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Literatur

Zwischen Semiramis und Garten Eden

1945 1960 1980 2000 2020
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Wie kaum ein anderer Bereich gehört das eigene Stück Natur zum Sehnsuchtsraum des Menschen. Bereits die Genesis berichtet vom Garten Eden, dem Paradies, aus dem die Menschen vertrieben worden sind. Mit dem alten Babylon assoziiert man die Hängenden Gärten der Semiramis, eines der sieben Weltwunder der Antike, heute vielleicht vertrocknete "Lehmterrassen“, über die einst rauschende Geschichten erzählt worden sind: "hängt sich ein garten am ende der welt auf / ab und an seinen nächsten und springt als / erinnerungsschleife weiter und über zur zunge / des einen ins ohr eines anderen zeichnet sich / neu ab im auge atlantis und lauscht einem / wohligen rauschen ganz eden schwingt …)

Reise durch den Garten

Semier Insayif begibt sich in seinem Gedichtband "boden los“ auf eine experimentelle poetische Reise durch Flora und Fauna des Gartens. In konzentrischen Kreisen bewegt er sich, angeregt durch die Zitate berühmter Denker und Schriftsteller, von innen nach außen und von oben nach unten durch die Räume der Natur und spiegelt Wahrgenommenes in den Klangzonen der Sprache: "jedes wort erzählt als frucht sich stets aufs neue.“

Insayif spannt den Bogen von Vor- und Innengärten bis hin zu den fliegenden Teppichen. In rhythmisierten, oft hermetischen Versen zeigt er unterschiedliche Zugänge zu den vielfältigen Ausprägungen dieses Naturraums. Foucault etwa erwähnt Gartenbilder auf Orientteppichen, mit denen auch Bewegung durch den Raum möglich war. Analog zum symmetrischen Design der handgeknüpften orientalischen Kunstwerke finden sich hier wiederkehrende Wortgruppen und arabische Sedimente, die Insayif in seine Versklangkörper wirkt.

Manche Texte sind der Auseinandersetzung mit George, Brentano, Rilke oder Eichendorff gewidmet, aus deren Naturlyrik Insayif Versatzstücke aufgreift, die in seinen eigenen Kompositionen Teil neuer schillernder Sprachwelten werden. Dann faltet er Haikus (im japanischen Garten), Wortrochaden, zarte Metaphern (grenz licht / auf stein / staut licht boden … kriechen wortlinien feucht / wie gewelltes papiergras) oder neue Wortwurzeln ("sprache rache ach. haupt achse ein feld ohne asche“) im Spiel mit den Lauten aus der Sprache heraus. Kunstvolle Enjambements, die Zäsuren in die Mitte der Worte jagen und neue Konnotationen generieren, verbinden die einzelnen Verse. Insayif arrangiert Wortgeflechte, verschachtelt und verknotet Bilder neu wie in seinen Klangreden, in denen "Sonnenfäden“ in leisen Tönen hörbar werden und das Eindringen in das Wurzelwerk mit dem "Schwingungsmark“ korrespondiert. Neologismen wie "chlorophyl gewitter“, "sprachstachel“, "schweigeschilf“ oder "wortklatschmohn“ und der Wildwuchs klingender Alliterationen ("was zibbelt zampft und zirbt / was zeiselt zwickt und zeckt / was zwiebelt zäunt und zuckt“) beleben die vollen Klangspeicher dieser Lyrik.

Wortgewaltig durchmisst Insayif das magische Feld des Gartens, lässt dabei die kulturellen Ebenen ineinanderfließen und in den verborgenen Nischen unserer Sprache "verwickelte Geschichten“ erblühen.