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Wie wir gerettet wurden

„Ist es richtig“, fragte der Journalist, „daß anderthalbhundert prominente Gefangene, welche die SS, kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner, aus Dachau nach Südtirol brachte, ermordet werden sollten?“ Und Altkanzler Dr. Schuschnigg antwortete: „Soeben erhielt ich einen Brief des britischen Obersten Best, der mir schreibt, daß er selbst das Dokument gelesen hat, in dem Himmler Sonntag, den 29. April 1945, als Hinrichtungstag für jene Gefangene bestimmte.“ So berichtet die Schweizer Presse. Vor mir hab' ich, in deutscher und französischer Wiedergabe, einen nach London und Paris gegangenen „Bericht der Südtiroler Stelle“, der über die Wirkung der braven Südtiroler Widerstandskämpfer an unserer Rettung Aufschluß gibt, und ein kleines Heftchen, in das ich Eintragungen über die Erlebnisse seit dem 23. April 1945 machen konnte.

An diesem Tage holte mich plötzlich ein SS-Mann von der Arbeit weg ins Lager. Meine Frage, warum, beantwortete er kurz: „Sie gehen auf Transport.“ In ernster Stimmung packte ich die paar Habseligkeiten. „Auf Transport gehen“, das bedeutete erfahrungsgemäß ein fast gewisses Todesurteil. Wohl war ich nicht überrascht, denn seit langer Zeit wußte ich durch Äußerungen der SS, daß mein Name auf einer Sonderliste stand, über die Himmler die Entscheidung sich vorbehalten hatte, was nichts Gutes verhieß. Dazu kam, daß seit Beginn des Jahres 1945 zahlreiche „prominente Neuzugänge“ aus allen Gegenden Deutschlands nach Dachau überstellt und in den Zellen des Bunkers und des Sonderbaues — so hieß das frühere Bordell, das dank der ablehnenden Haltung der „Politischen“ überflüssig geworden war — verborgen gehalten wurden. Unter ihnen befanden sich, wie ich heimlich erfuhr, die Ehepaare Schuschnigg und Blum und mehrere Engländer. Audi der Bischof Gabriel P i g u e t von Clermont-Ferrand mußte aus dem Pfarrerblock in diese Isolierung übersiedeln.

Am Abend des 23. April waren wir, etwa 80 Mann, draußen im SS-Lager schon bereitgestellt, um die Camions zu besteigen, als die Sirene aufheulte und uns in Deckung trieb. Amerikaner machten einen kecken Tiefangriff und zerschossen die Fahrzeuge. Wir mußten wieder ins Lager zurück. Gerührt von der Liebe, mit der meine alten Lagerkameraden mich begrüßten, freute ich mich, nun von allen Abschied nehmen zu können, wurde aber im Sonderbau isoliert. Am Abend des nächsten Tages ging es fort. Die nächtliche Fahrt durch die zerbombten Städte und das schweigende bayrischelLand Heß wenige Beobachtungen zu. Unterernährt und schlecht bekleidet, litten wir im Lastauto unter der Kühle der Aprilnacht. Als der Morgen kam, grüßte mein Herz die altvertrauten, lange entbehrten Bilder der tirolischen Landschaft. Schon in Dachau hatten wir erfahren, daß unser Transport das KZ Reichenau am Stadtrande von Innsbruck ansteuerte, daß jedoch unser eigentliches Ziel ein Berghotel an einem Tiroler See war.

Das Lager in der Reichenau war unsauber und voll Ungeziefer. Wir richteten uns als geübte KZler rasch ein und lernten uns dabei kennen. Nur wenige meiner älteren Dachauer Kameraden “waren mitgekommen, der frühere Zentrumsabgeordnete Josef J o o s, Prinz XavierdeBourbon, Prinz Leopold von Preußen, der katholisch geworden war und in Salzburg sich ansässig gemacht hatte, und sein Sekretär. Hier nun hauste ich mit den Skandinaviern in einer Stube, mit den Dänen Konsul Mogcnscn, Rittmeister Lundin und anderen Offizieren, mit dem Schweden Edquist, dem norwegischen Walfängerkapitän Dahle, dem Magister der Philosophie Celmins aus Lettland. Alle waren liebenswürdig und hilfsbereit. Hier begrüßten uns die Teilnehmer des ersten Konvoi, die gesamte Generalität der Griechen und zehn Ungarn, darunter Ministerpräsident Kailay, Minister Sz61I, .Staatssekretär Hladtky und Gesandter Nikolaus Horthy, der Sohn des Regenten.

Hier ollte ich auch Schuschnigg wiedersehen. Er kam mit Frau und Klein-Sissy im dritten Konvoi am Freitag, den 27. April, morgens an. Am tragischen Abend des 11. März 1938 hatte ich ihm zum letzten Male die Hand gedrückt, als ich nach seiner Radioansprache das Bundeskanzleramt verließ, um in den kommenden gefahrvollen Stunden bei meiner Familie zu sein. Tiefe Bewegung ergriff mich, als ich ihm gegenüberstand. Er ah sehr schlecht aus, an ihm wie an seiner Gattin waren die Härten der langen Gefangenschaft deutlich zu bemerken; seine Nerven vibrierten, sein Gesicht aber war klar und seine Haltung war ungebrochen. Unsere Aussprache, während deren uns die Kameraden achtungsvoll allein ließen, dauerte lange. Wir hatten uns viel zu sagen, sieben Jahre solchen Schicksals sind eine lange und schwere Zeit. Ich machte ihn auf zwei Gruppen Gefangener aufmerksam, die in einer Lagergasse ihre „Bewegung“ absolvierten, Kämpfer und Kämpferinnen der österreichischen Widerstandsbewegung. Tagsvorher hatte ich unter ihnen Freund Toni H i 11 m a y r, den Internisten der Innsbrucker Universität, entdeckt und angesprochen. Hier erwarteten sie ihr Schicksal und hofften — auf die Amerikaner.

Am selben Freitag verließen wir in den Abendstunden, alle zu einem Transport vereinigt, Innsbruck und fuhren über die sdiöne Brennerstraße dem Süden zu. Auf unserer Stimmung lastete die Beobachtung, daß außer den Dachauer SS-Posten auch ein Trupp kriminell aussehender SD-Leute mitfuhr. Sie hatten ihren besonderen Sturmführer, waren schwer bewaffnet und traten barsch auf. Begleiten uns unsere Henker? Auf dem Brenner ein mitternächtiges Bild militärischer Unordnung. Ein paar Stunden später hielt die Kolonne vor Niederdorf im Pustertale an. Wir stiegen aus und bemerkten Unruhe in der SS. Bald sickerte durch, daß unser „Reiseziel“, das in bergschöner Einsamkeit gelegene Hotel Pragser Wildsee, von einem deutsdien Stabe besetzt war. Stundenlang warteten wir. Motorisierte deutsche Truppen rollten an uns vorüber, betrachteten uns neugierig und riefen uns gelegentlich Schmähworte zu, weil sie uns für Pgs hielten, die sich vor den Amerikanern nach Südtirol geflüchtet hätten. Das bittere Lachen, mit dem wir antworteten, hörten sie nidit mehr. Boten kamen. Wir nächtigten in Niederdorf. Die Familien in Gasthöfen, wir anderen auf dem Fußboden des Rathaussaales. Bischof Piguet durfte die Einladung des Pfarrers annehmen. Die eiserne Disziplin, die uns bisher gefesselt hatte, lockerte sich. Manche SS-Posten wurden unsicher, nur die SD-Leute behielten ihre Sturheit restlos bei. Am Sonntag wohnten wir, natürlich bewacht, dem Gottesdienst in der Pfarrkirche bei. Auch ich erhielt nun ein blütenweiß überzogenes Bett in einem anheimelnden Zimmer des Frühmesserhauses. Klerus und Volk wetteiferten in der Freundlichkeit zu uns. Und immer wieder kam einer und fragte: „Sind Sie es wirklich?“ oder: „Ist wirklich der Doktor Schuschnigg da?“ Und alle fügten die Bitte hinzu: „Helft uns, wenn ihr daheim seid, daß wir endlich wieder zu Österreich zurückkommen!“

Noch aber lag die Morddrohung des SD auf uns. Solange die da waren ... Plötzlich eine aufregende Szene. Deutsche Infanteristen, jeder einen Pack Handgranaten am Gurt, umzingelten den Ortsplatz und holten die SD-Leute aus dem Hause heraus, in dem sie sich eingenistet hatten. Ein kurzer, heftiger Disput und sie wurden gezwungen, ein Auto zu besteigen und den Ort in westlicher Richtung zu verlassen. War der Spuk vorüber? Bald erfuhr idi die Vorgesdiichte. Unter den vielen Deutschen, die mit uns von Dachau gekommen waren, befanden sich drei Generäle, der ehemalige Generalstabschef Halder, Falkenhausen und Thomas, sowie der Oberst i. G. Bonin. Sie stellten die Verbindung mit dem Abschnittskommando her und erreichten, daß der SS-Obergruppenführer in Bozen als Chef des SS-Hauptabschnittes aufgefordert wurde, die SD-Bedeckung zu sich abzuberufen. Er willigte ein und gab den Befehl. Die SD-Leute aber weigerten sich, ihm zu gehorchen, da ie, wie sie sagten, ihre Befehle von anderer und höherer Stelle hätten! Daraufhin wandte der Ortskommandant militärische Gewalt an. Viele Monate später las ich in römischen Blättern, daß der Bozener SS-Obergruppenführer damals schon geheime WaffenstillstancU-verhandlungen mit den Alliierten führte, deshalb hatte er nachgegeben.

Am folgenden Montag fuhren wir, begleitet von einer Kompanie, in das inzwischen geräumte Berghotel am Pragser Wildsee. Dort hatten wir Bewegungsfreiheit, auch außerhalb der Postenkette, wenn wir diese auf eigenes Risiko überschritten. Die Posten sollten uns vor Belästigungen und Überfällen der zahllosen im Gebirge herumstreifenden Marodeure und Banden bewahren. Schon am 4. Mai traf aber USA-Infanterie ein, die der Funkspruch eines österreichischen Freiheitskämpfers eilends herbeigerufen hatte. Nun erst fühlten wir uns sicher und geborgen.

Im Hotel kam es zu Begegnungen und Gesprächen mit Funktionären der Südtiroler Widerstandsbewegung, die sich sehr um unser Wohlergehen bemühten. Amerikanische Reporter erschienen zu flüchtigem Besuch und berichteten der Welt unsere Rettung. Hier konnte ich jene Schicksalsgefährten, die mit den anderen Konvois nach Innsbruck gekommen waren, endlich näher kennenlernen. Nicht weniger als 22 Völker und Staaten waren unter uns vertreten. Außer den schon genannten Völkerschaften Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Serben, Mazedonier, Bulgaren, Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier usw. Unter ihnen waren viele Offiziere, die als Kriegsgefangene sich gweigert hatten, gewissen deutschen Wünschen sich zu fügen oder sonst den Haß der SS auf sich gelenkt hatten. Unter den Russen waren die Generäle P r i w a 1 o w und Bessenow, Oberstleutnant Brodnikow, der kenntnisreiche Kunsthistoriker Oberleutnant Rutsche n-ko und Leutnant Kokorin, ein Neffe des Ministers Molotow. Von den Nichtdeutschen stellten die Engländer die zahlreichste Gruppe, 14 Mann, darunter Oberst Best, die Oberstleutnante Mc G r a t h, Stevens, Da y, F a 1 c o n e r und D o w s e, Captain Churchill, ein Vetter des Premiers. Österreich war durch die Familie Schuschnigg und mich vertreten.

Die 64 Deutschen unterschieden sich deutlich in mehrere Teile; den größten bildeten die „Sippengefangene n“, das heißt die Verwandten der Putschisten von 1944: die adeligen Familien Schenk von Staufenberg, Plettenberg und Hofacker, die bürgerliche Familie der Goerdeler und die Arbeiterfamilien Kaiser und Mohr. Den christlichen Gewerkschaftler

Kaiser kannte ich von früher; er verbarg sich nach dem gesdieiterten Putsch im Häusermeer von Berlin, daher nahm man seine Frau und Tochter, Schwager und Schwägerin in Haft, obwohl sie gar nicht wußten, wo er war. Ein typisches Beispiel der nationalsozialistischen Lehre von der Kollektivschuld und -sühne.

Drei Priester zeigten die einstige Spannweite des deutschen Katholizismus, Kanonikus Neuhäusler — München, Kaplan Dr. Hamm — Aachen, und Kaplan Kunkel — Königsberg. Alle drei erwiesen sich als tüchtige Seelsorger, deren Eifer seitens der Protestanten gelegentlich, halb im Scherz, halb im Ernst, dem bekannten Pjltor N i e m ö 11 e r vorgehalten wurde, der auch mit uns war.

Eine merkwürdige Gruppe bestand aas früher hochgestellten Nationalsozialisten. Ich nenne vor allem den SS-Obergruppenführer Prinz von Hessen, dessen Gattin, die italienische Prinzessin Mafalda, in Buchenwalde elend zugrunde ging, der aber — das Schicksal seiner Frau war ihm noch unbekant — bis zuletzt eine unerklärliche Anhänglichkeit an Hitler bekundete. Ein anderer SS-Führer, E n g e 1 k e, hatte Goering als „Einkäufer“ gedient. Hjalmar Schacht und der GroßindustrielleT h y s-s e n, die Hitlers Aufstieg finanzieren geholfen hatten, waren seither in Opposition gegangen und deshalb hier.

Wieder eine kleine Gruppe für sich bildeten die Rechtsanwälte Dr. Josef Müller — München, der später in der christlichen Demokratie Bayerns eine Rolle spielen sollte, und Dr. Schlabrendorf — Berlin. Beide waren der Verbindung mit den Alliierten beschuldigt, vor dem Berliner Volksgcricht gestanden und knapp dem Tod entgangen.

Unter den Nord- und Südslawen begegnete ich manchen interessanten Männern, ich erwähne den Universitätsprofessor Dr. Karras — Preßburg, der als Währungsfachmann sich einen Namen erworben hatte.

Unseres Bleibens am romantischen Pragser Wildsee war nicht lange. Die blühende Jugend der USA-Infanterie hatte uns kaum einige Tage lang in ihre hilfsfreudige Obhut genommen, als ein General erschien und uns die Unvermeidlichkeit eines Abtraasportes darlegte. Washington hatte die Anordnung getroffen, weil die militärische Lage es noch nicht gestattete, die Verantwortung für unsere Sicherheit an so weit vorgeschobenem Orte zu tragen. So nahe der Heimat und wieder in die Ferne? Schweren Herzens fügten wir Österreicher uns der Logik der Tatsachen. Ein paar Tage später fuhren Jeeps in langer Reihe vor. Wir stiegen ein und unter dem Schutze waffenstarrender Panzer ging es durch die östlichen Dolomiten hinunter in die Ebene Oberitaliens, die, einst ein wundervoller Garten, überall die klaffenden Wunden des Krieges trug, nach Verona, der fast zerstörten Stadt. Tagsdarauf trugen uns Transportflieger nach Neapel und über ein märchenhaft blaues Meer glitt der Dampfer, der uns an der Marina grande auf der Insel Capri an Land setzte. Ihre zauberische Schönheit konnte das Heimweh nicht stillen nach der verarmten und verwüsteten und doch so geliebten Heimat, die ich erst acht Monate später wiedersehen sollte.

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