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Wort und Schweigen

Zu dem Buche: Die Welt des Schweigens. Von Max Picard. S.-E -Rentsch-Verlag, Erfenbach-

Zürich. 248 Seiten

Picard ist durch seine zeitkritischen Bücher weit über sein Schweizer Heimat hinaus bekannt geworden. Mit Recht. „Die Flucht vor Gott“, „Das Mensch engesicht“, „Die Grenzen der Physiognomik“ haben ihn als ernsten, bedachtsam wägenden Beschauer des Menschen der sogenannten Moderne erwiesen, als Kerfner seiner Suibstarazverluste, seiner Undichte, seines Verrates am Göttlichen und Humanen, seiner letzten Selbstpreisgabe. E ann kam noch „Hitler in uns selbst“, das vielbeachtete Notizbuch zum Problem der deutschen, ja der mondialen politischen und innermenschlichen Realität unseres Tages. Picards neuestes Werk behandelt mm ein sehr reizvolles Thema, interessant, anregend, genußreich zu lesen. Un d doch — es befriedigt nicht ganz. Allzu deutlich wird der Eindruck, daß hier ein guter Gedanke überdehne, überamt- strengt wurde: der Mensch und das Schweigen, das Ith und das Schweigen, die Dinge und das Schweigen, das Tier, der Bauer, die Geschichte, die Natiur — und immer „d a s Schweigen"! — 32 Kurzkapitel, Feuilletons über „das Schweigen"! „Das Schweigen“ erscheint hier als ein geradezu miminoses Phänomen, dessen vermutete Essenz und Existenz, halb angedeutet, fast zur Theologie und Philosophie eines seienden, wesenden Schweigens xu verlocken scheint (Seite 66: „Die schweigende Substanz fehlt heute...“), bald wieder recht unverbindlich-konventionell ls das prosaisch oder poetische Schweigen des Kindes, des Dichters X, des Greises Y hier und heute angesprochen wird! Trotz gewissen Andeutungen

— etwa eines dämonischen, bösen Schweigens — wird viel zu wenig distinguiert. Das Konkrete, Sachbezogene verschwimmt in blaßblauem Dunst

— und, wo es angezogen wird, ecken erstaunlich banale Bemerkungen an: so Seite 72 über den Gegensatz USA — UdSSR und den Krieg, Seite S3 f. über das Schweigen des spanischen Volkes. Wie wenig Fundiertes hat hier der Poet seinem zeitgenössischen Publikum zu sagen! — Sehr vermißt werden Ausführungen über „Schweigen und Liturgie" und zumal über jenes schuldhafte Schweigen — des Staatsbürgers, des Gebildeten, des Wissenschaftlers und Künstlers angesichts der Lüge der modernen Propagandamaschine. Fruchtbar wäre auch ein Anknüpfen an das von Klopstock anläßlich der Französischen Revolution zitierte „Schweigen Gottes“ gewesen, das nach Ansicht des Messiasdichters vielleicht allein noch heute uns — uns Lärmende des Idis — retten kann! — Schön und lesenswert die kritischen Abschnitte über Wort- geräusch und Radio. Schade, daß von diesen Ansatzpunkten aus kein weiterer Vorstoß in das Land des Konkreten und Klaren unternommen wurde. So verfließt die von Picard unterstellte „Welt des Schweigens“ in lichte Nebel, in Stimmungsmusik. Melodie ist aber noch nicht Substanz! — Fazit: eine Kürzung des Buches von 246 auf 50 Seiten würde ihm Linie, Charakter, Gehalt, jenes eigentümlich Bindende und Verbindliche mitteln, das, ein Signum des Notwendigen und Unab- dinglichen, den Zauber des Echten und Natürlichen erstellt.

In der Kelter Gottes. Von J. Meßner.

Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

In den Tagen des Leides und der Verbannung geschrieben (1943), bringt dieses Buch eine christliche Auseinandersetzung mit dem Leidensproblem. Die hohe Lebensauffassung und das tiefe Menschenverständnis des Autors versuchen in verschiedenen Variationen zu diesem Thema die letztlich gültigen Antworten auf die so oft gestellte Frage des „Warum" des Leides zu geben. Ob und wie weit die Antworten gelungen sind, ist keine rein literarische Frage, sondern hier hat der Leser zu entscheiden, indem er den Inhalt auf sich wirken läßt und die Fingerzeige und Hinweise, die ihm geboten werden, aufnimmt und seinen eigenen Weg geht. Wir sind überzeugt, daß der Autor nicht nur den Ton getroffen hat, sondern auch all das ausspridit,

was von einem lebendigen Christen und einem erfahrenen Priester zu diesem Problem gesagt werden kann. Dr. Leopold L e n t n e r

Der Tiroler Anteil des Erzbistums Salzburg. Kirchen- und kunstgeschichtlich von DDr. Matthias Mayer, Going (Tirol). Heft 10: Söllland (Söll-Scheffau-Ellmau), Großoktav, 272 S. mit 46 Bildern und 1 Karte, Selbstverlag.

Der Josephinismus vermochte in Tirol nicht jene Angleichung der kirchlichen Einteilung an die des Landes wie in anderen österreichischen Kronlän- dern durchzuführen. Insbesondere der von Hochfilzen und Kufstein bis zur Ziiler und nach Jen- bach reichende Teil Nordosttirols verblieb dem Erzbistum Salzburg. Während das alte Bistum Brixen und der deutsche Anteil Trients (Südtirol) schon vor Generationen in mehrbändigen Werken ihre diözesangeschichtliche Darstellung erfuhren, blieb der Salzburger Anteil an der Tiroler Kirchengeschichte zurück. Dieser Teil ist jedoch von entscheidender Bedeutung, auch für die Geistesgeschichte Tirols und Salzburgs. Diese große Lücke auszufüllen, hat der Pfarrer von Gering DDr. M. Mayer ein großangelegtes Werk begonnen, das in seinem Umfang und in seiner Vielseitigkeit selbst das Werk Ulmers über das General vikariat Vorarlberg übertrtfft. Bisher liegen drei Bände vor. Der erste Band (1936) behandelt Brixen-Kirehberg-Aschau, der zweite Westendorf-Hopfgarten (1940). Der vorliegende dritte beschränkt sich auf die kirchen- und kunst- gesdiichtliche Seite des Söllandes, dem eine Heimatgeschichte des gleichen Gebietes folgen soll. Der vorliegende Band geht auf die Fragen der Entstehung der Urpfarren und Kirchen und ihre Ausgestaltung auf Grund der archivalischen Bestände und der Sachbestände sorgfältig ein und schildert das religiöse Leben und Brauchtum, dem die Wiedertäufer, Lutheraner und Auswanderer zeitweilig schwer zusetzten. Mayers Werk reift somit zu einer gewaltigen Leistung auf dem Gebiete der kirchlichen Topographie heran, welche die rühmliche Tradition -Tirols in der Geschichtsschreibung und Heimatkunde in außerordentlichem Umfang und Ausmaß fortführt.

Wissenschaft und Weltbild. Vierteljahresschrift für alle Gebiete der Forschung. Verlag Herold, Wien. 2. Jahrgang, Heft 1.

Das neue Heft dieser Zeitschrift, die sich während ihres einjährigen Bestehens mit anerkennenswerter Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit um die „Wahrheitsfindung inmitten der Probleme unserer Zeit“ bemühte, enthält zunächst einen Aufsatz des bekannten Völkerkundlers Wilhelm Schmidt über „Das Menschenbild der Urkultur", der nicht nur Körper- gesoalt, Wirtschaft und Gesellschaftsformen des Urmenschen, sondern erneut auch die Unhaltbarkeit der Affenabstammungstheorie aufzeigt. Bruno Schimetscheks Artikel „Natur- recht und österreichisches Recht“ gibt eine kurz- gefaßte Geschichte der Naturrechtslehre und weist die Aufnahme der naturrech tlidien Grundgedanken in der österreichischen Gesetzgebung nach. Emerich Schaffrans Arbeit über die „Lebenskontinuität im Donauraum“ entwirft ein aufschlußreiches Bild der kulturgeographischen Lage Österreichs zur Zeit der Völkerwanderung, wie sie sich auf Grund der kunst- historischen Forschung ergibt. Margarete W n i n g e r untersucht am Problem der Mutationen die Frage: „Können Rassenmerkmale krank- haift sein?" Besonders zu begrüßen ist Viktor S u c h y s Untersuchung „Josef Nadler und die österreichische Literaturgeschichte". Die mit mehr Leidenschaftlichkeit ils Kenntnis geführte Diskussion über das „Problem Nadler“ wird damit endlich aus der Sphäre politischer Tagesmeinungen in die der sachlichen Kritik gehoben, wobei nicht verschwiegen werden durfte, wieviel gerade die österreichische Literaturgeschichte Nadler zu verdanken hat. Dr. Karl Rohm

Land vom Kahlenberg. Feuilletons von Rudolf Kalmar. Buchverlag „Neues Österreich“,

Wien.

Was wächst, macht keinen Lärm. Recht in der Stille ist auch das Feuilleton gewachsen. Ein wenig Lärm kam eirst hinterher mit den viel fältigen Deutungsversuchen, deren manche diese literarische Kunstform zur wienerischen Spezialität erklärten, obwohl ihr Name auf französische Herkunft hindeutet und nicht wenige ihrer besten Vertreter hierzulande, wie Speidel, Bahr, Salten, keine Wiener waren. Indessen hat es schon seine Richtigkeit, daß — nicht zuletzt mit ihrer Beihilfe — das Wiener Feuilleton seine unnachahmliche Eigenart gewann, gleichwie ja auch Rebensorten, die allenthalben gedeihen, nur auf unserem Boden und in unserer Luft den wienerischen Tropfen ergeben, doch dürfte beim Wein die Entwicklung dieser Eigenart so ziemlich abgeschlossen sein, während sie beim Feuilleton ihren lebendigen Fortgang nimmt. Dafür liefert uns die eben erschienene Sammlung von Feuilletons aus der Feder Rudolf Kalmars (justament neunundvierzig an der Zahl) einen tröstlichen Beweis. Das Beschauliche, Idyllische, im Behagen zarter Stimnjung Beharrende tritt weit in den Hintergrund. Was bei Schlögl, der häufiger ein Unsitten- als ein Sittenschilde- rer des Wienertums war, noch mehr oder minder gutmütiger Tadel blieb, verschärft sich bei Kalmar leicht zu bitterer Anklage, sein Spott führt eine gefährlichere Klinge, seine Satire packt mit grimmigeren Zähnen zu. Da alle diese Feuilletons in den letzten Jahren entstanden, auf deren Ereignisse der Liederrefrain wahrlich nidit zutrifft, der „Steffel“ habe lächelnd auif sie niedergeblickt, so bieten sich ihrem Verfasser Anlässe genug, die seinen Grimm zu hitziger Fehde gegen Urheber und Nutznießer so vielen Elends herausfordem, gegen Unrecht, taubes Gewissen und mißdeutetes Gesetz. So kommt es, daß wir seine Menschenliebe immer wieder in dem Bodensatz seines zornigen Mitleids aufspüren müssen, wenngleich sich in der Sammlung auch friedfertige Stücke von abgeklärter Anmut und echt wienerischer Liebenswürdigkeit finden, in denen „die leise Melodie des Herzens“ vernehmlich wird, wie etwa in „Lob der Tugend" oder „Arme und Otto“ oder in der „Geschichte mit Hapyp-End“. Hier wird der Feuilletonist zum Dichter, wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag. Kalmars Sprache ist wienerisch, klug, witzig und sauber geschliffen, er weiß Wort und Zitat trefflich zu nützen und spielt gar schöne Spiele mit ihnen. „Das Feuilleton ist die Unsterblichkeit eines Tages“. Das war die ganze Antwort Speidels auf die Festreden zur Feier seines siebzigsten Geburtstages. Wie die Folge heute noch lehrt, unterschätzte seine Bescheidenheit die Lebensdauer seiner eigenen Feuilletons sehr beträchtlich. Auch manches der Feuilletons von Kalmar gehörte zu den Ereignissen des Tages, an dem es in der Zeitung zu lesen stand, und hörte durchaus nicht mit diesem Tage auf, ein solches zu sein. Manchem beginnt seine gespenstische Ak tiuli tat im Morgenlicht einer neuen Zeit zu verblassen. Indem sich Kalmar immer wieder zu der schönen Zuversicht bekennt, die Wunden in der. Herzen der Wiener würden in naher Zukunft ebenso vernarben wie jene im Bilde ihrer Stadt, so scheint er mit der Vorstellung vertraut zu sein, daß nicht mehr alles, was er schrieb, den Wienern verständlich sein wird, die dann vom Kahlenberg sich rings das Land beseh'n.

Die Welt der Tiere. Eine allgemeine Tierkunde. Von Dr. R. Schönmann. Mit 367 Textabbildungen und 14 farbigen Tafeln, 654 Seiten. Universum-Verlag, Wien 1949.

Die wissenschaftlichen Fortschritte verlangen zeitgemäße neue Darstellungen. In diesem Sinne muß die „Welt der Tiere“ gewertet werden als ebenso den Forderungen des Fachmannes ent- sprediend wie durch die klare Sprache jedem Gebildeten angepaßt. Die großen Abschnitte des ganz ausgezeichnet mit durchaus neuen Abbildungen ausgestatteten Werkes behandeln in voller Objektivität den Begriff des Lebens überhaupt, die Grundfragen des tierischen Lebens, die Stellung des Tieres im Naturganzen, die geographische Verbreitung der Tiere, ihre Stammesgeschichte und Einteilung. Wenn auch keiner der Stämme etwa vernachlässigt wird, so gilt doch den Wirbeltieren das Hauptinteresse- Man darf sagen, daß daraus kein irgendwie wichtiges Tier unerwähnt oder unbesprochen geblieben ist. Die ausgezeichneten Farbentafeln wecken den Wunsch nach mehr. Das Werk darf als die gegenwärtige Summe unseres Wissens vom Tier vollauf anerkannt und empfohlen werden, wozu die friedensmäßige Ausstattung das ihre beiträgt. Drei sehr gute Register erhöhen den Wert des Buches.

Dorf in Kärnten. Von Grete Pichler- Corona. Verlag Leon sen., Klagenfurt.

Di Autorin präsentiert hier ihr erstes Buch, Gedichte, die ihren Ursprung in der Tiefe des Erlebens haben. Die Dichterin nennt die Dinge beim Namen. Diese Nähe läßt ihr auch den inneren Glanz des Lebens in der Gesamtheit „Dorf“ als Geschenk Gottes. Dieser Dichtung ist Zematto manchmal Pate gestanden. Und dos sagen zu dürfen, ist viel für die junge Autorin. Das Buch ist schön gedruckt und mit Lobisser. Holzschnitten bereichert. Hans Leb

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