Patience - © Foto: AvivA

„Gott ist kein guter Regisseur“

Patience, gerade einmal achtzehn Jahre alt, will mehr vom Leben, als einer jungen Frau während des Ersten Weltkriegs eigentlich zusteht. Sie ist Sozialistin, arbeitet im Gewerkschaftshaus und heiratet überstürzt, nicht aus Liebe, sondern in der Erwartung, dass ihr Mann im Krieg bald fallen würde. Die Ehe dient als Schutzschild gegen ihre lesbischen Neigungen. Erschwerend kommt dazu, dass sie als Tochter eines Deutschen und einer Engländerin in patriotischen Zeiten mit dem Argwohn der Anderen konfrontiert wird. Selbstständigkeit ist ihr wichtig, sodass sie auch als Verheiratete gegen alle Erwartungen ihre Arbeit nicht aufzugeben bereit ist: „Selbstverständlich werde ich weiter ins Büro gehen.“ Sie hegt Pläne für die Zukunft, die alle Rollenerwartungen weit übersteigen. Klar, dass sie von Konflikten ausgiebig behelligt wird.

1931 erschien der Roman „Patience geht vorüber“ in einem Berliner Verlag, es hat 89 Jahre gedauert, bis er der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht wurde. Die Verfasserin ist eine jener unbekannt gebliebenen Schriftstellerinnen, die, 1931 nach England ausgewandert, im Nachkriegsdeutschland niemandem mehr fehlten. Ihre literarischen Verdienste in der Weimarer Republik? Verdrängt und vergessen. Und heute lesen wir mit Erstaunen, in welch schnippischem Tonfall sie mit Biedermännern abrechnet, ohne sich deshalb Revolutionären und Sozialisten an den Hals zu werfen. Goldsmith schreibt als eine unabhängige Frau, in Patience entwirft sie ihr eigensinniges, beherztes Alter Ego. Den Journalistenberuf streben die Autorin wie ihre Protagonistin an, weil sie damit als Beobachterinnen den Posten außerhalb der Geschehnisse beziehen dürfen. Goldsmith ist alles andere als eine Allerweltserzählerin. Im Vorwort an ihre Geliebte, die Malerin Martel Schwichtenberg, erwähnt sie, dass der zeitgenössische Roman auf eine feste Form, „eine geplante Architektur“, zu verzichten habe. „Es muss einfach alles durcheinander passieren, wie im wirklichen Leben.“ Das Schicksal sei formlos, weil Gott „kein guter Regisseur mehr ist“.

Margaret Goldsmith wird 1895 in Milwaukee geboren, um als Kind mit ihren Eltern nach Berlin zu ziehen. Fortan lebt sie zwischen diesen Kulturen. Sie schreibt auf Deutsch und Englisch, nach 1933 nur noch englisch. Sie betätigt sich als Journalistin, veröffentlicht Romane und Sachbücher, arbeitet während des Ersten Weltkriegs in Regierungsdiensten in einem Büro für Ökonomie, wertet ausländische Publikationen nach kriegswichtigen Informationen aus und bringt es zur stellvertretenden US­Handelskommissarin in Berlin. Berüchtigt sind ihre Liebesbeziehungen zu Frauen, darunter Vita Sackville­West. Ihr literarisches Werk kann sich sehen lassen.

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