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115 Millionen Menschen am Abgrund

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Die Weltwirtschaftskrise hat mit enormer Wucht die ärmsten Regionen der Welt erreicht. 700 Milliarden Dollar an Investitionen fallen aus. Millionen Menschen sind von massiver Armut und Hunger bedroht. Wer hilft?

In einem Wiener Luxushotel wurde Mitte vergangener Woche eine Allianz von Sorgenträgern geschmiedet: Vertreter der Weltbank, des OPEC-Hilfsfonds, der Österreichischen Entwicklungsbank und 14 weiterer offizieller Entwicklungshilfe-Organisationen trafen einander, um über die globalen Auswirkungen der Krise auf die ärmeren Regionen der Welt zu beraten. Dabei zeichneten die Teilnehmer ein dramatisches Bild von Afrika, Südostasien und den meisten Nationen Lateinamerikas. Nicht weniger als 115 Millionen Menschen in den 94 ärmsten Ländern der Welt könnten durch die Wirtschaftskrise in den Zustand der absoluten Armut zurückfallen. Mit betretenen Gesichtern traten denn auch die Vertreter der Organisationen vor die Presse. Stellvertretend sagte der Vertreter des OPEC-Fund für Internationale Entwicklung, OFID, Said Aissi: "Wir sind in einer sehr ernsten Situation. Wir werden Millionen und Milliarden an Dollar brauchen, um Menschenleben zu retten. Bei uns geht es nicht um Menschen, die sich den einen oder anderen Komfort nicht mehr leisten können, sondern die kein Brot mehr zu essen haben."

Laut den neuesten Statistiken der Weltbank werden 2009 jene 116 Nationen, die am Ende der weltweiten Reichtumsskala stehen, durch die Wirtschaftskrise bis zu 700 Milliarden Dollar Verluste erleiden. Allein um die negativsten Effekte zu lindern, sind 25 Milliarden an Soforthilfe nötig. Damit könnten laut Internationalem Währungsfonds gerade einmal die 22 ärmsten Länder vor dem Schlimmsten bewahrt werden.

Wirtschaft auf Nullpunkt

"Unser Problem ist, dass die Wirtschaft praktisch zum Erliegen gekommen ist", meint Jyrki Koskelo von der International Finance Corporation der Weltbank.

Grund dafür ist der vollständig zum Erliegen gekommene Interbankenhandel. Viele Entwicklungsländer verfügen lediglich über ein bis zwei Banken, die beinahe vollständig von der Verleihlaune internationaler Großbanken abhängig sind. Über die konkreten Auswirkungen berichtet Rolf Westling von der African Development Bank aus eigener Anschauung: "Von einem Tag auf den anderen blieb das Geld aus, viele Projekte, die wir mit Millionen Dollar in Angriff genommen hatten, stehen plötzlich still."

Schon Ende Jänner hatte Weltbank-Präsident Robert Zoellick zu einem international koordinierten Vorgehen aufgerufen: "Lassen Sie die Entwicklungsländer nicht draußen in der Kälte stehen." Doch sein Appell blieb bisher weitgehend ungehört. Gingen 2007 noch 13 Prozent aller globalen Investitionen in Entwicklungsländer, dürften es 2009 nur noch 3,5 Prozent sein - und das bei einer weltweiten Schrumpfung der Weltkonjunktur, der ersten seit achtzig Jahren. Obwohl das Bruttonationalprodukt in den Entwicklungsländern noch im Plus liegt - so fällt das GDP Afrikas von sechs auf drei Prozent -, sind die weniger entwickelten Nationen gleich doppelt betroffen. Denn viele der europäischen Gastarbeiter aus Afrika und Asien schickten einen Teil des verdienten Geldes an ihre Familien. "Auch dieser Geldfluss ist nun großteils zum Erliegen gekommen", resümiert Said Aissi von der OPEC. "Tausenden Familien fehlen dadurch lebenswichtige Einnahmen", so Said Aissi.

Was kann die Weltgemeinschaft also tun, um den ärmsten Nationen aus der Notlage zu helfen? Das Treffen der offiziellen Entwicklungshilfeorganisationen soll einen Aktionsplan auf den Weg bringen, der insgesamt 24,5 Milliarden Euro schwer ist; bei dem eigentlichen Finanzbedarf eigentlich ein Tropfen auf den heißen Stein! Österreichs Entwicklungsbank beteiligt sich daran mit bescheidenen 20 Millionen Euro.

Mikrokredit-Hausse

Diese Summe soll ausschließlich in Mikrokredite investiert werden und scheint relativ sicher angelegt. Es zeigt sich, dass gerade jene Banken, die sich auf diese Art von Kleinkredit spezialisiert haben, bisher an der Krise noch keinen Schaden genommen haben. Immerhin konnte die größte Europäische Institution dieser Art, die Oikocredit ihre Bilanzsumme um 15 Prozent auf 449 Millionen Euro steigern. Paradoxerweise sank mit der Ausweitung der Finanzkrise gerade die Kreditausfallsquote jener Bank, die den ärmsten Kleinbauern und Handwerker-Familien Geld leiht, ohne eine Sicherheit oder Bürgen zu fordern: Weniger als ein Prozent des Geamtvolumens steht in Gefahr, nicht zurückgezahlt zu werden. "Unseren Kunden geht es um den Kauf einer Kuh, den Erwerb von Saatgut oder den Erwerb eines Marktstandes. Wir helfen den Menschen, sich selbst zu helfen", sagt Ben Simmes, Vorstand von der internationalen Oikocredit-Bank.

Der Erfolg spricht für sich: Weniger als 100 Dollar beträgt der durchschnittliche Kredit der Bank. Die Rückzahlung erfolgt in den meisten Fällen schon innerhalb der ersten achtzehn Monate.

Für Peter Püspök, den Direktor der Oikocredit Österreich, steht fest, "dass die Ärmsten der Welt für Banken derzeit bessere Schuldner sind als die Reichen". Püspok muss es wissen, er kennt schließlich den Unterschied. Er war über 30 Jahre lang Generaldirektor der Raiffeisenbank.