"Wir genießen, als genössen wir"

Hans Christian Kosler las das neueste Sommerbuch von Martin Walser, "Angstblüte". Den Gesellschaftskritiker fand er auch in Walsers Tagebüchern 1951-1962.

Das gelang bisher nur Simmel: Uns Jahr für Jahr pünktlich zu Ferienbeginn mit dem Romanstoff zu beliefern, aus dem die Träume sind. Immerhin: Walser schafft annähernd den Zweijahres-Turnus. Nun also, nach "Der Lebenslauf der Liebe" und "Der Augenblick der Liebe" abermals ein Sommerbuch: Unterhaltsam, grell, aufreizend und - wenn Walser allzu weit ausschweift - ärgerlich wie ein Sonnenbrand. Und in die Welt der, wenn auch nicht immer Schönen, so doch Reichen entführt uns der in bester Schreiblaune Befindliche auch noch. Sein Held, Karl von Kahn, Generation 70 plus, Pomeroltrinker und Tennisspieler, ist Anlageberater in München. Und zwar einer der Feinsten: In seiner Kunden-Post mit einem Zitat der Woche vermeidet er die Kunststoffwörter der Branche und empfiehlt die Vermehrung des Geldes lieber mit dem Matthäus-Evangelium. Der Markt als Naturgeschehen - seine Kunden mögen das und honorieren es ihm mit ewiger Treue. Frau Varnbühler-Bülow-Wachtel, dreifache Witwe, und Leonie von Beulwitzen, dreifach geschieden, haben ihm so zum Überleben verholfen.

Die Reichen und die Promis

Weil sich Erfolg und Erfolg gern gesellen, werden die Reichen flankiert von schillernden Medien-Promis: Gundi, die perfekte Psycho-Talkerin, schön, gescheit und Frau des Harlachinger Antiquitätenhändlers Diego, dem "Herrn der schönen Dinge aller Jahrhunderte"; Amadeus Stengl, der Gundi an Medienpräsenz in nichts nachsteht, und der windige Filmregisseur Theodor Strabanzer. Namen wie bei Nestroy, und so bodenlos und aberwitzig wie in einer Nestroy'schen Posse geht's denn auch zu. Von der ersten Seite an merkt man, dass Walser, der nie ein Satiriker sein will, mit viel Lust am Untergang eine Gesellschaftssatire geschrieben hat. Eine Satire allerdings, der die richtende und strafende Instanz fehlt. Walser geht es wieder einmal wie seinem Helden:

"Karl war alles andere als unverblümt. Er war verblümt. Verblümt bis ins Innerste und Äußerste.Aber er wollte sich nichts mehr vorwerfen. Weder das, was er tat, noch das, was er nicht tat. Er wollte endlich sein, wie er war, und nicht, wie er sein sollte. Im Alter nimmt Verschiedenes ab. Auch die Kraft, moralisch zu sein."

Vitalitäts-Virtuosen

Wenn sich die lebenshemmende Moral nur so leicht abschütteln ließe! Unter all den Vitalitäts-Virtuosen, die nichts so perfekt beherrschen wie die Selbstinszenierung, die aus ihrer Leidens-mühelos eine Erfolgsgeschichte machen können, kommt sich Karl von Kahn eher wie ein Amateur vor. Ein Geschehenlasser unter Machern, eine Nebenfigur unter Hauptdarstellern. Bis Joni Jetter die Bühne betritt, bestes Pferd im Stall des Filmproduzenten Strabanzer, der von Kahn 2 Millionen für sein Filmprojekt haben will. Joni wird sich dafür von ihrer offenherzigsten Seite zeigen. Ein echt Walser'sches Prachtweib: Sinnlich, frech und gescheit - kurzum, ein Naturereignis. Als ein Naturereignis empfindet Karl auch, was mit ihm und Joni geschieht. Ganz im Gegensatz zu dem Naturereignis, nach dem Walser seinen Roman benannt hat: der "Angstblüte", der Blüte eines Baumes vor seinem Absterben. "Je bedrohlicher der Horizont sich näherte, um so heftiger blühte die Illusion, unbesiegbar zu sein. Und von dieser Illusion konnte man zehren. Von ihr lebte man. Sie ist die Kraftquelle schlechthin. Außer ihr ist nichts."

Angst vor der Niederlage

Mehr oder minder gilt das für die gesamte Altherrenrunde, die Walsers Roman bevölkert: Aus Angst vor der Niederlage, dem Ruin, dem Ende treiben sie noch einmal wunderliche Blüten. Im Falle Karls ist es die Angst vor dem Alter, die ihn in die leidenschaftliche Beziehung mit Joni stürzen lässt. Wer Walsers letzten Roman gelesen hat, ahnt, wie sie enden wird. Es gebe, heißt es da, keine Stelle, wo Jugend in Alter übergehe, "es gibt nur den Sturz".

Abermals ist dieser Sturz tief, erspart Walser seinem Helden keine Peinlichkeit: Seine Frau, pikanterweise Ehe-Therapeutin, verlässt das Haus. Karl, längst wieder solo, kommt sich als der "Schrat aller Schrate", als der "Idiot der Saison" vor. Er muss feststellen, dass seine Romanze mit Joni nun auch noch als Drehbuchvorlage für das von ihm finanzierte Projekt dienen soll. Gemäß der Maxime des Regisseurs: immer am Leben entlang.

Hart am Leben entlang schrammt auch dieser Roman, ein Buch über das Altern, über die Liebe und das Geld, in dem sich Dirty talk und zarteste Andeutung die Klinke geben. Längst ist aus dem Proust vom Bodensee ein großer Realist geworden, der einen unerschöpflichen Vorrat an Lebensläufen anbietet. Wer wissen möchte, wie hierzulande gesprochen und was verschwiegen wird, der wird an diesem viel radikaler gewordenen Epiker nicht vorbeikommen. Mit "Angstblüte" legt er ein grandioses Endzeit-Gemälde der Überfluss-Gesellschaft vor. Inbegriffen jener unnachahmliche Sound seiner Sprache, in dem Ironie und Intellekt, Sympathie und Gefühl gleichermaßen Platz haben.

Schreiben als Lebensart

Die Tagebücher aus den Jahren 1951-62 zeigen Walser als einen Menschen, für den Schreiben zur Lebensart geworden ist, der Leben in Schreiben, Tatsachen in Fiktion verwandelt. Ein spielerisches, im wahrsten Sinne schwebendes Verfahren, das seine Risiken in sich birgt: "Ich bin noch immer so weit vom Richtigen. Es ist überhaupt noch nicht sichtbar. Ich lüge, ja ... Die Wirklichkeit ist fatal. Ich greife sie nicht. Nur die Stiche auf der linken Seite, Herzkranzgefäße, die sind wirklich ... Und die schweren Arme. Sie schmerzen, wenn sie aufliegen, so schwer sind sie. Was schmerzt, das ist wirklich. Alles andere Tasterei. Häuser aus Vogelfedern ohne Draht und Steine, in einer windigen Welt."

Bloße Fakten

Und da in einem solch zarten Alter noch verhältnismäßig wenig weh tut - Walser ist gerade einmal 25, als er "Früher war ich gläubiger" notierte und sich schrecklich alt vorkommt - wird die Realität des Menschen Walser auf diesen 660 Seiten relativ selten greifbar. Es sei denn, er liegt im Krankenhaus, weil er unter Gallensteinen leidet. Vom Bettnachbarn, der Magenkrebs hat und von den Annäherungsversuchen der Schwester Monika ist dann plötzlich die Rede. Ansonsten klammert Walser das Private - zumindest in dieser gedruckten Version - fein säuberlich aus. Lebensgeschichtlich Bedeutsames, die Geburt der Tochter Johanna, der Preis der Gruppe 47, der Walsers Durchbruch zum Schriftsteller bedeutete, die legendäre Gründung der "edition suhrkamp" in Wasserburg wird auf die Ebene bloßer Fakten reduziert. "St. Moritz, Hotel Caspar Badrutt, mit Siegfried Unseld. Ski und Schach," heißt es ganz lapidar. Was zu derlei Anlässen wohl alles beredet wurde? Wenigstens die Menü-Abfolge wird in diesem Fall zitiert.

Der Gastwirtssohn aus der Provinz bewegt sich zu dieser Zeit bereits auf internationalem Parkett. Er besucht in Amerika die von Henry Kissinger geleitete Summer-School und wird zu Weltreisen eingeladen. Ganz nebenbei übt er sich auch noch als stellvertretender Fernsehdirektor. Wie er sich selbst als Autor einordnet, gibt ein typisches Stück ewig währender Walserscher Selbstzerknirschung ab:

"Ich bin nichts als ein landschaftlich gebundener Impressionist mit ein paar panischen Empfindungen, die mich, weil ich ihnen nicht nachhören, sie nicht ausdrücken kann, schließlich zum Ersatz-Moralisten machen."

Party-Beobachtungen

Also doch nur ein "Proust vom Bodensee", wie ihn Hans Magnus Enzensberger nannte? Sicherlich nicht auf der Mainau, sondern als Gast damals so genannter Cocktail-Parties macht er seine wichtigsten Beobachtungen. Flirts, Ehen, Verhalten von Mann und Frau, von Chef und Angestellten, all das fließt in seine vor Erotik nur so knisternden Romanentwürfe ein, die in diesem Konvolut den breitesten Raum einnehmen. Sie weisen Walser als einen Gesellschaftskritiker aus, der die "Zeichen der Zeit", wie damals eine bekannte Hörfunksendung hieß, erkannt hatte. Mit Vergnügen und Abscheu zeichnet er das von Industriekapitänen gesteuerte Wirtschaftwunder nach, das schon längst in einer tiefsten Agonie lag. "Das Jahrhundert hat die Hochfläche erschwungen, läuft jetzt schnell eben glatt dahin. Gebrauchte Utopien sind zu haben. Neue gibt es nicht. Wir zehren. Wir genießen, als genössen wir. Angenehm fern branden Kolonialkriege. Täglich zweimal Deutschland ein Lippengebet. Bei Infektionen dreimal. Unser steiler Stammbaum: Wildbeuter, Viehzüchter, Pflanzer, Techniker, Zehrer."

Inhaltliche Brisanz und sprachlicher Schliff machen den Reiz dieser Tagebücher aus, die im engeren Sinne Notizbücher aus der Schriftsteller-Werkstatt sind. Wieder einmal lernt man Walser als einen hochsensiblen Seismographen der Gesellschaft kennen. Wieder einmal goutiert man ihn als ironischen Beobachter und als Aphoristiker. Oder als erklärten Feind der Kritiker. "Literarische Kritik mit Stempeln versehen," nölt er gleich zu Beginn. Mit dem wir in Bezug auf dieses Buch sogleich aufwarten können: Gut, amüsant, streckenweise fesselnd. Doch wer den Menschen Walser aus den Gründerjahren seiner Schriftsteller-Karriere kennen lernen will, sollte zu der Biographie von Jörg Magenau greifen.

Angstblüte

Roman von Martin Walser

Rowohlt Verlag, Reinbek 2006

477 Seiten, geb., e 23,60

Leben und Schreiben

Tagebücher 1951-1962

Von Martin Walser

Rowohlt Verlag, Reinbek 2005

660 Seiten, e 25,60

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau