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Wo bleibt die Gerechtigkeit für Bosnien, Herr Handke?

1945 1960 1980 2000 2020

Der österreichische Bosniake Smail Balic, FüRCHE-Autor, beklagt, daß Peter Handke die Opfer nicht besucht hat.

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Der österreichische Bosniake Smail Balic, FüRCHE-Autor, beklagt, daß Peter Handke die Opfer nicht besucht hat.

Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien" enthält die Beschreibung von Reisevorbereitungen, Vorstellung von Reisegefährten, Streiflichter über eine politisch trächtige Filmvorführung des jugoslawischen Regisseurs Emir Kusturi-ca, Notizen zu Begegnungen mit den-Schriftstellern Milorad Pavic' und Dragan Velikic', Beobachtungen über Land und Leute und allerlei Überlegungen, die dem Verfasser für mitteilungswürdig erschienen. Daneben finden sich kritische Bemerkungen über Gerechtigkeitskämpfer wie Alain Finkielkraut, Andre Glucksmann, Josef Brodsky, Peter Schneider. Bemerkenswert wenig wird das Thema des Titels behandelt. Die Redaktion hat durch das Hervorheben der relevanten Passagen die notwendige Retusche vornehmen müssen. Immerhin sind es gerade diese wenigen Stellen, die Aufmerksamkeit auf den Artikel lenken, ja ihn in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen setzen. Er ist dadurch ebenso provokant, wie für die österreichische Literatur, deren prominenter Mitgestalter Peter Handke ist, wegen schnuderigen Umgangs mit der Wahrheit atypisch.

Dem Verfasser der „Gerechtigkeit für Serbien" geht es offenkundig nicht darum, die Reschuldigungen, die wegen der in Rosnien begangenen Unmenschlichkeiten erhoben werden, aufzuheben (das könnte er kaum!), sondern in Zweifel zu ziehen. In dubio pro reo (im Zweifelsfall für den Angeklagten). Er erzählt auch von serbischen Menschen, die der alten, guten Zeit des Zusammenlebens nachtrauern - ein Umstand, der erfreulich ist und Hoffnungen macht. Aber Peter Handke hat bei der Behandlung der serbischen Verantwortung für das Entstehen und die fast vierjährige Barbarei in Bosnien einen Kardinalfehler begangen: Er hat Bosnien, wo die Täter ihre Missetaten begangen haben, nicht besucht. Die dreiwöchige Reise, der er seine Erkenntnisse verdankt, ist auf Serbien begrenzt geblieben.

Eine Reihe weiterer Unterlassungen hat Handkes Fehlurteile begünstigt: Er geht davon aus, daß das Geschehen, wegen dem die Serben angeblich ungerecht behandelt werden, ein Produkt der Gegenwartsgeschichte alleine ist. Dem ist aber nicht so. Bosnische Historiker haben herausgefunden, daß es das zehnte Mal seit 1683 ist, daß die Serben versuchen, das Bosniakenvolk auszulöschen. Das ist jenes Volk, dem sie bereits anderthalb Jahrhunderte die Identität absprechen, es - je nach Umständen - Serben islamischen Glaubens oder Türken nennend. Dieser Verneinungsmethode ist, bewußt oder unbewußt, auch Peter Handke gefolgt. Für ihn sind eine der „Kriegsparteien" in Bosnien eben die „serbisch-stämmigen Muslimanen".

Abgesehen davon, ob die Bosnia-ken eine Kriegspartei oder Opfer des Genozids sind (denn angefangen hat es auf bosnischer Seite ohne Armee und unbewaffnet!), liegt hier das ganze Problem von Bosnien: Zwei Nationalismen - der serbische und der kroatische - haben die historische Gelegenheit beim Schopf gepackt, um das Land untereinander zu zerpflücken. Die national bewußt gewordenen Bosniaken (Bosnier im nationalen Sinn) wehren sich dagegen.

Das Töten in Bosnien haben die nationalistischen Serben mit elf Morden initiiert. Sie verstehen es nach den Worten eines ihrer Ideologen, Milorad Ekmecic (Ethnos-Nation Nr. 3) als Fortsetzung des nationalen Befreiungskrieges. Vorbereitungen dazu liefen lange vor dem ersten Schuß. An ihnen haben sich viele Intellektuelle beteiligt: Literaten, Wissenschaftler, Künstler, Kirchenleute. Die Methoden, wie dieser Krieg geführt wird, sind archaisch-biblisch. Sie beruhen auf der Kampftradition der Hai-ducken. Georg Rosen, ein deutscher Balkano-loge und Orientalist, hat sie vor fast 120 Jahren beschrieben: „Mit schnöder Verleugnung jeder Humanität, den engherzigsten nationalen Standpunkt zum alleinigen Maßstabe für den Wert oder Unwert seiner Handlungen" nehmend, wird der Bal-kan-Heiducke „mit einer gewissen Naivität, wie der Metzger das Vieh tötet, seinen andersgläubigen, aber einer anderen Nationalität angehörigen Mitbürger, von dem er nie eine Beleidigung erfahren hat, abschlachten, ohne darum im mindesten den Anspruch auf die religiöse Gerechtigkeit aufzugeben".

Rund zwei Millionen Menschen sind von Heim und Scholle vertrieben - eine Folge der sogenannten „ethnischen Säuberung". Eine Hälfte davon im gastfreundlichen oder weniger gastfreundlichen Ausland! In äußerster Mißachtung der Menschenwürde wurden die Grundrechte der andersgläubigen Bürger verletzt. Folter, die man sich kaum vorstellen kann, wurde angewandt: Augen ausstechen, Zunge herausreißen, an serbischen Kreuzen anbringen, bis zum Tode Blut abnehmen, Genitalien abbeißen lassen, Frauen vergewaltigen, Knaben kastrieren, erschießen, umbringen. Durch Heckenschützen wurden Zehntausende Menschen zu Invaliden gemacht oder getötet. Zirka 250.000 Opfer hat Bosnien zu beklagen. In der kurzen Zeitspanne von fünf Monaten - beginnend im April und endend im August 1992 - haben die serbischen Angreifer in verbrecherischem Wahn mehr Menschenleben ausgelöscht und an Kulturgütern mehr vernichtet, als die vielfach zu Barbaren abgestempelten Osmanen während ihrer nahezu 500jährigen Anwesenheit auf dem Balkan.

Ob das Wahn, totale Entmenschlichung oder Paranoia als System von Wahnvorstellungen ist, bleibe dahingestellt. Tatsache ist, daß hinter diesem, an keinerlei Gesetz gebundenen, zügellosen Verhalten Vorstellungen und Ideen stecken, die keinem normalen Menschen eigen sind. Der Tatbestand von Vernichtungen ist unter anderen von glaubwürdigen und ehrenwerten Männern wie Roy Gut-man, Tadeusz Mazowiecki, Rupert Neudeck und Philipp von Recklinghausen als Augenzeugen bestätigt worden. Die internationalen Behörden verfügen über eine umfangreiche Dokumentation.

Dennoch hat es Peter Handke gewagt, das Handgreifliche anzuzweifeln. Warum tut er das? Sicherlich vor allem wegen mangelnder Vertrautheit mit der Situation. Aber erst der Durchbruch der Informationsblockade, der dieser Tage mit dem Aufkommen der ersten prüfenden Auslandsbeobachter in Srebrenica begonnen hat, zeigt das wahre Ausmaß der begangenen Greuel. Bosnische „Ka-tyns" werden langsam geöffnet.

Peter Handke weint den Serben von Sarajevo nach, weil sie ihre Heimstätten verlassen. Aber die Serben werden von dort nicht vertrieben. Grund zum Flüchten haben nur diejenigen, die ihre Hände blutig gemacht haben. Sie gehen aus einer Stadt, die ohnehin eine bosniakische Gründung ist. Auch ihr Abgang ist von Zerstörungen und Brandschatzungen begleitet. Und was ist der Verlust dieser besetzt gehaltenen „türkischen Mahalas" (Stadtsprengel) im Vergleich mit den dem Bosniakenvolk entrissenen Städten wie Visegrad, Vlasenica, Srebrenica, Banja Luka, Foca und Prijedor, in denen die Muslime die deutliche Mehrheit der Bevölkerung gebildet haben? Halb Ostbosnien, das sie jetzt für ihre Republik beanspruchen, ist rein bos-niakisch gewesen.

Für diejenigen, die fast täglich drei Jahre lang auf Sarajevo geschossen haben, ist wohl dieser Ort keine richtige Bleibe. Es gibt kaum Zweifel daran, daß die Schießwut von ihnen kam. Peter Handke hat die Unterstellung eines anderen Peters - des Peter Brock - aufgenommen, daß die bosnischen Truppen so moralisch verkommen sein sollen, ,daß sie den berüchtigten Markthallen-Mord an der um Brot angestellten Menge vom 27. April 1992 begangen haben. Wer waren überhaupt die bosnischen Truppen in Sarajevo? Das waren Leute aus der Stadt, die ihr Hab und Gut verteidigten, denn Sarajevo war praktisch ein Gefängnis oder KZ-Lager. Daß diese Menschen auf ihre Verwandten (Väter, Mütter, Schwestern und Brüder) Bomben werfen, ist absolut undenkbar. Die Lüge vom „inszenierten Massaker" stammt vom serbischen Generalstabschef ?ivota Panic und ist vom Schweizer Journalisten Johannes

Vollmer gründlich demystifiziert worden („Daß wir in Bosnien zur Welt gehören", Solothurn/Düssel-dorf 1995).

Wo die Gerechten wohnen, läßt sich am besten am gegenwärtigen Zustand der bosnischen Städte ablesen: Überall dort, wo die legale bosnische Regierung ihre Macht weiter behaupten konnte, stehen nach wie vor Kirchen, Moscheen und Synagogen unangetastet nebeneinander. Wo aber die Serben oder die extremen Kroaten die Macht an sich reißen konnten, sind alle sakralen und kulturellen Bauten der Muslime, die meisten katholischen Kirchen und -im kroatischen Parastaat Herceg-Bos-na - alle derartigen Gebäude der Serben dem Erdboden gleichgemacht. Die Serben haben sich nicht entgehen lassen, in Sarajevo die beiden Anstalten, in denen die Geschichte Bosniens aufbewahrt war, zu vernichten: das Orientalische Institut mit seiner reichen Dokumentensammlung und die _ Universitäts- und Nationalbibliothek mit dem gesamten Schrifttum der Nation. Systematisch war ihr Vorgehen gegen alle Bezugspunkte derirösnia-kischen Identität.

Der Aggression in Bosnien ging eine wohlvorbereitete Verteufelung des Opfers voraus. Mit Hilfe der Massenmedien, der Literatur, ja einer QuasiWissenschaft wurde ein Feindbild geschaffen, das einen nicht unberührt läßt. So wurde der Boden vorbereitet, um aus moralischer Entrüstung Böses anzuzetteln.

In Umkehrung der Wirklichkeit wurden den bosnischen Muslimen unter anderem der sogenannte ketmä n (die Verstellung - eine unter den schiitischen Sektierern vorkommende soziale Verhaltensweise), der gihäd im Sinne eines latent vorhandenen Bestrebens, die Welt mit Gewalt dem Islam zuzuführen, und das Hinwirken an der Errichtung einer „grünen Transversale" vorgeworfen. Unter diesem von serbischen Kriegstreibern erfundenen Begriff soll die geographische Brücke der Bepublik Bosnien über das Gebiet von Sandschak von Novi Pazar und Makedonien zur übrigen islamischen Welt verstanden werden.

Der Ablauf der Geschehnisse hat gezeigt, daß alle diese Vorwürfe gerade auf den Aggressor zutreffen: Nur wegen einer beispiellosen Verstellung des Aggressors konnte das bosniakische Volk bis zuletzt glauben, daß der Friede in Bosnien zu retten sei. Die nationalistischen Serben (Tschetniks) führen effektiv einen Kreuzzug gegen das Bosniakenvolk.

Seine Heimat ist bereits halb verwüstet und entvölkert. Die serbische Transversale wird durch die Ausrottung der Bosniaken in Ostbosnien und im Sandschak von Novi Pazar verwirklicht. Der Überfall hat sich ausgezahlt: Der Löwe hat seine Beute. Wird Bosniens Beispiel Schule machen?

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