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Das Buch als Spiegel der Zeit

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Wer mit Aufmerksamkeit und Teilnahme die österreichische Buchproduktion verfolgt, wird aus verschiedenen Gründen nicht umhin können, an ihr Kritik, zu üben. Von einigen zielbewußten Verlagen abgesehen, hat, sobald die materiellen Voraussetzungen einigermaßen gegeben waren, in den ersten Nachkriegsjahren ein wahlloses Drauflos- drucken eingesetzt, dem nicht durch bessere Einsicht und gesteigertes Verantwortungsgefühl der Verleger für das Ansehen der österreichischen Literatur Einhalt geboten wurde, sondern erst durch eine höchst allgemeine wirtschaftliche Situationsänderung. Eine qualitative Produktionslenkung durch die Nachfrage bestand nicht, es bestand aber auch keine durch das Verständnis dpr Verleger. Es ist noch nicht allzu lange her, daß Schriftsteller mit halbwegs bekannten Namen häufige Besuche von Lektoren „neu- gegründeter" oder „neuzugründender“ Ver lage erhielten, die anfragten, ob sie „irgendetwas“ herausbringen könnten. Bei der Auswahl zeigte man sich gar nicht kleinlich. Es blieb auch kein Geheimnis, daß viele dieser neuen Verleger von Literatur herzlich wenig verstanden und der Konjunktur gemäß anstatt mit einem Produkt X eben mit schöner Literatur gute Geschäfte machen wollten. Daß die Anzahl der Verlagsanstalten im kleinen Österreich allein das halbe Tausend überschreitet, kann daher nicht überraschen. Demgegenüber muß mit aller Deutlichkeit auf die verantwortungsvolle Mission des Verlegers im Dienste der geistigen Gesundung und literarischen Betreuung unseres Volkes und im Dienste des aufstrebenden österreichischen Schrifttums hingewiesen werden. Über den Geschäftsmann darf der Verleger nie sein Stellung als mitbestimmender Faktor beim Wiederaufbau des Kulturlebens vergessen.

In diesem ZusammKarTe’steht eine Frage, die einiger klärender Worte bedarf. Die neueste Uberrasdiung, die uns das österreichische Verlagswesen bescherte, ist eine Flut von Neuauflagen. Es ist bestimmt nicht Böswilligkeit, wenn man dafür die verhältnismäßige Einfachheit des Nach- und Wiederdrucks alteingeführter Autoren aus den vergangenen Dezennien verantwortlich macht. Es ist klar, wer heute etwa die Novellen von Ferdinand von Saar neu auflegt, erspart sich nicht nur das Autorenhonorar, sondern auch das eventuelle Risiko des Erstdruckes eines zeitgenössischen, vielleicht noch völlig unbekannten Dichters. Wie Sehr es auch zu begrüßen ist, daß die großen Dichter Österreichs in gefälligen Ausgaben wieder in die Breite wirken können, daß Werke zugänglich gemacht werden, die man jahrelang auf dem Büchermarkt vermissen mußte, so sehr muß doch davor gewarnt werden, daraus eine Manier zu machen und auf diese Weise aus Bequemlichkeit der zeitgenössischen Literatur das Terrain abzugraben. ,

Man wird mit Verständnis die Herstellung einer neuen Grillparzer-Ausgabe verfolgen, mit Freude und Genugtuung ein so verdienstvolles Verlags werk wie die Sammlung der Werke von Anton Wildgans begrüßen und gerne die Notwendigkeit der Reihe „Ewige Wort" gelten lassen, in der es der Ullstein-Verlag unternommen hat, die ärgsten Lücken zu schließen, die äußere und innere Verheerungen des letzten Jahrzehnts in den häuslichen Bücherbeständen zurückgelassen haben. Aber daneben erscheinen viele Namen, für deren Wiedererweckung man heute kein Verständnis mehr aufbringt, viele Werke treten uns entgegen, die uns heute nichts mehr zu sagen haben, über die das Rad der Geschichte hinweggerollt ist. Wer kann Motive etwa für eine Neuauflage von Rudolf H. Bartschs „Bittersüße Liebesgeschichten" finden, solange wir der Jugend keinen Hofmannsthal in die Hand geben können, solang ein Band Kafka ein mit Argusaugen gehüteter Besitz ist? Vor allem jedoch muß das zeitgenössische Schrifttum und hier wieder eine jung aufstrebende Dichtergeneration auf diese Weise in Bedrängnis kommen.

Aber auch von den vielen lebenden Autoren wollen wir viel lieber neue und für unsere Zeit geschriebene Werke vornehmen als aufgewärmte Gerichte mit überholten Problemstellungen. In diese Kategorien werden heute auch Namen fallen müssen, die in bestimmten Kreisen einen guten Klang haben. In Wien wurde kürzlich jenen Ärzten der Prozeß gemacht, die für die Tötung der Geisteskranken in der Heilanstalt Mauer-Öhling verantwortlich waren. £ i grausigen Details dieses Prozesses sind nur ein kleiner Ausisdinitt aus jenen menschenunwürdigen Geschehnissen, die sich als Folge einer unerhörten Überschreitung göttlicher und naturrechtlicher Gesetze in den deutschen Nervenheilanstalten abspielten. Mit welchen Gefühlen liest man in Anbetracht dieser Ereignisse einen Roman wie Ernst Lothars „Die Mühle der Gerechtigkeit oder Das Recht auf den Tod“ (Verlag das Silberboot, Salzburg). Zweifellos interessant, spannend und routiniert erzählt Lothar die Geschichte eines Richters, der schließlich seine unheilbar erkrankte Frau mit Veronal vergiftet, dessen eigener Selbstmordversuch aber mißlingt, so daß er, der einst selbst Recht sprach, vor das Tribunal kommt. In gefährlicher Weise sympathisiert der Autor mit dem Angeklagten und noch mehr mit seinem Verteidiger, der in seinem Plädoyer offen einer Abänderung bestehender Gesetze und der Legalisierung der Tötung „aus Mitleid“ sein Wort leiht. Die Euthanasie kommt wieder zur Debatte! Lothar versteht es, mit Rührseligkeit die Sache schmackhaft zu machen, und erinnert darin an gewisse deutsche Filme, die einst für das Verst’ idnis jener Vorkommnisse Warben, über che heute zu Gericht gesessen wird.

Eine so ernste Frage läßt sich literarisch vielleicht überhaupt nicht, aber auf keinen Fall an einem speziellen Einzelfall demonstrieren. Kommentarlos sei folgende Stelle zitiert: „In Idiotenanstalten“, so läßt Lothar den Verteidiger ausrufen, „inmitten einer Wirtschaftsnot sondergleichen, werden Ballastexistenzen gepflegt, aufgepäppelt, auferzogen, obwohl wir nicht einmal für die Vollsinnigen Geld haben! Denen darf kein Haar gekrümmt werden. Sie sind den anderen unerträgliche Lasten, die man die ändern zu tragen zwingt. Und die Krebs- kranken, die Paralytiker, die Phthisiker, die Unheilbaren, die sich selbst und den anderen Unerträglich sind? Auch denen darf kein Haar gekrümmt werden — toller Gegensatz!“ — Insofern kann man Lothar zustimmen, als er die Problematik des menschlichen Recbtsprechens überhaupt aufzeigt. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Natürlich muß jedes vom Menschen gefällte Urteil letztlich höchst unvollkommen bleiben, ja, in vielen Fällen sogar ausgesprochen ungerecht sein. Niemand kann die unzähligen tiefliegenden Komponenten, die schließlich zu einem Verbrechen führen, richtig ausgliedern, abwägen und beurteilen. Jedes Menschenurteil bleibt ein unvollkommener Torso. Diese Tatsache konsequent angreifen, hieße aber jede Rechtsprechung durch Menschen ablehnen. Problemstellung, Diktion und Atmosphäre dieses Bruches sind überholt Ein Buch, das heute den Fragenkomplex der Euthanasie berührt, geschweige ihn zum Thema nimmt, kann an den grauenhaften Vorkommnissen der jüngsten Vergangenheit nicht Vorbeigehen, es muß sich ihnen stellen.

Gerne weiß man ein so wertvolles Volksbuch wie’ Reimmichls Roman „Der Gemsenhirt" (Tyrolia-Verlag, Innsbruck) wieder auf dem Markt. Die Eindringlichkeit und Lebendigkeit, mit der Reimmichl gestaltet, hat nichts von ihrer Wirksamkeit verloren. Das tief Anliegen des Dichters findet seine Form in einer überaus klaren und kraftvollen Sprache. Allerdings teilt uns der Verlag auch mit, daß nun nicht weniger als acht Neuauflagen von Reimmichls Werken zu erwarten sind. Selbst bei einem so trefflichen Autor muß das bedenklich machen. Auch die Heimatdichtung bedarf neuer Impulse, auch sie wird bewußt in der Zeit gepflegt werden müssen. Hier ergibt sich für verschiedene Verlage ein weites und schönes Arbeitsfeld.

Gewiß, die Kriegsereignisse haben die kontinuierliche Entwicklung des Schrifttums wie des Verlagswesens stark beeinträchtigt, ja nahezu unterbrochen. Viele Lücken gilt es zu schließen, vielfach ist es schwer, an die

Tradition richtig anzuknüpfen; es muß erst wieder eine gesunde Basis für den neuen Bau geschaffen werden, eine geistige ebenso wie eine materielle. Man darf aber nie vergessen, daß bei aller Wertschätzung einer ernsten Besinnung auf die Vergangenheit eine Gesundung nur von den Kräften der Gegenwart herbeigeführt und getragen werden kann. In den Dienst des geistigen Ringens unserer Tage muß sich daher auch wieder das Buch vorbehaltlos stellen. So wird cs lebendiger Besitz, Forum und Spiegel der Zeit.

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