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Zerbrochene Illusionen vom großen Glück

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Der anfängliche Traum vom Glück zu zweit endet für immer mehr Paare als Alptraum. Warum können viele Menschen nicht mehr auf Dauer zusammen leben?

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Der anfängliche Traum vom Glück zu zweit endet für immer mehr Paare als Alptraum. Warum können viele Menschen nicht mehr auf Dauer zusammen leben?

Ehe ist etwas, das beworben wird. Jeden Mai kommen die Hochzeitshefte mit Hochzeitsmode, Hochzeitsessen und Hochzeitsbenimmregeln heraus. Die Illusion vom großen Glück zu zweit wird in Hochglanz vor Augen geführt.

Diese Illusion vom großen Glück zu zweit für Mann und Frau gibt es erst, seitdem Happinessfilme Vorbild sind. Sie lösten die Durchhaltefilme der NS-Propaganda ab. Deutschösterreichische Heimatfilme und US-Romanzen versprachen den Pionieren des Wiederaufbaus die traute Zweisamkeit, die sie als Säuglinge dieser Generation an der - ausgezehrten - Mutterbrust entbehren mußten.

Ehe ist aber vorerst einmal als bürgerlicher Vertrag auf gegenseitigen Beistand, Geschlechtsgemeinschaft und „Aufzucht” von Kindern konzipiert. Und: die Rangordnung dieser drei Kriterien hat sich seit 1812 (als das ABGB in Kraft trat) wesentlich geändert: Kinder werden heute, aus welchen Motiven auch immer, geplant oder „passieren”, sie sind nicht mehr Garant der Altersversorgung oder -pflege. Geschlechtsleben soll aus der Erotik der Beziehung erwachsen und nicht mehr aus Verpflichtung, die notfalls sogar mit Gewalt erzwungen werden kann - das ergibt sich aus dem Strafrechtsbestand der Vergewaltigung in der Ehe. Bleibt die Beistandspflicht. Aber wie sieht es mit dieser in Realität aus?

Die Menschen sind unabhängiger, damit aber auch anspruchsvoller geworden. Frauen sind nicht mehr bereit, sich ausbeuten zu lassen, zu nötigen, zu erpressen oder zu quälen. Aber auch Männer entfliehen dem „Terrorismus des Leidens” (Sändor Ferenc-zi) und fühlen sich für „Anhängsel” Frau (leider auch Kind) nicht verantwortlich. Genau darum geht es aber: Um Verantwortlichkeit.

Früher brauchten Mann und Frau einander

Im vorigen Jahrhundert noch brauchten Mann und Frau einander: er hätte seinen Bedarf des täglichen Lebens nicht decken können, wenn nicht die handwerklich perfekte Ehefrau produziert und organisiert hätte. Und sie hätte mangels außerhäuslicher Arbeitsplätze nur „in Dienst gehen” beziehungsweise späterhin in der Fabrik arbeiten können. Gouvernantenstellen waren rar und erforderten Bildung, die nur Adelige hatten. Die Aussteuer mußte händisch genäht werden, gab es doch noch keine industriell gefertigte Billigware. Die Möblierung der Ehewohnung wurde ererbt oder von mehreren Familienangehörigen erspart. Heute kauft das junge Paar auf Pump oder bastelt mit IKEA. Kochen tut Käpt'n Iglo oder Dr. Oetker, und Socken müssen auch nicht mehr handgestrickt werden. Alles ist käuflich ...

Damit verlagert sich - vom Individuum aus betrachtet - das Interesse an einer Partnerschaft, die Werte schafft, zu gemeinschaftlicher Kaufkraft. Shopping macht happy. Daß dieser vermeintlichen Kraft auch doppelte -und im Falle von Kinderreichtum mehrfache - Konsumkosten gegenüberstehen, wird oft erst bedacht, wenn eine(r) für alle zahlen muß. Dann steigen Schulden - denn auch Kredite werden beworben. Aus der ge, auf jeden Fall arbeitssparende Kleinwohnung der „Karrierefrau” Objekt der Berichterstattung. Arbeitssparend ist die technisch-perfekte Fassadenküche für „Ein-Minuten-Köche”. Arbeitssparend sind auch die „Blitzgerichte”.

Anfang der achtziger Jahre, als die Rezession Arbeit knapp werden ließ, wurde deutlich wieder „Heim an den Herd” propagiert - mit arbeitsaufwendigen Rezepten. „Natürlich leben” als Nostalgie: Brot selber backen, Nudeln selber kneten und trocknen, aber auch Möbel selber renovieren, Teppiche selber knoten, Stoffe selber drucken ... Zielgruppe: die hochbegabten, kreativen Frauen. Manche schufen sich so auch einen selbständigen Arbeitsplatz. Und manche konnten so auch die Familie erhalten, als gegen Ende der achtziger Jahre zunehmend die Männer aus der Arbeitswelt ausschieden - oftmals als ausgebrannte Ruinen. Andere durchschauten das geheime Ziel und verweigerten.

Frau allein stellt ihren Mann. Mann wird unnötig - und oft zum lästigen Zusatzkind, das die ehemalige Vorrangstellung einfordert wie vor der Familienrechtsreform 1978. Was folgt, ist Widerstand, von Frau wie Kindern, die sich wiederum isolieren oder die Gemeinschaft von Gleichen suchen. Signal im Essensbereich: jeder snackt allein vor sich hin. Signal im Freizeitbereich: jeder shaked vor sich hin - in der Disco.

Sichtweise der Fertigungsindustrie ist es interessanter, wenn möglichst viele Singlehaushalte möglichst perfekt ausgestattet sind. Aus dem Blickwinkel der Banken ist es interessanter, wenn regelmäßige Ratenzahlungen eintrudeln.

Aus der Vielfalt konkurrierender TV-Programme folgt: Jeder will „einen Fernseher für sich”. Damit fällt „Feierabend” nicht nur als Zeit des Gesprächs, der Beziehung aus, sondern auch als Zeit, die zumindest gemeinsam verbracht wird. Treffpunkt wird der Eisschrank in der Küche, oder im Gegenteil: die Toilettentür.

Zeigten in den siebziger Jahren die Wohnreportagen in Frauenzeitschriften (zum Beispiel „Brigitte”) noch überwiegend Familienwohnungen, ist seit Mitte, Ende der achtziger Jahre die elegant-teure oder billig-pfiffi-Woran so viele Ehen scheitern...

■Das Erleben der Herkunftsfamilie ist mitverantwortlich für das Scheidungsrisiko: stammt der Mann aus einer Scheidungsfamilie, hat seine Ehe ein dreifach erhöhtes Risiko gegenüber einer „vollständigen” Herkunftsfamilie. Bei Frauen ist es doppelt so hoch.

■ Je größer die Einmischung durch die Eltern, desto negativer die Partnerbeziehung. Sie erhöht aber auch die Bereitschaft, Unerträgliches zu erdulden.

■ In „erfolglosen” Ehen wird

- nicht zusammengehalten,

- wenig geredet,

- schnell gestritten,

- dem einzelnen wenig Autnomie gelassen.

■ Streß- vor allem finanzieller, aber auch Freizeitstreß - verändert das Verhalten und belastet die Partnerbeziehung: durch Ausdruck einer negativen Haltung, durch Fehlen von Anerkennung, Verweigerung emotionalen Eingehens auf den anderen und Zurückhalten von Ärger.

RotraudA. Ferner

Tanzengehen - auf den Probeboden für Annäherung, Körperkontakt und Abtestung, ob die Immunsysteme zusammenpassen (sonst kann man sich nämlich nicht riechen und nicht schmecken) - bringt auch wieder Vereinzelung: jeder zappelt vor sich hin, stumm, denn der Disco-Sound ist zu laut für ein Gespräch, und die Lichtreflexe sind zu grellblitzend für einen Blickwechsel.

Nähe macht Angst. Daher wird sie vermieden. Und dementsprechend reduziert sich auch das Geschlechtsleben auf Blitzkontakte. Befriedigung -Frieden - bleibt aus. Selbst zum Kindermachen braucht man theoretisch keinen realen Partner mehr. „In vitro und selbstgemacht?” oder „Geleast? Wo lassen brüten?” wird es wohl bald heißen, oder: „Was? Noch nach der alten Methode?”

Woher also sollten Paare wissen oder motiviert sein, an ihrer Beziehung zu arbeiten, sich abzustimmen -sozial wie insbesondere dort, wo es um Potenz geht; finanziell und sexuell? Wenn der Wert eines Menschen nur über seine Macht, seine Durchsetzungskraft definiert wird, wundert es nicht, wenn allerorts Machtkämpfe und Gewaltakte folgen. Ziel: Siegen. Folge: Einer (eine) eine bleibt dann über, unterlegen, oder flüchtet rechtzeitig. Durch Scheidung. Oder wird krank - stellt sich tot.

Wenn Ehe so oft als Auslaufmodell bezeichnet wird, lohnt wohl das Nachdenken über den Begriff „Auslauf”: nicht nur im Sinne der Industrieproduktion. Ob eine Ehe „ausläuft”, bestimmen die Partner. Wollen sie das? Oder will eine(r) den „Auslauf” und der (die) andere soll alles zusammenhalten? Oder sollten wir bei diesem Wort nicht daran denken, sich zu öffnen, auszulaufen, um der anderen Person zuzuströmen?

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