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Zwischen Euphorie und Ärgernis

Das E,nde des wetterunfreundlichen Septembermonats setzte den Schlußakkord für das dreiwöchige Linzer Brucknerfest, das im heurigen Brucknerjahr pflichtgemäß das Werk des Ansfeldner Meisters besonders beachtete. Für den letzten Festabend schien endlich quasi alles versöhnend die Sonne und breitete über Richard Wagners „Parsifal” in einer konzertanten Aufführung des Opernhauses Zürich ihre wärmenden Strahlen. Mit Inbrunst und Hingabe betreute das ereignisreiche Schweizer Gastspiel der Heimkehrer Franz Welser-Möst, dem das ausgezeichnete Orchester erst nach einem Jahr seiner Operncheftätigkeit sich bereits ganz ergeben zeigte. An Welser-Mösts zwei Tage vor Linz in Zürich neu vorgestelltem Wagner ist aber auch gar nichts auszusetzen. Mit seiner schlanken, von innen her glühenden Gestik überzeugt er genauso vom großen Atem der Musik wie von seinem sicheren Gespür für die sonst eher vernachlässigte Disposition des Klanglichen, für die in der Wagnerischen Instrumentation spezifischen Klangwertnuancen. Typische Wagner-Heroen sind bei Welser-Möst eben durch seine auch so mitfühlende Sängerbetreuung bestens aufgehoben. Das Züricher Gastspiel hat zwei davon aufgeboten, die zu eindeutigen Stars der Aufführung gekürt wurden: Matti Salminen als Gurnemanz von mächtiger Orgelstimme sowie Bayreuths neuem Hans Sachs, Robert Holl, dessen Fachwechsel vom Liedgesang seinem jetzigen Amfortas-De-büt so manche gestalterischen Vorteile aufprägte. Die größte Zugkraft Peter Seiffert, heuer ebenfalls Neuling am Grünen Hügel, hat leider abgesagt, so daß der Wagner-erfahrene Parsifal Gösta Winbergh, wohl kein gleichwertiger Ersatz, immerhin Respekt und Dank für die Rettung des Abends einheimsen durfte. Als Ein-springling nicht leicht hatte es auch Aleicia Byrnes-Harris als Kundry, entpuppte sich jedoch als eine beglückende Neubegegnung auch für Wagner-Kenner.

Bruckner-Kenner schwanken am Ende eines anstrengenden Festivals mit-schönen Strapazen zwischen Zufriedenheit und weniger schönen Erlebnissen. Die Starparade der Bruckner-Anwälte, für das gesamte symphonische ÖLuvre aufgeboten, hat aufschlußreiche Vergleiche der einzelnen Deutungen ermöglicht, allein es waren zumeist die von einer Bruckner-Tradition zehrenden Orchester und nicht nur die Dirigenten, die im Klange und Geiste Bruckners schwelgen ließen. So spielte das von Eugen Jo-chum einst aufgebaute Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gleich zweimal, absolut perfekt und stimmig unter Wolfgang Sawallisch die „Sechste”, hingegen mit mehr emotionalem Ansatz und einem rationalen Tempoplan unter Lorin Maazel die „Fünfte”. Offensichtlich war die Bruckner-Affinität auch beim ebenfalls zweimal gastierenden Gewandhausorchester Leipzig und erst recht bei Kurt Masur, der mit der „Siebenten” und „Dritten” die beiden gültigsten der Bruckner-Festkonzerte bescherte. Kurt Sanderling, mit der „Vierten” am Pult des Philharmonia Orchestra London, fiel durch einen besonders langsamen Bruckner auf, während Dennis Rüssel Davies mit dem ORF-Symphonie-Orchester die „Erste” durchpeitschte. Das Bruckner-Orchester unter Martin Sieghart bestand mit der „Neunten” in Ehren, Heinrich Schiff verlieh der „Zweiten” mit dem Stuttgarter Radio Sinfonieorchester ungewohnt musikantische Züge. Zum Ärgernis von Veranstalter und Publikum wurde die „Achte” der Wiener Philharmoniker unter der peinlichen Nichtkompetenz von Pierre Roulez in St. Florian. Fernsehaufbauten in der Stiftskirche verhinderten jegliche Versenkung in Bruckners Musik.

Das Fest ist gelaufen, aber allzu euphorisch darf es nicht gesehen werden, trotz der elf ausverkauften von 20 Konzerten, trotz der starken Resonanz aus dem Ausland, trotz der in diesem Zeitraum einzigartigen Ansammlung von Pultprominenz. Die praktische Gegenüberstellung der Symphonie-Fassungen etwa, denen immerhin ein fünftägiges Symposion gewidmet wurde, mehr Orgelabende vielleicht mit einem eigenen Prospekt, etwa ein Wettbewerb für junge Örgelimprovi-sationskünstler oder Kapellmeister hätten dem Fest noch mehr Farbe geben können als die oft noch so guten zeitgenössischen Vorspannwerke, mit denen man - wie unverständlicherweise auch bei der Kammermusik von hoher Qualität - seine liebe Publikumsnot hatte.

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