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"Wir müssen uns mental entwickeln"

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Der Zukunftsforscher Matthias Horx über Angstpopulismus, den apokalyptischen spießer, Donald trump und die lösung der medialen krise durch Achtsamkeit. | Das Gespräch führte Oliver Tanzer

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Der Zukunftsforscher Matthias Horx über Angstpopulismus, den apokalyptischen spießer, Donald trump und die lösung der medialen krise durch Achtsamkeit. | Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Wieviel Optimismus tut der Gesellschaft gut und wie soll man Zuversicht in Zeiten der Angstmache pflegen? Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher und Journalisten Matthias Horx.

Die FURCHe: Der Optimismus ist eine oft misstrauisch beäugte Lebenseinstellung. Hat nicht die Skepsis und die Angst eine führende Rolle in der Gesellschaft und in der Politik bekommen und werden nicht die Optimisten als Weichzeichner verlacht?

Matthias Horx: Das ist nicht meine Sicht von Optimismus. Ich verstehe Optimismus als aktive und verantwortungsvolle Zuversicht. Es geht um Haltung, nicht einfach nur um ein Gefühl. Optimismus führt in falsche Entscheidungen, wenn er blind ist. Ein Beispiel dafür ist etwa die Bankenkrise, die letztlich ein Derivat des blinden Optimismus war. Menschen, die glücksbesoffen durchs Leben taumeln, fallen irgendwann in die Grube. Die Angst ist ein nützliches Instrument, um uns zu warnen. Pessimismus und Optimismus sind Einengungen des seelischen Zugangs zur Welt. Beides sind Verkürzungen von Wirklichkeit.

Die Furche: Aber ist es nicht gerade Angst, die die Gesellschaft derzeit prägt? Die möglichen Gefahren und Katastrophen brechen ja über die Menschen von früh bis spät via Medien herein. Man braucht sich nur aktuell umzusehen: Atomkrieg mit Nordkorea, Krieg in Syrien, Flüchtlingswellen, Terror, Diktatur in der Türkei.

Horx: Das ist ja unser Problem. In einer hypervernetzten und hypermedialisierten Welt können wir gar nicht mehr unterscheiden, was uns bedroht und was nicht, wo wir handeln können oder sollen oder nicht. Erzeugt wird ein ständiges Gefühl von Ohnmacht, und Ohnmacht setzt sich irgendwann um in Wut und Hass. Angst und Furcht sind heute zentrale Produktionsmittel geworden, das sehen wir ja am politischen Populismus. Der beutet ja nichts anderes aus als Ängste -und hat das immer schon getan. Diese Ängste waren in der Weimarer Republik die Ängste, auf denen Hitler seine Gewaltherrschaft gründen konnte. Heute gibt es Ängste die vermutlich weniger begründet sind, als damals, etwa vor Verelendung und Armut. Aber gerade mit solchen Ängsten wird wieder Politik gemacht. Umso wichtiger ist, es, ihnen zu widerstehen, sie nicht geschichtsmächtig werden zu lassen.

Die Furche: Ist das ein Problem des Zeitgeistes oder ein grundsätzlicheres Problem?

Horx: Das hat mit der evolutionären Furcht-Grundeinstellung des Menschen zu tun, aber auch mit zivilisatorischen Prozessen. Zivilisation ist nichts anderes als die Moderation von Angst im Sinne von möglichen Verbesserungen. Ich werde oft gefragt, was halten Sie denn für die größte Gefahr? Und dann sage ich: Die Aufgabe der Zukunft. Wir erleben Regressionsformen mit psychologischem Hintergrund, die sich in bösartigem Populismus ausdrücken oder im Phänomen Donald Trump.

Die Furche: Was ist das Ausschlaggebende dabei?

Horx: Wir sprechen da von "Awfulizing", einem Begriff, den der US-Psychologe Albert Ellis vor 25 Jahren geprägt hat. Das ist die semantische Verschlechterung der Welt im Kopf. Dieses Schlechtmachen der Welt hat einen ansteckenden Charakter. In Österreich gibt es ja diesen typischen "Grantler", ein eigentlich harmloser, klagender Mensch. Aber das kann sich steigern. "Awfulismus" erzeugt einen apokalyptischen Spießer-Typus. Menschen, die alles auf Untergang hin sehen, sich in Verschwörungs- und Untergangstheorien einspinnen und sich im Negativen sehr gut einrichten: Die Welt geht also in dieser Sichtweise gerade unter, aber sie fühlen sich sehr wohl, sie haben Deutungsmacht und sie fühlen sich letztlich für nichts verantwortlich. Im Grunde geht es beim "Awfulizing" um Beziehungslosigkeit zur Welt, zu Menschen, die irgendwann zu Zynismus und Menschenverachtung führt.

Die Furche: Wie hängt das mit Donald Trump zusammen?

Horx: Trump spricht genau diese Menschen an. Mit seinen apokalyptischen Behauptungen, ganz Amerika sei verderbt und gehe unter, und "die Eliten" seien schuld. Er ruft quasi den Notstand aus, und wenn es einen Notstand gibt, dann ist praktisch jedes Mittel erlaubt.

Die Furche: Aber gibt er nicht auch eine positive Vision durch sein "Make America great again"?

Horx: Ja, aber was ist diese Größe? Diese Vision speist sich aus Lösungsmustern der Vergangenheit, und auch die waren schon illusionär oder problematisch. Er sagt, es muss so werden wie es früher einmal war, und dieses "great" ist nicht neu definiert im Sinne einer Zukunftshoffnung, einer positiver Veränderung entlang den Anforderungen einer vernetzten Welt. Es geht um eine schlichte Machtbehauptung: Wir sind great, weil wir die Größten sind, wir wollen wieder machen, was wir wollen. Das ist infantil. In der Zukunftsforschung lernen wir dagegen, von der Zukunft aus in die Gegenwart hineinzuschauen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und genau das geht eben bei Trump verloren. Er hat keinen Zukunfts-Sinn, kein Gefühl für positiven Wandel.

Die Furche: Da ist Trumps Twitter-Präsidentschaft nur ein Teil eines großen Phänomens.

Horx: Vieles, aber nicht alles, hat mit den Medien zu tun. Das mediale System ist uns regelrecht um die Ohren geflogen. Wenn man sieht, wie viele tausend Kanäle um die Aufmerksamkeit im Gehirn konkurrieren, dann sehen sie eben den großen Unterschied zu früher. In der Erregungs-und Aufmerksamkeitsökonomie ist Angst das größte Geschäft.

Die Furche: Diese Erregungsökonomie geht dahin, dass Kommunikatoren immer mehr instinktive reflexartige Ängste erzeugen müssen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. In manchen Zeitungen beginnen sie gerade, die Journalistenleistungen mit Clicks zu messen, die die Geschichten im Netz erhalten. Wo ist denn in dieser Entwicklung ein Ende abzusehen?

Horx: Genau da liegt mein Pessimismus, wenn Sie so wollen. Es geht weniger um die Welt an sich, in der es viel Positives gibt, sondern um die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Ich glaube, dass dieses Mediensystem so nicht überleben kann. Das Clickbaiting ist das Ende der Wirklichkeit. Das ist nur noch das Abrufen von niedrigsten Instinkten im Gehirn. Aber es zeigt sich auch eine Gegen-Bewegung. Immer mehr Menschen schalten das ganze Getöse einfach ab und hören auf, am langen Arm der Erregungs-Medien zu zappeln. Sie konstruieren Wirklichkeit wieder mehr aus unmittelbaren Erfahrungen und Begegnungen.

Die Furche: Derzeit machen sie aber genau damit noch sehr hohe Umsätze.

Horx: Derzeit, aber es gibt - und das macht mich optimistisch - einen Gegenreflex. Es gibt Ansätze zu konstruktivem Journalismus und die Selbsterkenntnis bei Medien, dass sie die Hysterisierungstendenzen mitverschulden. Selbst beim Spiegel gibt es heute schon eine Rubrik, in der anhand einer Meldung gezeigt wird, warum die Vergangenheit nicht besser war als die Zukunft. Das ist ja vergleichsweise revolutionär für dieses sonst eher depressive Blatt und wir können sehen, dass heute bei den Meinungsmachern die Frage über Hysterie und Zuversicht angekommen ist. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend, darauf kann man sich verlassen.

Die Furche: Wenn nicht der blinde Optimismus, sondern die rationale Zuversicht eine Zukunft entwerfen würde, was würden wir dann sehen?

Horx: Es geht nicht so sehr um Rationalität und Planung, sondern um ein Art Zukunfts-Instinkt, mit dem wir einen Ausgleich schaffen können gegen die Übertreibungen der Zeit. Wie in allen Bereichen ergeben sich aus Krisen Möglichkeiten zur Evolution. Wir sehen heute eine gesellschaftliche und mediale Krise, weil unsere kognitiven Fähigkeiten nicht mit den Komplexitätsstrukturen mithalten können. Wir werden verrückt gemacht und brauchen eine mentale Weiterentwicklung. Aber das heißt auch, dass neue Kulturtechniken entstehen. Nicht umsonst ist eine der größten Wortkarrieren der letzten Jahre jene des Begriffs Achtsamkeit. Immer mehr Menschen lernen, zwischen dem Impuls und der Wirklichkeit zu unterscheiden und unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Wir lernen langsam, uns nicht selbst mit unseren Gefühlen und Erregungen zu verwechseln. Dazu gehört auch eine gewisse aufgeklärte Ignoranz. Wir müssen uns nicht von jedem Hype, jeder Panik beeinflussen lassen, die durchs Dorf getrieben wird. Die große Schwester der Achtsamkeit ist die Gelassenheit. Eine Tugend zum Üben.

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