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Zeuge der Finsternis

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Welcher Dichter von heute dürfte es wagen, für sich den Ruhm in Anspruch zu nehmen, als Seher gefeiert zu werden, aus dessen Mund Gottes reines Wort ertönt? Und wer von ihnen dürfte priesterliche Haltung einnehmen, ohne in lächerliche Pose zu verfallen? Bescheidener, wenn auch nidit weniger ehrenvoll für den Dichter, darf jedoch jede echte Dichtung als Deutung der Seinswirklichkeit aufgefaßt werden. Die Aufgabe des modernen Dichters, vor allem wenn er seine eigene Zeit zu deuten unternimmt, kann daher nur lauten: Zeuge zu sein. Zeuge der Taten und Untaten, der Tränen und des Leides, Deuter der geistigen und seelischen Beweggründe, die alles dieses gebar. Aber es ginge über die Erlebnisfähigkeit und Schöpferkraft, wollte e i n Dichter der Gesamtheit unserer Zeit, allen ihren Ursachen und Wirkungen in allen Gesellsdiaftsschichten an allen Orten der Erde gerecht werden. Den umfassenden Chronisten unserer Zeit kann erst die Zukunft bringen. Aber da und dort treten bereits die ersten Zeugen vor die Barre, um ihren Teil zu künden von der großen Konfession unserer Zeit. Zu diesen gehört auch der Dichter Franz Theodor C s o k o r, der Zeugenschaft ablegt von den Jahren, da die Kriegsfurie mit ihren Geißelhieben den Balkan schlug .

Es soll hier nicht die Rede sein von Csokors persönlichem Schicksal, das ja keinen Ausnahmefall darstellt, und auch nicht von den tief erlebten und anschaulich geschilderten geschichtlichen Mächten, die den Balkanraum zu dem machten, was er heute ist: zu einer der Brücken zwischen dem Orient und dem Okzident, zu einem Erben des klassischen Griechenland und der byzantinischen Kultur, zu einem Schlachtfeld feindlichster Gegensätze. Auch die wertvollen Beiträge zur Kunstgeschichte Jugoslawiens, vor allem über Ivan Meštrovič und dessen begabten Schüler Ivo Lozica, der von den Italienern als Geisel erschossen wurde, sollen nur dankbar erwähnt werden. Ja selbst den Hinweis auf das Problem der Kollektivschuld müßten wir uns versagen, denn es ist bereits öfter und tiefgründig erörtert worden, wenn uns nicht gerade dieses Problem mitten in den Kern des Buches führen würde.

„Als Zivilist im Balkankrie g". Ullstein-Verlag, Wien 1947.

In der einleitenden „Widmung an das Dorf Borodin", wo wenige Tage vor dem deutschen Balkanfeldzug der Sohn des Bürgermeisters einen jüdischen Wanderhändler getötet hatte, weshalb der Ortsrat beschloß, nach zweimonatigem Fasten zu beichten und das Abendmahl einzunehmen sowie endlich eine Summe aufzubringen für die Armen des Sprengels, steht der Satz:

„Wo liegt der Ort..., wo man spürt, daß Schuld uns allen ebenso gemeinsam ist wie Leben und wie Tod?“

Von da steigt das Thema des Buches über das anklagende „Tat twam asi!“ — „Das bist du"! an der Schwelle des Buddhistentempels in Belgrad auf zur Schilderung des Priesters und dalmatinischen Archäologen Frane B u 1 i 6 und dessen Grabstätte zu Salona mit dem selbstverfaßten Spruch: „Hier ruht Franciscus Bulic — ein Sünder und unwürdiger Priester.“

„Wer von uns ist beute nicht Mitangeklagter am Leid der ganzen Welt? Was immer jetzt auf diesem Stern geschieht — in uns hat es begonnen, in uns allen mit dem, was wir in uns nicht auszurotten suchten, weil wir wähnten, daß wir die Herrschaft über uns in unseren Händen hielten. Mit unseren Fehlern, unseren Schwächen, unserer' Gier und unserer Herzensträgheit fing es an und nun erbebt es sich vor uns als unser Schicksal ...“

Csokors Balkanbuch läßt den politischen Standpunkt des Verfassers klar erkennen. Um so bemerkenswerter erscheint der Versuch, über das Politisdie hinaus ins Religiöse vorzustoßen, und es ist sicher kein Zufall, daß das Werk mit dem Bußstreben einfacher Herzensfrömmigkeit beginnt und mit dem Namen Gottes endet. Das Problem der Schuld wird als Erbsünde, als Erkenntnisstreben vorwiegend im sensuellen Sinne aufgefaßt. Weil die Menschheit Gott gestürzt und an seine Stelle das Blut zum Götzen erhoben hatte, wird sie in leidenschaftliche Kriege verstrickt. Dank des von Gott geschenkten freien Willens ersann der Mensch die modernen Materialschlachten, die uns um Äonen in eine moderne Eiszeitkultur zurückwerfen. Und so lautet das Schlußwort des Buches, das jede Möglichkeit der Menschheitsentwicklung offen läßt:

„Unter Kirchen, Konfessionen und Dämonenglauben liegt es (das Wort Gott) nun ver-

schüttet und eine unerlöste Menschheit tappt seither durch einen Urwald von Doktrinen und Ideologien seinem Lichte nach: sie hat sich Zeichen dazu ausgesonnen, hat Kadaver konserviert und Sterbliche vergötzt; jedoch der einzig Schimmer, dem sie von drüben schließlich auf die Spur kam, wurde der Glutschein der Atomzertrümmerung, die ihr das Tor zum Jüngsten Tag öffnen könnte, aber nie zu G o t t.“

Der ethische Gehalt des Buches steht außer Zweifel. Wohl wird als ehernes Gesetz der Revolutionen die Blutsweihe aufgestellt, „denn ohne Blut wird nichts in diese Welt hineingeboren, lind selbst das, was sie weiterbringen will, die reinsten Theorien und Doktrinen, müssen davon trinken, wenn sie aus Worten Leben werden sollen“. Aber höher als das Gesetz der Revolutionen steht das der Wahrheit, denn die Wahrheit „muß man sagen und ertragen können, und eine Salve soll eine Salve bleiben, und ein Grab ein Grab — oder wir haben sechs Jahre umsonst gestritten und gelitten“. Neben diesem tapferen steht das schlichte Wort, daß „jede Ordnung ohne Liebe sinnlos bleibt“.

Aber trotz Csokors achtenswertem Streben nach Objektivität darf das Balkanbuch keineswegs als ein christliches bezeichnet werden. Darüber dürfen auch die Kapitel nicht hinwegtäuschen, wo Priester zu Wort kommen, wie in dem wunderschönen „Gespräch über das Vaterunser“, oder wo die Gestalt Jesu mit aller Ehrerbietung vor dem Göttlichen in der Darstellung aufscheint.

Die Christenheit oder Europa: diese Gleichung, die trotz der Renaissance im Barockzeitalter noch einmal zu glanzvoller Entfaltung gelangt war, wurde noch einem Romantiker wie Novalis zum realen Erlebnis. Aber ebenso unumstößlich muß auch erkannt werden, daß die christliche Einheit des Abenlandes mehr und mehr in zwei schier unvereinbare Hälften auseinanderbrach: in das christliche und in das politische Europa. Aber konnte die Finsternis unserer Zeit, als deren Zeuge Csokor auftritt, die Christenheit wirklich so außer Kraft setzen, ist die Botschaft Christi wirklich sosehr verschüttet worden, daß das Heil nur mehr von einer neuen Religion erwartet werden dürfte? Sicherlich dachte auch Csokor, dem katholischen Kulturkreis Mitteleuropas angehörend, daß die neuen religiösen Bestrebungen nicht ohne maßgebliche Mitarbeit des Christentums aller Bekenntnisse vor sich gehen könnten. Aber der Verfasser bleibt uns immerhin die Antwort auf die Frage schuldig, woher sonst noch religiöse Impulse zu einer Erneuerung Europas zu erwarten seien; denn aus politischen Ideologien sind noch niemals Religionen entstanden.

Das Buch umfaßt den Zeitraum von 1940 bis 1943. Obwohl erst 1947 erschienen, wird über das Jahr 1943 nur selten hinausgegangen, wie zum Beispiel dort, wo Csokor über die haßerfüllte, zwischen zwei Weltkriegen aufgewachsene Jugend spricht; diese Stelle hat Gewicht:

„Wenn sie den Feind (Deutschland) geschlagen haben werden, stecken sie sich an seiner Leiche an. Dann gibt es mehr Nationen als vorher und jede pocht auf ihre eigenen Rechte, Rechte aller Art. Einzig die Menschenrechte wird man nicht darunter finden.“

Wir wünschten dem Autor keineswegs, daß seine odysseisdhe Flucht noch länger gedauert hätte. Trotzdem dürfte wohl jeder Leser seines Budies bedauern, daß die Darstellung nicht wenigstens bis 1945 reichte. In welcher Gestalt der Dichter gewissermaßen die Fortsetzung seines Balkanbuches Zu bringen hätte, würde dieser anspruchsvolle . Leser selbstverständlich dem Autor überlassen. Auf jeden Fall können in der Konsonanz der flüssigen Darstellung die Dissonanzen zwischen dem politischen und dem ethisch-religiösen Gehalt des Buches nicht überhört werden. Diese unglückseligen Dissonanzen Europas werden deutlich vernehmbar am Beispiel des jugoslawischen Bildhauers Ivan Mestrovid, dessen Persönlichkeit und Werk von Csokor mit aufrichtiger Dankbarkeit geschildert werden. Aber warum lebt Mestrovid heute fern von seiner geliebten Heimat? Und wir wollen weiter fragen: Warum will sich trotz mancher Ansätze zur Verständigung die Dissonanz Europas nicht endlich zu einem wohltönenden Akkord runden?

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