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"Wie ein katholischer Suppenwürfel"

Paul Ingendaays Roman über Freundschaften, Prägungen und die Suche nach Wahrheit aus der Sicht eines heranwachsenden Internatszöglings.

Was darf man von einem Buch über ein katholisches Internat erwarten? Einen literarischen Aufguss? Ein Versinken in bloßer Schwarz-Weiß-Malerei? Noch dazu, wenn darin der Hinweis untergebracht wird, Ähnlichkeiten mit Orten und lebenden bzw. toten Personen würden dem Prinzip reiner Zufälligkeit unterliegen. Der deutsche Autor Paul Ingendaay, der als Kulturkorrespondent der FAZ in Madrid lebt, hat in einem Text über die Entstehung dieses Buches Kritikern gleich selbst den Wind aus den Segeln genommen, indem er darauf hinweist, dass in seinem Debütroman keineswegs die Realität hinter dem Text die entscheidende Rolle spiele.

Biografische Details

Ein 500 Seiten langer Schlüsselroman über die Zeit am Collegium Augustianium Gaesdonck? Vielleicht. Mag sein. Aber für Ingendaay ist dieser Abschnitt heute Geschichte und letztlich uninteressant, weil irrelevant. Den Anstoß für diesen Roman hätten vielmehr die Freunde von damals und natürlich auch bestimmte Lehrer gegeben. Freundschaften und Prägungen also, Details aus der eigenen Biografie, die in diesem Roman stellenweise ironisch, dann aber auch wieder höchst komisch in ein fiktionales Netz gewoben werden.

Da sind nun unverklärte, nicht zimperliche Erinnerungen an eine Iuvenatszeit, an die "Insel der Verzweiflung", wie die Hauptfigur sie nennt. "Das Collegium war wie ein katholischer Suppenwürfel, wenn man ihn ins Wasser wirft, damit er sich auflöst, merkt man erst, was da alles drin ist." Das schmeckt nach Frischmuths Klosterschule und lässt Reminiszenzen an die negativen Schulerlebnisse Torbergs wach werden.

Weltsicht des Zöglings

Doch Ingendaays Roman schwingt sich ganz anders in die Materie ein. Mit dem Kunstgriff eines jungen auktorialen Erzählers schleust Ingendaay gleich von Anfang an die Weltsicht des unabgeklärten heranwachsenden Zöglings ein, der uns - in betont jovialer Manier - an seiner Internatszeit am Collegium Aureum teilhaben lässt. Kostbar und edel der goldene Glanz des Namens. Die nicht zu verhindernde Aufnahme seines jüngeren Bruders im Internat stößt in Marko eine Erinnerungsgirlande an. Trutzig baut sich der Schatten der gefürchteten Schwester Gemeinnutz in seinem Gedächtnis auf. Ihre gruppentherapeutischen Sitzungen samt Selbstanklagen der Kinder verursachen in ihm heute noch Magenschmerzen. Marko entwickelt sich zum Nihilisten und rebelliert innerlich gegen religiöse Erziehung und rigide Collegiumsordnung.

Auf einer einzelnen Eisscholle driftet er immer weiter von der Gemeinschaft weg und bleibt zugleich im Hamsterrad. Zur inneren Einsamkeit gerade angesichts der "Frömmigkeitsspur" kommen Pubertätsnöte, das natürliche Verlangen nach dem anderen Geschlecht und die unverkraftete Scheidung seiner Eltern, die - einfühlsam geschildert - eine der thematischen Hauptstränge dieses Buches ausmacht. Gemeinsam mit seinen besten Freunden macht er, was Zöglinge nur heimlich tun. Sie reizen die Regeln aus samt verbotenen Ausflügen und Unternehmungen.

Neben dieser Facette des klösterlichen Schullebens zeigt Ingendaay anhand seines Protagonisten die spannende literarische Prägung durch einen Lehrer. Marko ist ein guter Schüler, sehr belesen und vor allem höchst interessiert. Bruder Gregor gibt ihm Dostojewskij, Proust oder Seneca und schneidet bei ihm Fragen des Sinns, der Vorsehung und der Erkenntnis an. Die Literatur begleitet ihn und öffnet seinen Horizont bis hin zu erstaunlicher Abstraktion. Das Leben wird zur Kunstausstellung, deren Qualität er prüft. Robinson Crusoe ist und bleibt sein Lebensbuch, mit ihm hält er Zwiesprache, seine Gedanken über Vorsehung und Furcht fallen ihm, dem Gestrandeten, immer im richtigen Moment zu.

Spannend und originell

Eines Tages wird Marko mit dem Buch der Ordnungen konfrontiert, just, als es seltsame Vorgänge um Bruder Gregor aufzuklären gibt, die vielleicht auch mit dem Verschwinden seines Freundes Clemens Nippermann zu tun haben. Niemand kennt Herkunft und Verfasser. So nehmen Geheimnisvolles und die Suche nach Wahrheit ihren Lauf.

Wir haben hier ein interessantes und spannendes Buch vor uns. Besonders ins Gewicht fällt die originelle und plastische Zeichnung der einzelnen Charaktere, die dem Roman auch zusätzliche Komik verleihen.

Die anfängliche Dominanz der Anklage angesichts vielfältiger Verletzungen wird langsam aufgebrochen, indem die Dinge gerade am Schluss in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden. Vor allem aber die reichhaltige und kluge Imprägnierung des Textes mit Literatur und Musik, dieses dicht versponnene, anregende intertextuelle Gewebe bürgt für lohnenden Erkenntnisgewinn.

In der Überlagerung verschiedener thematischer Schichten zeigt sich aber auch ein Widerhaken, zumal sich der Plot nicht immer ganz trägt. Das Buch der Ordnungen als Fluchtpunkt des Romans franst letztlich in Bedeutungslosigkeit aus. Was ist mit der darin erwähnten unscheinbaren Magd, die sich bei Nacht und Nebel mit Nippermann aus dem Staub macht? Was mit dem Sinn der verborgenen Rückkehr Nippermanns? Fallen gelassene und nicht mehr aufgehobene Maschen. Doch wie das Bonmot in Markos Familie so schön heißt: "Eins nach dem anderen." Ein Buch, das zur Reflexion anregt und gelesen zu werden verdient.

Warum du mich verlassen hast

Ein Roman von Paul Ingendaay

Schirmer-Graf Verlag, München 2006 506 Seiten, brosch., e 25,50

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