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Yogis, Gurus, Sterngucker, Kartenleger ...

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Die einen sprechen von „Bastelreligionen", die anderen von einer neuen religiosen Suchbewegung. Gemeinsam ist den vielfaltigen Bestrebungen, das spirituelle Vakuum zu fallen, die Suche nach einer anderen Lebensqualitat.

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Die einen sprechen von „Bastelreligionen", die anderen von einer neuen religiosen Suchbewegung. Gemeinsam ist den vielfaltigen Bestrebungen, das spirituelle Vakuum zu fallen, die Suche nach einer anderen Lebensqualitat.

Meine Tante Irmi hatte ein gut-gehendes Geschaft, ein zwei-. sitziges Auto mit aufklappba-ren Scheinwerfern und machte im-mer den Eindruck, als triige sie nie zweimal dasselbe. Sie las in der Bibel, aber auch Bucher wie „Wege zum Gliick" oder „Eine Vision des Wasser-mannzeitalters"(1). Im dichtesten Ge-wiihl fand sie Parkplatze durch Son-dieren mit geschlossenem Daumen und Mittelfinger, berichtete manch-mal aus friiheren Leben und von neu-esten Erkenntnissen beim Astro-Psy-chologen. Durch ihn erfuhr sie auch ihre Kraft des Heilens, verkaufte Laden und Wagen und schickt heute ab und zu eine Ansichtskarte aus einem Land irgendwo im Siiden. Esoterik oder gar New Age, hatte sie einmal ge-sagt, ware gewiB nicht das ihre.

Unlangst fand ich meine Tante Irmi wissenschaftlich beschrieben: „Insgesamt," schreibt die Theologin Maria WidF>, „wird jede Etikettie-rung als Einengung empfunden. Von den geglaubten Inhalten erzahlen die Leute zwar mit Begeisterung; ein Be-kenntnis zu einer wohldefinierten Bichtung, einer institutionalisierten Lehrmeinung geben sie ungern ab." Dennoch, so folgert Widl, lieBen sich ahnliche Lebensprofile jener Men-schen erkennen, die sich auBerhalb der Kirchen auf die Sinnsuche ge-macht haben. Aus der Vielfalt der Charaktere greift sie einige heraus. „Die Lebensdeuterin" etwa, die mit Hilfe der Sterne Entscheidungen trifft, im Lauf der Suche auch esoteri-sches Gedankengut aufnimmt und einschlagige Ver-anstaltungen be-sucht.DieSuchen-de, die Philoso-phin, der Griine, die Personlichkeit und der Fanatiker gehoren ihnen an,

den „neuen religiosen Kulturfor-men", die so vielfaltig sind, daB die Katholische Kirche zur Neuevangeli-sierung Europas ausrufen muBte. Auch die „Erleuchtete", die bereits iiber die „banalen Probleme der Welt mit der heiteren Gelassenheit der Er-lbsten hinwegsieht", beschreibt Widl als Typus der „neuen Sinnsuchen-den", den Distanzierten oder den Aus-wahlglaubigen, „der sich fur recht-glaubig halt, aber so manches Neue brauchen kann, um sein Leben so zu gestalten, wie es ihm einleuchtend ist".

In der europaischen Wertestudie(5) belegt der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, daB die Menschen in Euro-pa zwar religios, aber nicht so beson-ders kirchlich sind: 57 Prozent der Be-fragten bekannten sich als religios, nur fiinf Prozent als atheistisch. „ Aber schon in vormodernen Zeiten," meint Zulehner zur FURCHE, „war das, was der einzelne lebte und glaubte nie deckungsgleich mit dem Glauben der Kirche". Extrem formuliert gabe es im Grunde soviele Beligionen, wie es Menschen gibt.

Die sogenannte „neue Beligio-sitat" wurde in der Bundesrepublik Deutschland schon 1986 konstatiert. Eine representative Studie, die in Zu-sammenhang mit Sekten- und Ju-gendreligionen durchgefiihrt wurde, beschrieb den vielfaltigen „Psycho-und Wohlbefindungsmarkt"''0. Auch

ein Blick in den Kleinanzeigenteil der Wiener Stadtzeitung „Falter" laBt die Beichhaltigkeit des Angebots erah-nen. Von sakraler Korperarbeit, inte-grativen Somatics und Traumthera-pie, Buckfiihrungen, Kartenlegen oder Farbberatungen ist da die Bede. Die Meisterin Maa Hui-Wen aus China bietet Qui Gong-Ubungen, um 140 Schilling kann man Energie-Tanzen, „sich finden und zeigen", oder ko-stenlos mit anderen, die auch Stim-men horen, iiber ein Infotelephon Er-fahrungen austauschen. In sieben Ta-gen verbindet sich, um rund 13.000 Schilling, im Kristalltempel das eige-ne Sexzentrum mit den kosmischen Energiezentren. Der Verein zur For-derung des Menschen in seiner Ganz-heit bietet an einem „Ort mit beson-

derer Ausstrahlung" - gleich neben der Wiener Buprechtskirche - Tantra Training und Kundalini Yoga. Tantra, so besagt das Prospekt, ist weltof-fen und vereint vieles in sich: Medi-zin, Astrologie und Astronomie, spirituelle Psychologie, Sexualitat und Spiritualitat, Alchemie, Yantra und Mantra, Musik, et cetera. Ostliche, alte Uberlieferungen und Erkenntis-se der humanistischen Psychologie sollen den Menschen zur ganzheitli-chen Entfaltung bringen.

„Von der Ganzheit", meinte der Psychotherapeut und Arzt Biidiger Dahlke, selbst bekannter Vertreter der Esoterik-Szene, in der Badio-Sen-dung (01) „Esoterik und Beligion", „wird auf der Esoterikwelle an alien Ecken und Enden geredet". Der eine punktiere Ohren, der andere massie-re FuBsohlen. Nur - „wer die Schulmedizin ausschlieBt," meint Dahlke, „ist auch nicht ganzheitlich." Urspriinglich bedeutete Esoterik ja ein geheimes Wissen, um Heil und Heilung zu er-reichen. Der Begriff, so definiert Maria Widl, verweist auf ein Glaubens-system, das schon in der Antike neben dem Crfristentum entstand. Heute sei er ein diffuses Sammelkonzept fur alle moglichen Geheimlehren, quer durch alle Jahrhunderte und Kultu-ren. Esoterik wird heute vielfach mit dem verwechselt, was die Wissen-schaft als patch-work oder Bastel- und Heimwerkreligionen beziehungswei-se Cafeteria-Beligionen bezeichnet.

„Ich hab' mir meine eigene Beligion zusammengezimmert," zitiert die Zeitschrift „Psychologie Heute" einen deutschen Jugendlichen, „Denn: wenn du iiberall 'n biBchen Wahrheit rausnimmst, dann hast du die absolute - namlich deine Wahrheit." So manche, die mit Esoterik, Okkultis-mus oder New Age experimentiert hatten, entdecken eine persbnliche Mixtur, die als selbstgeschaffene Le-benshilfe dient. „Und gerade hier, wo die erkaltete Beligion des realexistie-renden Christentums auf die scharft-ste und kenntnisreichste Opposition traf," schreibt der Erziehungswissen-schafter Heiner Barz<5>, „fand sich auch der positive Gegenentwurf: Ein Bekenntnis zur religiosen Bastelmen-talitat." Statt die Beligion abzuschaf-fen, wird sie also neu, quasi als Ein-sichtin die „Mythenpflichtigkeit" des Menschen geschaffen. „Es gibt aller-

dings Unaussprechliches," hatte schon der wissensstrenge Wittgenstein eingeraumt, „dies zeigt sich, es ist das Mystische".

Die Bewegung in Bichtung Mystik und Selbsterfahrung begann in den siebziger Jahren. Junge und alte Sinn-suchende reisten in feme Lander, und nahmen Anleihe bei Buddhismus und Hinduismus. Um diese sogenannten Jugendreligionen ist es inzwischen ru-higer geworden. „Zugenommen hat hingegen der Zulauf zu Sekten, religiosen Sondergemeinschaften und esoterischen und neugnostischen Weltanschauungsgruppierungen," berichtet der Kinder- und Jugendpsy-

chiater Gunther Klosinski. „Eine auBerhalb der Konfessionen sich eta-blierende freie Beligiositat, noch auf christlicher Basis," diagnostiziert er, „geht flieBend iiber in eine offene, spirituelle Szene, die vom New Age beeinfluBt und von esoterischen Ver-lagen geradezu ausgebeutet wird."

Maria Widl findet einen Begriff, der die „Sinn- und Erfahrungsbastel-lade" der modernen Menschen um-fassender beschreibt. Sie spricht von „Neuen Beligiosen Kulturformen", von einer Suchbewegung, die kaum abzugrenzen sei. Gemeinsam ist den Teilnehmern das Lebensgefiihl einer ,, Wendezeit" und die Suche nach Le-

bensqualitat. Aber nicht nur jene, die an den Ubergang vom Fisch- zum Wassermannzeitalter glauben, sind hier dabei. „Wir leben in krisenhaf-ten und somit fruchtbaren Zeiten," schreibt etwa der Befreiungstheologe Leonardo Boff, der fur ein neues oko-zentristisches Weltbild pladiert. Es gelte, dem blinden Fortschrittsglau-ben ein anderes Modell entgegenzu-setzen. Die neuen, religiosen Bewe-gungen, meint Boff, liefen jedoch Ge-fahr, die Frage der Gerechtigkeit aus-zublenden. „Mystisches wird zur My-stifizierung, das Beligiose wird zur Flucht ins Private oder in die Warme der Gruppe". Die Nagelprobe der Echtheit dieser neuen Beligionen wird sein, meint Boff, „ob sie sich so-lidarisch im Sinn des Befreiungsen-gagements verhalten."

Ein einheitlicher, inhaltlicher Uberblick iiber die neuen Sinnsucher, schreibt Maria Widl, wurde nieman-dem gerecht. Zwischen sakralen Ubungen, Auspendeln, Astro-Psychologie oder auch politischem Engagement ist alles moglich: einige Schliis-selworter geben aber die gemeinsa-men inhaltlichen Spielregeln der neuen religiosen Kulturformen wie-der, namlich: * BewuBtseinswandel * Ganzheitlichkeit * Spiritualitat.

Man kann nun "diese Schliisselwor-ter beliebig fullen: etwa indem man auf den Wandel des Bewufitseins durch das Wasser-—1111 mannzeitalter hofft. Man kbnnte aber auch, im Sin-ne der Zukunftsforschung, die Frage nach den kiinftigen Lebensgrundla-gen, der Arbeits- oder der Beziehungs-welt stellen. Auch der Begriff „Spiri-tualitat" kann Beligiosen und Skepti-kern Heimat bieten. Fur die einen ist er vielleicht verbunden mit „Erleuch-tung" oder „Transzendierung". Die anderen konnten mit ihm die Suche nach einer Schbnheit jenseits des modernen Verpackungskitsches und des Fortschrittsmythos verbinden.

Die Zeit, bis sich die neue Lebens7 qualitat einstellt, an der derzeit noch jeder alleine fur sich bastelt, kann aber lange werden. Auch hier stellen die neuen religiosen Kulturformen, be-ziehungsweise deren Vermarkter, eine Hilfe zur Verfugung. Diese heifit Erbauung und wird bereitgestellt durch Geschichten und Spiele. Eine Werbebeigabe des Time-Life-yerla-ges etwa legt einer Buchausgabe „Ge-heimnisse des Unbekannten" ein Faltkartonspiel bei. Der Spieler durchlauft als „Astralk6rper" eine Achterschleife bis er das magische Auge erreicht Spielerisch gewohnt man sich daran, daB alles recht banal und nichts heilig ist. Aber man gewohnt sich auch an die Begriffe der Esoterik-Szene.

Vielleicht pendelt Umberto Ecco doch richtig in die Zukunft, wenn er glaubt: „ab einem gewissen Zeit-punkt macht es keinen Unterschied mehr, ob man sich daran gewohnt, so zu tun, als ob man glaubte, oder ob man sich daran gewohnt, wirklich zu glauben." ,

Die Autorin ist

freie Jounialistin

(1) Trevelycm G., „Kine Vision des Was-sermannzeitalters: Gesetze und Hinter-griinde des New Age ", Freiburg 1986

(2) WidlM., „Christentum und Rsote-Hk",VerlagStyria,W5

()) 7MlehnerP. M./Denk H. „fVie Euro-pa lebt und glaubt", Patmos Verlag, Dusseldorf,199)

(4) Zitiert in: Klosinski G. „Psychokulte: Was Sekten fur Jugendliche so attraktiv macht", Beck'sche Reihe, 1996

(5) Zeitschrift Psychologie Heute, Mi 199S

In der nachsten Ausgabe der Fvrche

lesen Sie ein Interview zum Thema „Baslelreligionen" mit dem Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner.

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