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Sich in eine Gegenwelt schreiben

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In ihrem Roman "Hinter dem Mond" versetzt Cécile Ines Loos ihre Figuren in eine tragische Kindheit, die ihrer eigenen nicht unnähnlich ist.

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In ihrem Roman "Hinter dem Mond" versetzt Cécile Ines Loos ihre Figuren in eine tragische Kindheit, die ihrer eigenen nicht unnähnlich ist.

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Es hat seinen Grund in ihrer Biografie, dass die Schweizer Schriftstellerin Cécile Ines Loos im Roman „Hinter dem Mond“ von 1942 die Sache der Kinder vertritt. Das bringt mit sich, dass sie kein gutes Haar an den Erwachsenen lässt, die Kinder nicht ernst nehmen, ihnen nicht einmal Aufmerksamkeit schenken. So setzen sie sich ihre eigene Welt zusammen, in der sich Magisches mit Alltäglichem zu einer Einheit bindet, aus der die Erwachsenen ausgeschlossen bleiben.

Das zeigt sich schon am Anfang, als der Großvater die drei Kinder, deren Eltern verstorben sind, wegbringt von daheim. Er verspricht ihnen, sie ins „Land der Pferde“ zu bringen. Das irritiert Susanna mehr, als dass ihre Neugier angestachelt würde. „Ich erschrak so, als hätte jemand auf mich geschossen, denn ich hatte bisher noch nichts gehört von Tieren, die Länder besitzen.“ Der Großvater wird als windige Figur gesehen, der sich vor allem um sein eigenes Fortkommen in der religiösen Gemeinschaft sorgt, Kinder aber keinen Wert beimisst.

Die Fähigkeit, sich vom trostlosen Alltag nicht unterkriegen zu lassen, hat sich die Erzählerin, die mit einem Pastor nach Brasilien gezogen ist, bewahrt. Die ganz normale Wirklichkeit, die sie mit jedem anderen auch teilt, unterläuft sie, indem sie ihr ein Geheimnis belässt. Dessen bedarf sie dringend, um gegen die Lieblosigkeit und Rohheit der Gesellschaft zu bestehen.

Die eigene Kindheit von Loos war von Tragödien überschattet. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war, der Vater kurz darauf. Eine Freundin der Mutter nahm sie als Pflegekind an, verstarb, als das Kind neun Jahre alt war. Die neue Frau des Pflegevaters wollte mit dem Mädchen nichts zu schaffen haben, worauf es in eine Waisenanstalt gebracht wurde. Damit durchlief sie die Schule der Brutalität. Ein vergleichbares Schicksal erleidet Susanna aus dem Roman, der nicht nur auf eigenen Kindheitserfahrungen beruht, sondern auch an die Lebensgeschichte ihrer älteren Schwester angelehnt ist. Dafür findet Cécile Ines Loos eine klare, schnörkellose Sprache. Als Susanna zur Großmutter gerufen wird, erklärt ihr diese: „Weißt du, Susanna, dass ihr arm seid? Ihr seid ganz arme Kinder, und es gehört euch nichts in der Welt, und es ist ein Unrecht, über seinen Stand hinaus zu leben.“

Das gesamte Leben dieser Autorin stand unter dem Zeichen der Armut. Ihre schriftstellerischen Leistungen wurden katastrophal unterbezahlt. Für die sieben in der Schweiz gedruckten Bücher soll sie insgesamt 6000 Franken bekommen haben, was für den Zeitraum von 20 Jahren 300 Franken pro Jahr ausmacht. Sie nahm schlecht bezahlte Arbeiten an und war auf den Schriftstellerverband angewiesen, der mit kleineren Beträgen aushalf.

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