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Wohin gehst du, Christ?

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Gedanken zu den Herausforderungen der Kirche in dieser Zeit.

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Gedanken zu den Herausforderungen der Kirche in dieser Zeit.

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Der Aschermittwoch mit seinem „Memento mori” hat das Ende des Faschings markiert und die Fastenzeit eingeleitet. Im christlichen Verständnis bedeutet die Fastenzeit Vorbereitung auf Ostern und damit Besinnung, Einkehr bei sich selbst, das heißt neu Antwort geben auf die großen Lebensfragen, die auch dir gestellt sind: Woher kommst du, wohin gehst du und welchen Sinn hat dein Leben?

Als Christ wirst du damit verwiesen auf deine Kirche und auf eine Erneuerung deines christlichen Glaubens. Papst Paul hat uns alle eingeladen, in einem Jahr des Glaubens ein tätiges Zeugnis für diesen Glauben zu geben, ohne den es nicht möglich ist, Gott zu gefallen. Unsere katholische Kirche will dafür Zeichen und Mahnung sein.

In dieser unserer Kirche aber erleben wir heute eine Zeit, die reich ist an Entscheidungen, Auseinandersetzungen, an aufregend Neuem. Sie ist reich an Zustimmung, aber auch an Widerspruch.

Es hat schon öfters solche entscheidungsreiche Zeiten in der Geschichte der Kirche gegeben. Bereits wenige Jahre nach dem Tode des Herrn begegnet uns in der jungen Kirche eine Zeit, die unserer heutigen Zeitsituation erstaunlich ähnlich ist. In der Christgemeinde von Korinth war es damals — das erfahren wir aus einem Paulusbrief an diese Gemeinde — zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Es gab damals eine Pauluspartei, eine Apollopartei, eine Petruspartei und eine Christuspartei (1. Kor. 1, 12). Die Pauluspartei war entstanden, weil Paulus die Kirche von Korinth gegründet hatte und eineinhalb Jahre in Korinth als Missionar tätig war. Nach seiner Weiterreise hatte sich die zweite Partei gebildet. Apollo, ein alexandrinischer Gelehrter von sprühendem Geist hatte die Griechen von Korinth begeistert und viele Anhänger gefunden. Die Griechen liebten ja das Denken, die Spekulation und die geistreichen Auffassungen. Die griechischen Christen hatten nun endlich für ihren Glauben eine bodenständige Form gefunden, nämlich den Glauben im Gewände der Philosophie.

Es ist begreiflich, daß sich die beiden christlichen Parteien gegenseitig verdächtigten und beschuldigten. Man appellierte daher offenbar an die „Zentrale” der damaligen Christenheit, an die Männer um Petrus. Offenbar galt dieser schon damals als Zentrum der Rechtgläubigkeit. Er war das „Rom” der damaligen Zeit. Durch dieses Eingreifen der Zentrale entstand die Petruspartei, die sich wohl an die Formulierungen der Zentrale halten wollte.

So gab es also drei Parteien in der Christengemeinde von Korinth, was von vielen als Ärgernis empfunden wurde. Wir begreifen es, daß sich daher manche von jeder Bindung an eine der drei Parteien lossagen wollten. Sie wollten von nichts mehr wissen, wollten sich ausschließlich an Christus unmittelbar binden. So war glücklich die vierte Partei entstanden: die Christuspartei. Ähnliche Situationen wie in Korinth in der christlichen Frühzeit hat es schon manchmal in der Kirche gegeben. Oftmals waren es die fruchtbarsten Zeiten kirchlichen Lebens. Denn solche Auseinandersetzungen führten dazu, daß man das unausschöpf- bare Gotteswort klarer und tiefer erkannte.

Die großen Auseinandersetzungen in der Kirche entstehen immer dann, wenn das Wort Gottes in einen neuen Kulturkreis Eintritt oder wenn ein neuer Zeitgeist wie eine Gewitterfront über die Länder und Kontinente hinwegzieht.

In unseren Jahrzehnten erlebt die Menschheit in überstürzender Weise ihren eigenen Wachstumsprozeß, ihre eigene Entwicklung oder „Evolution”. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten sind die Menschen von der Postkutsche in die Weltraumrakete umgestiegen. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten haben die Soldaten den Vorderlader mit der Atombombe vertauscht. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten hat sich die Weltbevölkerung explosionsartig auf das Dreifache vermehrt; innerhalb von wenigen Jahrzehnten sind die Großstädte der Welt wie das frische Grün im Frühjahr hervorgebrochen. Technik, Psychologie, Medizin, Kybernetik entwickeln sich so stürmisch wie gärender Wein.

Die Menschheit erlebt heute sprunghaft eine Veränderung ihrer selbst. Es ergeht der Menschheit insgesamt so wie einem jungen Menschen in den entscheidenden Jahren der körperlichen und geistigen Reifung. In diesen wenigen Jahren erlebt sich der junge Bursch und das junge Mädchen von Halbjahr zu Halbjahr als einen neuen Menschen. In ganz kurzen Zeitabständen kommt es zu ständigen neuen Auffassungen und Spannungen zwischen Autorität und Freiheit, Schuld und Verantwortung, Gemeinschaft und persönlicher Lebenserfüllung. In diesen Entwicklungsjahren kommt der junge Mensch oft kaum nach, die neuen Erkenntnisse auszuarbeiten und sich einzuverleiben. Er steht immer vor neuen Entscheidungen, muß ständig alles neue durchdenken und neu beurteilen.

So begreifen wir, daß auch die Kirche mitten in diesem stürmischen Entwicklungsprozeß der Menschheit heute in eine neue Phase getreten ist. Wir verstehen, vielleicht auch, daß es heute neben der Pauluspartei, die in den überlieferten Formen denkt, eine Apollopartei gibt, die das neue Denken der neuen Zeit in ihren Glauben einarbeiten will. Wir finden es begreiflich, daß von beiden Parteien, an die Zentrale, an Rom, appelliert wird, es solle eingreifen, Ordnung schaffen und zwischen beiden Parteien entscheiden. Mit einem Wort, wir begreifen, daß es heute stürmische Auseinandersetzungen geben muß, weil es aufregend Neues gibt. Wir begreifen, daß es Zustimmung und Widerspruch gibt.

Auch eine religiöse Gemeinschaft kann in Gefahr kommen, zu verkrusten, zu veräußerlichen, zu versteinern, und oberflächlich zu werden. Diese stürmischen Zeiten der Auseinandersetzung haben stets dazu beigetragen, die Krusten zu sprengen, das Versteinerte neu einzuschmelzen, um vom Oberflächlichen her wieder zu Wesentlichem vorzustoßen. Wir wollen auch von der Auseinandersetzung in unserer Zeit hoffen, daß sie diese Früchte des neuen Aufbruches zeitigen wird.

Ich zweifle nicht daran, daß die spannungsreichen Auseinandersetzungen seit dem Konzil auch bei uns bereits reiche Frucht getragen haben. Es ist uns heute wieder bewußt geworden, daß es in einem christlichen Leben nicht auf die äußere Erfüllung des Buchstaben und der Vorschrift ankommt, sondern auf die Gesinnung und das Ziel. Das gilt von der Bergpredigt genauso wie von den Zehn Geboten und den Kirchengeboten. In weiten Kreisen der Christenheit wird das Bewußtsein wach, daß christliches Leben nicht allein durch äußere Taten abgegolten werden kann, zum Beispiel durch Erfüllung des Sonntagsgebotes oder des Fastengebotes, sondern dazu gehört ein christliches Leben mit seinem beständigen Ringen um Glaube, Hoffnung und Liebe in der Hingabe an Gott und an die Mitmenschen. Es ist uns wieder mehr bewußt geworden, daß Bischöfe und Priester nicht die Herren ihrer Gemeinde, sondern ihre Diener sind, daß der getaufte Christ nicht einfach der Laie, sondern der Bruder ist, mit dem wir gemeinsam das Reich Gottes auf bauen. Die Kirche urteilt heute anders über weltliche Machtpositionen und weltliche Herrschaft. Sie weiß auch, daß sie der Welt manches schuldig geblieben ist. Sie weiß auch, daß sie ihre Liebe in der Welt bewähren muß.

Der innere Aufbruch zeigt sich in einem gesteigerten Interesse an all diesen Fragen und auch im religiösen Gespräch. Die Christen haben sogar wieder miteinander zu leben begonnen. In wenigen Wochen werden wir zum erstenmal mit den getrennten Brüdern aus dem evangelischen Bereich das Vaterunser im gleichen Wortlaut miteinander beten.

Es ist schließlich kein Wunder, daß dieser große geistige Aufbruch auch Schwierigkeiten mit sich bringt und daß gelegentlich Gefahren sichtbar werden, die imstande sein könnten, die guten Früchte der Emeuerungsbewegung zu gefährden. Wir wollen nicht davon sprechen, daß große geistige Auseinandersetzungen in gegenseitige Verdächtigungen, Streitereien ausarten können, so daß dadurch die notwendige Einheit in Gefahr gerät. — Es klingt aber auch nicht gut, wenn man viel von Brüderlichkeit redet, aber in den eigenen Reihen sie nicht übt.

Wir wollen uns nicht gleich durch eine Verschiedenheit der Meinungen im eigenen Haus beunruhigen lassen, immer vorausgesetzt, daß dadurch der christliche Glaube und die notwendige Einheit nicht in Gefahr gerät. Aufgabe des Bischofs ist es aber, mögliche Gefahren nicht zu unterschätzen, sich die Sorge des Apostel Paulus gegenüber der frühchristlichen Gemeinde von Korinth zu eigen zu machen: „Bei dem Namen unseres Herrn Jesus Christus mahne ich euch Brüder, seid alle einig, laßt keine Spaltungen unter euch aufkommen” (1. Kor. 1, 10). — Dieser unser Zeuge aus der allerersten christlichen Zeit hat dazu bereits darauf hingewiesen, daß in den christlichen Gemeinden menschliche Weisheit nicht über Gottes Weisheit gestellt werden dürfe. Denn bloß menschliche Überlegungen, Spekulationen sind nicht imstande, Gott so zu erkennen, wie Er von uns erkannt werden will. Das meinte Paulus, wenn er sagte: „Die Welt hat mit ihrer irdischen Weisheit Gott nicht erkannt in Seiner göttlichen Weisheit… der natürliche Mensch erfaßt nicht, was vom Geiste Gottes kommt. Ihm erscheint es töricht und er kann es nicht begreifen (1. Kor. 1, 20; 2, 14).” Wer sich gläubig für diesen Geist Gottes öffnet, dem wird Gottes verborgene Weisheit zuteil, und nur er wird Gottes Wort wirklich begreifen können.

Die Theologie hat heute die große und schwierige Aufgabe, im Wandel der Zeit das unverständliche und immer gültige Gotteswort verständlich zu machen. Sie hat aber auch die schöne Aufgabe, in unserer sich wandelnden und spannungsreichen Zeit neue Zugänge und neue Erkenntnisse zum unveränderlichen Gotteswort zu erschließen. Es gibt allerdings auch theologische Versuche, menschliche Weisheit höher zu schätzen als Gottes Weisheit, wenn sie im Namen einer nicht richtig verstandenen Wissenschaftlichkeit, einem Gläubigen-sich-öffnen für den Geist Gottes, die Wege eher verschließen als ebnen.

In der ersten christlichen Generation mußte Paulus, wie seine Briefe uns zeigen, sich mit der Gefahr des Unglaubens auseinandersetzen. Es gab bereits damals verkehrte Auffassungen von der Auferstehung (vgl. 2 Tim. 2, 18). „Es kommt die Zeit”, so Paulus an seinen Schüler Timotheus (2 Tim. 4, 3), „da man die gesunde Lehre unerträglich findet und sich nach eigenem Sinn Lehrer über Lehrer sucht, um sich einen Ohrenschmaus zu verschaffen. Der Wahrheit verschließt man das Ohr, ergötzt sich an Fabeleien.” Wir dürfen uns also nicht wundern, daß auch wir in unserer Zeit mit Formen des Irrtums und auch des Unglaubens rechnen müssen.

Im letzten der sieben katholischen Briefe des Neuen Testamentes schreibt Judas, der Bruder des Apostel Jakobus, dies noch deutlicher für seine Zeit: „Es haben sich Leute eingeschlichen, die unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen… sie lästern alles, was sie nicht verstehen (Jud. 4 und 10).”

Und wiederum war es zur Zeit des Paulus, daß ein Abweichen von der Lehre der Kirche nicht selten mit menschlicher Zügellosigkeit verbunden war. Damals machte die Bibel diesen Menschen den Vorwurf: „Sie fröhnen doch nur ihren Lüsten … sie mißbrauchen die Gnade Gottes zu Ausschweifungen (Jud. 16 und 4).” In seinem Brief an seinen Schüler Timotheus charakterisiert Paulus diese Tendenzen mit dem kurzen Satz: „Sie werden die Lust mehr lieben als Gott (2. Tim. 3, 5).”

In diesem Neuaufbruch der Kirche, der viele hoffnungsvolle Ansätze zeigt, dürfen wir daher die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Früchten nicht außer Acht lassen. Es ist eine entscheidungsreiche und verantwortungsreiche Zeit. Paulus hat für seine Zeit wiederum die Wege zur echten Unterscheidung bereits gezeigt. Er sagte, daß wir jene geheimnisvolle Verbundenheit mit Gott brauchen, durch die wir mit dem Geist Gottes hellhörig werden. Erst unter dem Einfluß dieses Gottesgeistes werden wir zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Wir müssen also „Christi Sinn” besitzen (1. Ko. 2, 16).

Nur wer das Wort Gottes im eigentlichen Leben verwirklicht, wird es unterscheiden können vom unechten Gotteswort, von Irrlehrern. Deswegen sieht Paulus in der „Predigt vom Kreuz” (1. Kor. I, 18) den wesentlichen Weg, auf dem die vier Parteien von Korinth sich wieder einigen konnten durch ein persönliches Engagement dieser Art, wenn wir das Wort Gottes innerlich so verstehen, daß wir es auch in einem anderen Gewand wiedererkennen, bei dem Bemühen, uns mit den getrennten Brüdern zu verstehen.

Wir werden die Welt nur dann mit Christus erlösen können, wenn wir die Welt Gottes und die Welt der Menschen mündlich kennen. Die Welt Gottes müssen wir durch unsere innere Verbundenheit mit Gott kennenlernen, die Welt des Menschen müssen wir durch unsere echte Hingabe an die Menschen und ihre Welt erfahren.

Nur wenn wir in beiden Welten wirklich daheim sind, werden wir beide Welten als eine einzige Welt betrachten können. Nur wenn wir beide Welten kennen, wird eine Verbindung dieser beiden Welten im Sinne der Erlösung möglich werden.

Wir dürfen gewiß sein, daß all das, was die Kirche seit 2000 Jahren als Gottes Wort geglaubt hat, auch in Zukunft als Gottes Wort geglaubt werden wird.

Wir glauben an den Gott, den uns Christus als unseren Vater und als unseren Richter zeigt. Wir glauben auch daran, daß unsere menschliche Vernunft Gott auf verschiedenen Wegen zu erkennen und ihn zu bekennen vermag. Wir glauben an unseren Herrn Jesus Christus, der uns nicht nur das Wort Gottes verkündet, sondern selber Licht vom Lichte, wahrer Gott von wahrem Gott ist. Wir glauben an die Auferstehung des Herrn, der sich durch seine Auferstehung auch dem Leibe nach als Herr über Leben und Tod gezeigt hat. Wir ‘glauben an Seine bleibende Gegenwart im eucharistischen Brot. Wir glauben auch daran, daß wir seine jungfräuliche Mutter als wahre Gottesmutter und Mutter aller Christen verehren dürfen. Wir glauben auch an jenes unsichtbar Reich persönlicher Mächte und Gewalten, inmitten derer sich unser Kampf und unsere Entscheidung abspielt.

Wir glauben daran, daß Christus Seine Kirche auf dem Fundament des Petrus aufgebaut hat und daß Er ihm und seinen Nachfolgern, auch als Haupt des Bischofskollegiums, das oberste Lehr- und Hirtenamt in der Kirche übertragen hat. Wir glauben auch daran, daß die Bischöfe als Nachfolger der Apostel in besonderer Weise als Träger und Hüter des Gotteswortes bestellt worden sind. Sie sind Verwalter der Geheimnisse Gottes. Ihnen ist der Geist Gottes machtvoll gegeben, damit sie das Wort Gottes und die Kraft Gottes durch alle Zeiten hindurch tragen.

Wir glauben auch daran, daß die geweihten Priester an dieser Sendung der Bischöfe in besonderer Weise Anteil haben. Wir glauben auch daran, daß diese Kirche das heilbringende Leben Christi durch alle Zeiten hindurch in ihren Sakramenten in besonderer Weise verströmt und daß diese Sakramente jene Gnaden bewirken, die sie symbolisch andeuten.

In diesem gemeinsamen Glauben wollen wir in diesen Zeiten der Entscheidung einander stärken, und das wir einander ohne Gefährdung zum Helfer und Führer werden. Wir wollen uns freuen, daß Gott uns in eine so entscheidende Stelle der Weltgeschichte gestellt hat. Denn ohne Zweifel gibt uns Er, der heute Großes von uns erwartet, auch große Kraft, um all das zu verwirklichen, was heute von jedem einzelnen getan werden muß.

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