen dazufantasiert hatte." So eröffnet Gerhard Roth sein monumentales Erinnerungswerk, und das distanzierende "er" dieses ersten Kapitels und ein Absatz zwischen den beiden Aussagen deutet darauf hin, dass hier Konträres behauptet wird um der großen Geste willen. Autobiografien bedeutsamer Männer (Frauen sind traditionell eher im Feld "Mein Leben mit berühmten Männern" zugange) tendieren gerne zum ursächlichen Zusammenschluss von großer Weltgeschichte und individueller Biografie. Ich "verdanke meine erste Bekanntschaft mit dem größtem deutschen Dichter niemand Geringerem als dem ersten Feldherrn des Jahrhunderts", verkündete Eduard Bauernfeld in seinen Jugenderinnerungen: es war eine Bombe, die im Mai 1809 das Haus seiner Eltern beschädigte - und auch die "sonst sorgfältig verschlossen gehaltene" Hausbibliothek; im folgenden Durcheinander kann der kleine Eduard hemmungslos schmökern und entdeckt so dank Napoleon prompt Goethe.

Bei Gerhard Roth sind es Bombenangriffe der Alliierten, die die abenteuerliche Flucht der Mutter mit den drei Söhnen von Graz nach Würzburg begleiten, der mittlere ist zweieinhalb Jahre alt und der Erzähler der Memoiren. Wo immer ihm Berichte, Briefe, Erzählungen seiner Eltern und Verwandten zur Verfügung standen, baut Gerhard Roth sie ebenso ein wie seine späteren Archivrecherchen. Das strukturelle Zentrum sind gewissermaßen die familiären Archive des Schweigens und dabei wird immer wieder sichtbar, wie viel Gerhard Roths großer Romanzyklus seinem persönlichen Erleben verdankt. Das betrifft Realien wie die frühen Besuche beim Onkel in der Irrenanstalt oder die Bekanntschaft mit der Taubstummenanstalt, und es betrifft vor allem die ungelöste Frage nach der NS-Vergangenheit der Eltern.

Das Faktum war innerfamiliär unumstritten, denn es prägte, so zumindest die elterliche Sicht, das eher ärmliche Nachkriegsleben der Familie entscheidend. Als offenbar illegales Parteimitglied vor 1938 findet der Vater nach 1945 keine angemessene Anstellung als Arzt. Das Gewirr aus frühen Partei-Eintritten, Austritten, und Neueintritten zu enträtseln, ist selbst einem sorgfältigen Rechercheur wie Gerhard Roth nicht gelungen. Die Widersprüche, in die sich der Vater in seinen offiziellen Schriftstücken den wechselnden Regimen gegenüber immer wieder verstrickte, und das radikale Schweigen, das er den Söhnen gegenüber beibehielt, lassen alles offen, im Guten wie im Bösen. Dass sein Vater ein begeisterter Segelflieger ist, erfährt der überraschte Sohn, als er schon ins Gymnasium geht. Wer ein vergleichsweise harmloses Detail so lange verschweigt, kann natürlich auch anderes verschweigen.

Unauflösbare Unsicherheit

Auffallend, wiewohl von Roth unkommentiert, ist auch die Tatsache, dass sich die Eltern nach wie vor zu "Ehemaligen" hingezogen fühlen, was sogar die Großeltern verstört. Der historische Hintergrund beider Elternteile - der Vater aus dem Banat, die Mutter aus Siebenbürgen - verankerte sie jedenfalls in Milieus, wo die Grenze zwischen nationalistischer Haltung und Begeisterung für Heim-ins-Reich-Parolen leicht unscharf wurde. Es ist wohl diese letztlich unauflösbare Unsicherheit über die Verstrickung der Eltern, die Roths Erzählmotor über die Jahrzehnte in Gang hielt.

Die resignative Stimmung der Eltern nach dem Krieg, die ihre Grazer Stadtwohnung verloren und für Jahre nahe einer Müllhalde wohnen müssen, wo der Vater versucht, eine Praxis zu betreiben, liegt als Schatten über der Kindheit. Natürlich bieten schlechte Wohngegenden für Kinder zumeist reichlich Abenteuer, aber das Zusammenleben auf engstem Raum in einem sozial eher desolaten Umfeld führt zu Konflikten und hat wohl auch den Schulstart nicht erleichtert.

Im Rückblick schreibt Roth diesen frühen Erlebnissen das Wissen um das Fortleben der NS-Ideologie ein, die Ingeborg Bachmann in das Bild der anlasslosen Ohrfeige auf der Brücke eingefroren hat. Was Gerhard Roth in der zeitgenössischen Schule nicht findet, bietet ihm die Großmutter, der er sich als Sandwichkind besonders eng attachiert; mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen fördert und prägt sie die Phantasie des Kindes - und legt den Grundstein für Roths Leidenschaft für gezeichnete Landkarten und Planskizzen.

Was die konkreten Erlebnisse, Abenteuer und Katastrophen dieser Kindheit betrifft, ist das Buch eher konventionell, das zeigt auch die angehängte "Bild-Erzählung" aus den familiären Fotoalben; die verschluckte Fotolinse, das erste Eis, die erste Theatervorführung, zu der ihn sein sozialdemokratischer Großvater mitnimmt, erste Lektüren, die Entdeckung der Sexualität, die schwierige Ablösung von den überprotektiven Eltern. Dazwischen der Reigen der Verwandten, Nachbarn und Lehrer, die alle in der einen oder anderen Form die Spätfolgen des Krieges mit sich tragen, und immer wieder der freundlich dozierende Arzt-Vater, der mit seinen unerschrockenen Einsätzen Katastrophen abwendet und das Gefühl der Fürsorge verbreitet; das schreibt Gerhard Roth so nicht, es wird aber im Lesen deutlich.

Wie sehr die forcierte Angepasstheit der von ihrer NS-Vergangenheit verunsicherten Eltern auf die Kinder abfärbt, deutet Roth immer wieder an, und führt darauf auch seine Schwierigkeiten zurück, sich unter Gleichaltrigen zu positionieren. "Ich war nur froh, dass der Streich nicht mir gegolten hatte", heißt es über die unvermeidliche Episode mit einem Blindschleichenkadaver im Ferienlager, wo sich Gerhard Roth zum Unterschied von seinem älteren Bruder Paul nie wohl fühlt. Das ist eine unkommentierte Formulierung, die andeutet, dass Eltern auch die Fähigkeit zum Wegschauen weitergeben können. Erstaunlich blass bleiben die beiden Brüder, es gibt ein gemeinsames Wir bei Abenteuern und Streichen, aber von einer Beziehung zu einander wird kaum etwas spürbar, so als habe sich die Sprachlosigkeit der Eltern für alles, was Emotionen und innere Befindlichkeiten betrifft, auf das Verhältnis der Geschwister übertragen.

Dichte Sprachlosigkeit

Diese Sprachlosigkeit war dicht und undurchdringlich und lastete wohl auf vielen österreichischen Familien. Sie hatte mit der NS-Vergangenheit zu tun, aber auch mit anderen Familiengeheimnissen wie verschwiegenen ledigen Kindern, also Halbgeschwistern. Beides hat Gerhard Roth in seiner eigenen Familie erlebt. Es ist tatsächlich keine besonders untypische Nachkriegskindheit, aber es ist eine, der wir den großen Romanzyklus der Archive des Schweigens verdanken.

Das Alphabet der Zeit

Von Gerhard Roth

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007

862 Seiten, geb., € 28,80

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