„Solneman der Unsichtbare“: Ganz schön grotesk und erstaunlich realistisch

1945 1960 1980 2000 2020

Anton Thuswaldner würdigt den von der Literaturwelt vergessenen Autor Alexander Moritz Frey als einen der kühnen Menschenkenner.

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Anton Thuswaldner würdigt den von der Literaturwelt vergessenen Autor Alexander Moritz Frey als einen der kühnen Menschenkenner.

Alexander Moritz Frey zählt zu ­jenen Autoren, die es in der ­Zwischenkriegszeit zu etwas gebracht hatten, fester Bestandteil des ­Literaturbetriebs waren, deren Wort ­etwas zählte und die nach dem Zweiten Weltkrieg im Nachkriegsdeutschland den Anschluss nicht mehr fanden. Als Emigranten – Frey flüchtete vor den Nazis 1933 zuerst nach Österreich, später in die Schweiz – waren sie überhaupt nicht gern gesehen. Frey, geboren 1881 in München, blieb bis zu seinem Tod 1957 in Armut und von der Literaturwelt vergessen in Zürich. In Literaturgeschichten kommt er nicht einmal als Fußnote vor. Das ist nicht mangelnder Qualität geschuldet, sondern der Ignoranz einer Nachwelt, die sich mit dem Gängigen und Bewährten abfindet.

Dabei tun wir uns selber nichts Gutes, wenn wir meinen, Alexander Moritz Frey vergessen zu können. Der Roman „Solneman der Unsichtbare“ erschien 1914. Im Ersten Weltkrieg wirkte Frey als Sanitäter an der Westfront und soll Hitler kennengelernt haben, den er verachtete. Die Erfahrungen im Krieg machten ihn zum Pazifisten. Viel gehalten vom gemeinen Massenmensch, den Freud damals so scharf analysiert hatte, hat er aber schon vorher nicht. Das legt die Lektüre des Romans nahe.

Ein Fremder kommt in die Stadt. Er nennt sich Hciebel Solneman, von hinten nach vorne gelesen: Namenlos lebe ich. Er verfügt über reichlich Geld, was ihn in die Lage versetzt, den Stadtpark zu kaufen unter der Bedingung, dass er für niemanden mehr zugänglich ist. Er schützt ihn mit einer Mauer vor den Blicken Neugieriger, was – schon wieder Freud – die Triebstruktur der Gesellschaft sichtbar macht. Neugier, Wut, Gier treten zum Vorschein, und der Fremde treibt sein Eulenspiegel-Spiel mit den Ausgeschlossenen.

Als Erzählform eignet sich die Groteske besonders, weil sie den Aberwitz auf die Spitze treibt und die ­Spießbürger gnadenlos entlarvt werden. ­Außerdem besitzt sie die Kraft, über reale ­Zustände so übertrieben und heiter zu befinden, dass man auch unangenehme Wahrheiten leichter schluckt. Dabei steht der strenge, ja unerbittliche Ton im Gegensatz zum satirischen Charakter des ­Textes. Damit war Frey ein Singulär in der damaligen deutschsprachigen Literatur, die sich auf einen realistischen Abbildcharakter eingeschworen hatte.

Den Roman entschärft man, wenn man ihn der fantastischen Literatur zuschlägt, geradeso, als würde ein Autor seinen überbordenden skurrilen Einfällen huldigen. Das Buch ist nicht he­rauszulösen aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der das Obrigkeitsdenken eine bedeutsame Rolle spielt und das Kollektiv seinen gefährlichen Charakter enthüllt. Höchste Zeit, Alexander Moritz Frey zu würdigen als einen der kühnen Menschenkenner.

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